Eine syrische Frau mit ihrem Kind vor den Trümmern von Kobane. Foto: Sedat Suna
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Leserartikel aus Syrien Ein Kind des Krieges

Andreas van Lepsius
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Tagesspiegel-Leser Andreas van Lepsius war kürzlich in Syrien und erzählt von seiner Begegnung mit einem alten Freund aus der Nähe von Damaskus. Eine deutsch-syrische Freundschaft.

Unser Community-Mitglied Andreas van Lepsius reist des Öfteren in den arabischen Raum. Zuletzt berichtete er, wie er den Al-Quds-Tag im Iran erlebte. Nun war er in Syrien und traf einen alten Freund wieder. Die Geschichte von Nasir und seiner Familie ist ein Beispiel, welche Eingriffe Krieg, Gewalt und Verfolgung mit sich bringen. Es ist aber auch eine Geschichte von Glück und Zufall.

Ich sitze zu Tisch mit Nasir (54), seiner Frau und seinen vier Kindern. Nasir hat zwei Söhne, 24 und 26 Jahre alt, und zwei 16- und 11-jährige Töchter. Das Haus ist zu klein für die Familie, besonders eng empfinden es die beiden erwachsenen Söhne.

Das alles könnte ein normaler Familienbesuch sein. Wären wir nicht in Syrien, in einer Kleinstadt vor den Toren von Damaskus. Handelte es sich bei der Familie von Nasir nicht um Christen, gäbe es nicht seit 2011 alle denkbaren und undenkbaren Verbrechen und den Krieg im Land. Und wäre mein Freund Nasir mit seiner Familie nicht fast neun Monate verschollen gewesen. Aber der Reihe nach.

Ein unstillbarer Sprachhunger

Nasir lernte ich vor über 20 Jahren bei meinem ersten Besuch in Damaskus, eine der ältesten bewohnten Städte dieser Erde, kennen. Schon in der für uns unvorstellbaren Steinzeit haben dort Menschen gelebt, die sich an der seit damals nie versiegten Wasserquelle ansiedelten. Als Assistent des Fremdenführers war Nasir als Dolmetscher für Deutsch und Französisch tätig. Schon zu dieser Zeit prägte ihn der Hunger nach Sprachen, sein Wunsch war, ich möge Deutsch mit ihm sprechen, wohlgemerkt: richtiges Deutsch.

„Wenn alles wieder gut wird, kommen vielleicht die reichen Russen.“
„Also eine 8. Fremdsprache?“
„Ja, wenn alles gut wird, warum nicht?“

Hoffnung im Hoffnungslosen...

Spitzeln oder verdächtigt werden

Drei Jahre später führte mich ein erneuter Besuch in Syriens Hauptstadt. In einem der großen Hotels baten wir um die Dienste eines Fremdenführers und Dolmetschers - so kam es zu einem Wiedersehen mit Nasir.

Seine Fähigkeit Sprachen zu lernen, ist bewundernswert. Er hört, er spricht nach, er wendet an. Diese Zeit ist die des wirtschaftlichen Aufstiegs der Familie. Das Hotel bucht speziell ihn für VIP-Reisegruppen, für landesweite Ausflüge, wie es auch andere Einrichtungen gerne und regelmäßig tun. Er verdient gut, das Gehalt ist knapp, aber das Trinkgeld reichlich.

Aber es gibt auch eine Schattenseite: Der Umgang mit Touristen wird vom Staat misstrauisch beobachtet. Viel später berichtet mir Nasir von Anfragen des Geheimdienstes zu Gesprächsinhalten, von der Verpflichtung, auch privat Gehörtes niederzuschreiben und mitzuteilen.

In einem Land wie Syrien steht man, wenn man Kontakte zu Ausländern pflegt, vor der Wahl: Spitzel oder verdächtig sein. Verdächtig zu sein ist nicht empfehlenswert. Nasir folgt den Anforderungen, er hat Familie. Politisch ist er angepasst, sich immer der Sonderstellung als Christ und der relativen Freiheit bewusst, die Syriens Regierung gewährt.

Wir bleiben in Kontakt. Viel wird über die Kinder geredet und auch ich habe inzwischen Familie.

"Tochter des Krieges"

Wer immer aus meinem Bekanntenkreis nach Syrien reist: Nasir organisiert Unterkunft, Führungen, handelt Preise aus und kümmert sich um seine Gäste wie um Freunde. Im Gegenzug kann ich seine Wünsche nach Büchern in Deutsch und Englisch erfüllen und Hilfestellung für die Ausbildung des Ältesten bei einem deutschen Konzernableger in Syrien bieten.

Spielende Kinder neben einem zerstörten Haus in einer Straße in einem Vorort von Damaskus. Foto: William Ismail
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Zärtlich streichelt er seiner jüngsten über den Kopf, die er „die Tochter des Krieges“ nennt. Sie kennt nur Umzüge, immer wieder Flucht, immer größere Armut. In diesen Worten klingt Bitterkeit mit, aber keine Resignation.

„Bitte bringe ihr nichts zum Spielen mit, es würde sie nur traurig machen“. Er kennt mich, und diese Bitte war für mich schwer zu erfüllen. Vor Ort aber sehe ich: Spielzeug ist nicht das Wichtigste. Kleidung, Schuhe, bunt muss es sein, die Vorlieben eines syrischen Mädchens unterscheiden sich in diesen Fragen nicht sehr von denen eines deutschen im gleichen Alter.

Dies sind Wünsche, die sich in Damaskus noch erfüllen lassen. Dass es für beide Töchter etwas bunter und auch etwas mehr geworden ist, übersieht ihr Vater geflissentlich. Meine Geschenke für die Erwachsenen, aus Deutschland mitgebracht, waren praktischer Natur. Wasserdichte Sicherheitstaschen für Dokumente und Bargeld, fast unsichtbar direkt am Körper zu tragen. Aber ich schweife ab.

Der Widerstand formiert sich

Die ersten Veränderungen machten sich 2011 bemerkbar, oder schon 2010. Das Regime war immer hart zu seinen Gegnern, Menschenrechtsverletzungen waren an der Tagesordnung. Wer mit der Polizei oder dem Geheimdienst zu tun bekam, war Willkür und Gewalt ausgesetzt, Freiwild für die Folterknechte in den Gefängnissen oder Verhörzentren des Staates.

Im nordafrikanischen und arabischen Raum bildete sich erster Widerstand gegen Diktatoren und Autokraten. Junge Leute sammelten und organisierten sich, demonstrierten, Schriftstücke tauchten auf, das nicht zu kontrollierende Internet wurde Ort für freien Meinungsaustausch, für Aufwiegler und Staatsfeinde im Sinne des Regimes – der sogenannte „arabische Frühling“ war angebrochen.

Das Ausland wurde aufmerksam, Bilder und Nachrichten von Gräueltaten, mit denen die Machthaber den Freiheitsdrang ihrer Bürger zu ersticken versuchten, wurden international verbreitet.

Auch in Syrien gab es die ersten Massenproteste, Initialzündungen waren die Verhaftungen von Kindern und die Folter und Ermordung von Hamza al-Khatib. Der 13-Jährige wurde verhaftet und Tage später seinen Eltern übergeben. Verstümmelt, die Zeichen der Folter unübersehbar. Seine Bilder fanden den Weg in die Welt, lösten Entsetzen aus.

Tagelange Demonstrationen waren die Folge, religionsübergreifend, aus allen Schichten der Bevölkerung, prominente Gesichter Syriens schlossen sich dem Protest an. Und dann reagierte das Regime.

Es reagierte grausam und hart. Es gab Verhaftungen, Folter, Schüsse und viele Tote. Die genauen Zahlen wird man wohl nie ermitteln können. Das, sagt Nasir, war der Beginn der schlimmen Zeiten, die noch kommen sollten.

Die Familie hat tagelang das Haus nicht verlassen. Nur die notwendigsten Einkäufe wurden auf dem schnellsten Wege erledigt. In diesen Tagen am falschen Platz zur falschen Zeit zu sein konnte Verhaftung bedeuten, schlimmstenfalls den Tod. Deshalb nennt er seine jüngste Tochter Kind des Krieges. Seit ihrem 6. Lebensjahr kennt sie kein normales Leben.

Die Situation in Syrien wurde von Tag zu Tag unübersichtlicher und gefährlicher. Viele Soldaten und Offiziere rebellierten gegen die Anweisung, auf Demonstranten zu schießen, einige traten in offizielle Opposition. Auch hier gibt es keine amtlichen Zahlen, aber wohl mehr als tausend von ihnen bezahlten diesen Widerstand mit dem Leben, gemeinsam mit ihren Angehörigen.

Es gehört zu den perfidesten Terrorinstrumenten einer Diktatur, die Familien für die „Verbrechen“ der Väter und Söhne zu bestrafen. Die Rache von Assads Schergen machte vor nichts halt. Familien, ihre Häuser, der gesamte Besitz wurde der Vernichtung anheim gegeben. Jeder sollte sehen, wie es Menschen ergeht, die dem Regime abschwören.

Das Kalkül dahinter, den Beginn einer Revolution durch Gewalt im Keim zu ersticken und niederzuschlagen, ging nicht auf. Kaum etwas blieb geheim, Bilder kursierten, Videos von unvorstellbarer Grausamkeit. Und damit auch die internationale Kritik, die befürchtete Einmischung aus dem Ausland.

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