"Wäre das Gehirn ein Auto, würden Migräne-patienten porsche fahren". Jan-Peter Jansen ist Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des SZ Schmerzzentrums Berlin. Foto: Promop

Migräne Wie ein Kater ohne Alkohol

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Übelkeit, Lichtempfindlichkeit und hämmernde Kopfschmerzen – die Migräne ist eine wahre Volkskrankheit. Woher der Schmerz kommt und was man dagegen tun kann

Jeder hat mal Kopfschmerzen. Worin unterscheidet sich die Migräne vom gewöhnlichen Kopfschmerz?
Eine Migräne fühlt sich oft an wie ein Kater – nur dass der Migränepatient keinen Alkohol getrunken hat. Ein pochender, pulsierender Kopfschmerz, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sind typische Symptome. Bei zwei Drittel der Patienten tritt der Schmerz halbseitig auf. Daher stammt übrigens auch der Krankheitsname – das altgriechische Wort bedeutet »halber Schädel«. Viele Menschen haben nie eine Migräne, andere erwischt es nur ein oder zwei Mal im Leben. Menschen, die unter schwerer Migräne leiden, müssen mit mindestens acht Attacken im Monat leben.


Wie kommt es zu den Migräneattacken? Was passiert dabei im Hirn?
Meinen Migränepatienten sage ich immer, dass sie eigentlich ein bisschen stolz auf ihr Gehirn sein können. Denn ihre Nervennetze sind stark erregt, die Reizverarbeitung läuft auf Hochspannung, sie sind in der Regel konzentrierter, aufnahmefähiger und können mehr Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Wäre das Gehirn ein Auto, würden sie einen Porsche fahren. Allerdings blockiert das Bremspedal. Die körpereigene Schmerzhemmung des Hirnstamms scheint bei Migränepatienten weniger ausgeprägt zu sein als bei gesunden Menschen. Dadurch sind die Betroffenen weniger stressresistent. Die Migräne hat also genetische Ursachen und ist weder das Produkt einer falschen Erziehung noch einer psychischen Erkrankung, wie manche fürchten.
Früher nahm man an, dass bestimmte äußere Reize, sogenannte Trigger, den auf hochtouren laufenden Nerven den Rest geben und sie überreizen ...
Ja, das nahm man früher an, aber mittlerweile ist dieses Triggerfaktorenkonzept nicht mehr aktuell. Allerdings beobachten wir, dass der Migränekopschmerz häufig mit der Regelblutung auftritt.

So weit zu den körpereigenen Ursachen. Aber was löst eine Attacke aus?
Wichtig ist zunächst, zwischen Anlass und Ursache zu unterscheiden. Letztere ist wie gesagt die genetische Veranlagung zu hocherregten Nerven und einer geringeren Stressresistenz. Der Anlass, der das Fass dann zum Überlaufen bringt, können beispielsweise psychischer oder körperlicher Stress, ungewohnte Lebensumstände oder Hormonschwankungen sein. Allerdings wird die Migräne viel zu häufig unnötig pathologisiert, also als Krankheitsphänomen wahrgenommen. Wenn beispielsweise ein Jugendlicher unter häufigen Attacken leidet, vermuten manche schnell psychische Probleme. Das ist aber oft vollkommener Quatsch. Durch solche Diagnosen werden die betroffenen Kinder und Jugendlichen nur unnötig verunsichert und zusätzlich unter Druck gesetzt.
Die Migräne ist eine Volkskrankheit, die Millionen Menschen quält. Was hilft gegen den Kopfschmerz?
Leichte bis mittlere Migäneanfälle können gut selbst behandelt werden – beispielsweise mit rezeptfreien Schmerzmitteln wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Paracetamol, Diclofenac oder Naratriptan. Besonders wirksam gegen den Migräneschmerz sind Kombinationspräparate der Wirkstoffe Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein.


Aber was tun, wenn die Hausapotheke nicht gegen den Migräneschmerz ankommt?
Bei einer mittelschweren bis schweren Migräne sind sogenannte Triptane das Medikament der ersten Wahl. Triptane sind für den Migränepatienten, was Insulin für den Diabeteskranken ist. Der Wirkstoff reguliert den Serotoninstoffwechsel und stabilisiert so die Gehirngefäße. Die eher seltenen Nebenwirkungen der Triptane, wie eine leichte Abgeschlagenheit, leichte Übelkeit oder Missempfindungen wie Kribbeln oder Hitzewallungen, sind übrigens weit harmloser als die anderer Schmerzmittel. Und meist von den »normalen« Symptomen des Migräneanfalls nicht zu trennen.

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Weitere Themen der Ausgabe: Faktencheck. Spannende Infos über das Gehirn. Was ist Intelligenz? Über Alltagskompetenz, Situationsschläue und Persönlichkeitsmerkmale. Vernetzt. Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir etwas Neues lernen? Spielend schlau bleiben. Hellwach bis ins hohe Alter. Intelligenz lernen. 60 Prozent des menschlichen IQs bestimmen die Gene - den Rest müssen wir von Kind auf lernen. Stromlinien. Mit der Elektroenzephalografie machen Neurologen Hirnströme sichtbar - doch was bedeuten die Kurven? Das Stroke-Einsatz-Mobil. Schnelle Hilfe beim Schlaganfall: Ein Krankenhaus auf vier Rädern. Arztbrief. Wie man Schlaganfälle erkennt und therapiert. Reha nach Schlaganfall. Nach einem Hirninfarkt muss sich das Denkorgan neu organisieren. Langzeit-Reha. Den Alltag wieder lernen. Signalstörung. Zittern, Krämpfe, Muskelstarre lindern - wie Hirnschrittmacher gegen Parkinson helfen. Vorbote Schlafstörung. Eine REM-Schlafverhaltensstörung deutet auf Parkinson hin - und eröffnet Medizinern neue Therapieansätze. Auf eigenen Beinen. Multiple Sklerose muss nicht im Rollstuhl enden. BSE Ade? Gefahr begannt? was ist eigentlich aus der Rinderwahn-Epidemie geworden? Gewitter im Gehirn. Was bei Epilepsie hilft. Rasende Schmerzen. Ein Clusterkopfschmerz-Patient berichtet über ratlose Ärzte und verständislose Mitmenschen. Kleine Blutsauger. Zecken sind auf dem Vormarsch - und übertragen gefährliche Erreger. Borreliose und FSME. Wie man die Zeckenkrankheiten erkennt und therapiert. Außerdem: Kliniken und Rehazentren im Vergleich. "Tagesspiegel Gesund" - Jetzt bei uns im Shop

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