Wie viele Berührungspunkte und wieviel Gemeinsamkeit hat das vermeintlich Fremde ? Foto: dpa/ Friso Gentsch
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Leserkommentar Wer den Fremden nicht mag, ist noch lange nicht fremdenfeindlich

Klaus D. Paatzsch
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Unser Leser hat sich einige grundsätzliche Gedanken über die multikulturelle Gesellschaft gemacht und fragt sich in seinem Gastartikel: Wie wird uns das Fremde vertraut ?

Was wäre das für eine Gesellschaft, wenn uns die Fremden nah und das Fremde vertraut wäre. Eine Gemeinschaft von Gleichen, eine Großfamilie von Brüdern und Schwestern, eine Schicksalsgemeinschaft, Multikulti in Reinform. Ein erstrebenswertes Ideal, eine Utopie, eine Scheinwelt …?

Ich finde es falsch, wenn die publizierende  Öffentlichkeit so tut, als ob jeder des Fremden Freund sein müsste. Als fremdenfeindlich bezeichnet zu werden, ist ein Makel, der wie ein Aussatz anhaftet. Fremdenfeindlichkeit- ein Unwort.

Dabei schrecken viele Babys zurück, sie fremdeln, wenn ihnen ein Fremder zu nahe kommt. Als Opa habe ich das nie erlebt. Später wird den Kindern  von ihren sorgsamen Eltern gesagt: Hüte dich vor Fremden. Aus gutem Grund, denn Heranwachsende sind von Natur aus vertrauensselig, sie kennen nicht die Gefahren, die von fremden Menschen ausgehen können.

Nah und vertraut sind uns, graduell abgestimmt, unsere Eltern, Verwandten, Freunde, Bekannten, Kollegen. Alle anderen sind Fremde. Wenn wir in ihre Nähe kommen, halten wir auf angemessene Distanz zum Nachbarn. In der U-Bahn schmiegt sich das Pärchen eng aneinander, die gestylte Frau rückt möglichst weit weg vom unparfümierten Bauarbeiter. Da sind Welten dazwischen. Auf der Baustelle wäre das anders, das gleiche Milieu verbindet.

Aufgrund unserer Natur und Kultur unterscheiden wir in Nächste und Fremde. Wer den Fremden nicht mag, ist noch lange nicht fremdenfeindlich. Jeder  bleibt doch lieber beim Vertrauten und bei Menschen, denen man vertrauen kann. Natürlich gibt es auch Umstände, unter denen man den Fremden sucht oder aufeinander trifft und sich nah kommt: bei Paarungsabsichten, bei Geburtstagsfeiern, auf der Arbeit. Auf der Straße eigentlich nicht. Da ist man eher erschrocken, wenn man in der Turmstraße in Moabit überaus  viele  Stimmen hört, die man nicht versteht, wenn man in Gesichter blicken will, aber die Augen nicht sehen kann, wenn man sich bewusst fehl am Platze fühlt. Fremd in der eigenen Stadt. Die kritische Masse ist überschritten, das Vertraute fehlt, das Fremde überwiegt.

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Oft werden die Flüchtlingsbewegungen von heute mit denen von 1945 verglichen. Aber das waren Binnenflüchtlinge- meine Mutter gehörte dazu-, sie flüchteten auf Befehl vor dem gemeinsamen Feind kopfüber ins Landesinnere. Sprache und Kultur waren nur vom Dialekt und der Region gefärbt, die Religion bekannt, die Schul- und Ausbildung sehr ähnlich. Und trotzdem hatten sie es schwer anzukommen, vielfach schlug ihnen trotz aller Gemeinsamkeiten Feindlichkeit entgegen.

Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, der Name täuscht, kommen aus weiter Fremde, die Gründe seien dahingestellt. Wenn sie plötzlich auftauchen, läuten alle menschlichen Alarmglocken, werden Distanz, Abgrenzung und Abwehr aufgebaut. Eine Schutzfunktion, individuell und gesellschaftlich angeboren und eingeübt. Es sind andere Fremde, ganz fremd sind Sprache und Aussehen, Religion und Kultur, Gestik und Geruch, Kleidung und Essen.

Menschliche Nähe erwächst aus Kommunikation, Übereinstimmung, Sympathie, kultureller Nachbarschaft. Wenn sie fehlen, bleibt man sich fremd. Überall nur Fremde, die sich nicht mehr nah kommen (können)?

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