Der Weg zum Doktor der Medizin verläuft nicht ohne Hürden. Foto: dpap

Lesermeinung Praxisfern zum Arztberuf

Cornelius Frömmel
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Unser Leser Cornelius Frömmel möchte die Diskussion über das Medizinstudium in den öffentlichen Raum bringen. Zu wichtig sei das Thema und zu mutlos agierten die Zuständigen.

Gesundheits- und Wissenschaftsministerien von Bund und Länder arbeiten an einen „Masterplan Medizienstudium“, der unter anderem das Auswahlverfahren und die „Landarztquote“ thematisiert. Daniela De Ridder äußert in ihrem Text „Studium mit Risiken und Nebenwirkungen“ die Befürchtung, „dass der Masterplan mit seinen Vorschlägen nicht genügend auf die Aufgaben in der Medizin von morgen ausgerichtet sein könnte.“ Unser Leser Prof. Cornelius Frömmel hat dazu weitere Ergänzungen.

Erst einmal Danke für die Anmerkungen zum Medizinstudium. Es ist dringend erforderlich, die Diskussion über das Medizinstudium in den öffentlichen Raum zu bringen, zu wichtig ist das Thema und zu mutlos agieren die Zuständigen – vom Medizinischen Fakultätentag über Ärztekammern bis hin zu den Gesundheits- und Sozialministerien der Länder und des Bundes.

Es geht besser und zukünftige Herausforderungen bedürfen einer Antwort. Besser bedeutet dabei nicht, globalen Anforderungen in ihrem Beruf gerecht zu werden. Gesundheitsversorgung ist eher wenig globalisiert. Jedes Land hat praktisch sein eigenes System – und ist zufrieden damit, keiner will tauschen (Wollen etwa die Deutschen das englische oder amerikanische System oder deren Einwohner das unsrige haben?). Auch die Vorbereitung der Absolventinnen auf den demografischen Wandel ist heute nicht schlecht. In der klinischen Ausbildung sind ältere Patienten umfangreich. Eine umfangreiche Analyse nebst Schlussfolgerungen bieten die „Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums in Deutschland … (2014)“ des Wissenschaftsrates.

Nachwuchsprobleme und das Auswahlverfahren


Falsch liegt die Politik, wenn sie hofft, die Nachwuchsprobleme z.B. bei den Niedergelassenen durch ein neues Auswahlverfahren für das Studium zu lösen. Wenn sich etwa 45 000 BewerberInnen um einen Studienplatz in der Medizin bemühen und nur ca. 9 000 genommen werden, ist klar, dass die Mehrheit der Bewerber das Verfahren für falsch hält. Die derzeitig Auswahl der Studienanfängerinnen erscheint für ein Studium, in dem menschliche Qualitäten neben dem Lernvermögen wichtig sind, nicht ganz passgenau, doch das Ergebnis (95% der Studienanfänger beenden das Studium erfolgreich, einen besseren Studiengang findet man nicht) spricht für sich.

Dem heutigen Standardverfahren mit der Abiturnote als wesentliche Größe entgehen zwar eine Reihe hochmotivierter, mit ausgeprägter ‚Herzensbildung‘ und hoher intrinsischer Motivation ausgestatteter KandidatInnen. Aber was spricht gegen die Annahme, dass auch die Einser-AbiturientInnen, die sich für das Medizinstudium entscheiden, genau solche Eigenschaften besitzen?

Lernziele reduzieren, eigenständiges Denken fördern


Auch wenn viele Fakultäten zukunftsweisende Curricula entwickelt haben, gelingt es ihnen nicht, das Übel an der Wurzel zu packen. Die wirklich großen Herausforderungen des Medizinstudiums in Deutschland sind seine gigantische Stofffülle und eine fehlende ‚Wissenschaftlichkeit‘. Ein Studium, welches auch Freiraum zu eigenständigem Denken lässt, wäre letztlich eine bessere Berufsvorbereitung. Um Letzteres zu erreichen muss der Masterplan 2020 für das Medizinstudium erst einmal die riesige Zahl von Lernziele reduzieren.

Kiloweise Wissen Foto: dpa p

Der Wissenschaftsrat forderte 2014 eine Reduktion um 20-25%. Der ein Jahr später vom Medizinischen Fakultätentag verabschiedete Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) legt aber verglichen mit den heute gültigen Gegenstandskatalogen, noch 10-20% obendrauf. Diese in der Literatur (Abrahamson) als Curriculumshypertrophie bezeichnete Erkrankung des Medizinstudiums hängt eng mit dem derzeitig gültigen Kapazitätsrecht zusammen. Das Kapazitätsrecht – gestützt auf Urteile des Bundesverfassungsgerichts - regelt die Zahl der vorhandenen Studienplätze anhand gegebener personeller Kapazitäten (Vorklinik) oder Betten- bzw. Patientenzahlen (klinischer Abschnitt).

Es blockiert aber Umstrukturierungen des Medizinstudiums (z.B. Verschränkung Vorklinik/Klinik), Wechsel an andere Universitäten und noch schlimmer, es führt entsprechend der Formel „viel Lernziele eines Faches benötigen zum Lehren viel Personal“ zum Aufblähen der fächerbezogenen Lernzielkataloge. Ohne neue Kapazitäts-Regelungen auf gesetzlicher Basis (die Bundesverfassungsgerichtsurteile zeigen da einige bisher ungenutzte Möglichkeiten) ist eine Verbesserung des Medizinstudiums nicht möglich.

Schwachpunkt des Medizinstudiums: die fehlende praktisch-wissenschaftliche Ausbildung


Ein seit Jahrzehnten auffälliger weiterer Schwachpunkt des Medizinstudiums - beklagt auch im Wissenschaftsratspapier 2014 – ist die fehlende praktisch-wissenschaftliche Ausbildung. Die Dringlichkeit einer entsprechenden Ausbildung ergibt sich sowohl aus der Notwendigkeit, Forschungsergebnisse Anderer zu bewerten als auch bei der Behandlung von PatientInnen eine angemessene ‚Suchstrategie‘ (Heuristik) für Diagnose und Therapie zu verwenden. Auch wird in eigenständigen Forschungsarbeiten das Talent für das wissenschaftliche Arbeiten sichtbar. Um die notwendige Zeit zum wissenschaftlichen Arbeiten zu erhalten muss der anderweitige Lernzielkatalog noch weiter verschlankt werden.

Da die Politik zur Daseinsfürsorge verpflichtet ist muss sie sich um die entsprechenden Bedingungen zur Ausbildung des dafür notwendigen ärztlichen Nachwuchses zu kümmern. Die vom Bundestag beschlossene Ärztliche Approbationsordnung (ÄAppO), die ja auch die Prüfungsfächer festlegt und Forderungen zum Studieninhalt aufmacht, ist so zu ändern, dass Eigeninteressen der Beteiligten hinter den Ansprüchen moderner Ausbildung zurücktreten. Ein entsprechend reduzierter Lernzielkatalog muss rechtlicher Bestandteil ÄAppO sein. Dabei muss das Rad nicht neu erfunden werden – es müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die Vorschläge der vielen relevanten Papiere aufzugreifen und umzusetzen. Um bei der Erarbeitung einer neuen AÄppO potentielle Interessenkonflikte zu meiden, sollten wie bei der Exzellenzinitiative internationale Gutachter eine wesentliche Rolle spielen.

Cornelius Frömmel Prof. i.R. (ehemaliger Universitätsprofessor an der Charité und langjähriger Dekan der Göttinger Medizinischen Fakultät)

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