"Mich und mein Leben aufzugeben, war keine Alternative ". Annkatrin Jensen, MS-Patientin Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Multiple Sklerose Auf eigenen Beinen

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Sie ist eine Krankheit mit tausend Gesichtern. Dennoch verbinden viele Multiple Sklerose vor allem mit einem: dem Leben im Rollstuhl. Neue Medikamente können das verhindern

Ja, sicher: Sie hat eine Diagnose. »Aber«, und das sagt Annkatrin Jensen mit Nachdruck: »Ich bin nicht krank.« Für manche mag das ein kleiner Unterschied sein. Aber es ist ein entscheidender: Annkatrin Jensen hat Multiple Sklerose (MS). Sie leidet aber nicht darunter. Zumindest nicht mehr. Es gab Zeiten, da war das anders. Zuletzt vor vier Jahren: Damals wurde sie von einem MS-Schub außer Gefecht gesetzt, musste kämpfen und hart daran arbeiten, wieder auf die Beine zu kommen – und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Aber sie hat es geschafft.Sie ist wieder aufgestanden.
Was auch sonst? Annkatrin Jensen ist schlank und zierlich, aber stark. Eine Sportlerin, früher einmal Leichtathletin, immer noch eine Kämpferin. Ihre 43 Jahre sieht man ihr nicht an. Genauso wenig wie ihre Krankheit, oder nein: ihre Diagnose.

Multiple Sklerose ist eine chronisch entzündliche Erkrankung, die meist in Schüben verläuft. MS schädigt das zentrale Nervensystem (ZNS): Im Gehirn und im Rückenmark kommt es immer wieder zu Entzündungen an der Schutzschicht der Nervenfasern, den sogenannten Mark- oder Myelinscheiden. Die Markscheiden spielen bei der Erregungsleitung der Zellen eine wichtige Rolle. Werden sie durch die Entzündungen beschädigt, gelangen beispielsweise die Befehle des Gehirns nur noch eingeschränkt zu den Muskelzellen des Körpers. In der Folge können Gefühls- oder Lähmungserscheinungen auftreten. Weil das eigene Immunsystem die Schutzschicht der Nerven attackiert und so die Entzündungen auslöst, zählt Multiple Sklerose zu den Autoimmunkrankheiten.
Der Name Multiple Sklerose leitet sich von dem Erscheinungsbild der Krankheit ab: In Gehirn und Rückenmark entstehen multiple – sprich: mehrere – Entzündungsherde, die dazu führen, dass sich das betroffene Gewebe vernarbt und dadurch verhärtet – ein Vorgang, den Fachleute als Sklerosierung bezeichnen (von griechisch »skleros« für hart). MS ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und unter jungen Menschen sogar die häufigste. »Neuesten Schätzungen zufolge sind in Deutschland rund 240 000 Menschen von MS betroffen«, sagt Judith Haas, Ärztliche Leiterin des Zentrums für Multiple Sklerose am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Eine erhebliche Steigerung sei das – ging man doch bis vor Kurzem noch von rund 120 000 Patienten aus. Wie bei den meisten Autoimmunerkrankungen seien die Betroffenen übrigens überwiegend weiblich, sagt Haas. Rund drei Viertel seien es bei der MS. Warum das so ist, können Wissenschaftler noch nicht eindeutig sagen. Genauso wenig, warum die Frauen in immer jüngeren Jahren erkranken. »Wahrscheinlich spielt dabei aber der moderne Lebensstil eine Rolle«, sagt Haas. So würden mehr Frauen rauchen, außerdem erst später schwanger werden. »Beides kann möglicherweise das Erkrankungsrisiko beeinflussen.«
Im Durchschnitt sind Menschen mit Multipler Sklerose 30 Jahre alt, wenn die Krankheit bei ihnen ausbricht. Annkatrin Jensen war 27, als sie erste Symptome bemerkte. »Ich hatte einen anstrengenden Tag hinter mir, viel Stress bei der Arbeit«, sagt die Art Directorin, die heute freiberuflich arbeitet. »Als ich am nächsten Morgen aufwachte, guckte ich auf einem Auge wie durch einen Schleier, wie durch eine Milchglasscheibe.« Für sie, die bei der Arbeit ein gutes Auge braucht, war das ein Problem. Was sie nicht wusste: Ein relativ typisches Anfangssymptom von MS war es außerdem. Denn auch wenn die Entzündungen im gesamten Nervensystem entstehen können und von Schub zu Schub häufig ohne erkennbares Muster wandern, sind die Sehnerven besonders häufig betroffen; ebenso die Neuronen im Hirnstamm, im Kleinhirn und in den Leitungsbahnen des Rückenmarks.

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