Matthias Kalle. Foto: Privat
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Kolumne "Ich habe verstanden" "Liebe Alle" - die unhöflichste aller Anreden

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Sein Telefon hat Tasten, keine Wählscheibe. Unser Kolumnist Matthias Kalle begrüßt diesen Fortschritt in der Kommunikation. Nur bei Sammelmails ist sich Kalle nicht sicher, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Ich stehe diesen modernen, beinahe modischen, Krankheitsbildern ja eher skeptisch gegenüber. Eine abschließende Meinung zu so etwas wie ADHS, Burn-out und wie das alles so heißt, habe ich mir noch nicht gebildet, aber ich behaupte jetzt mal einfach, dass ich unter so etwas nicht leide und auch eigentlich niemanden kenne, auf den das zutrifft.

Ich habe ja ungefähr zu einer Zeit mit dem Arbeiten angefangen, als der damalige Redaktionsleiter von „Spiegel Online“ das Ziel ausgab, die Nachrichtenseite müsse einmal pro Woche erneuert werden – und als ich meine erste SMS bekam, war das wie ein Schock, von dem ich mich tagelang nicht erholt habe. Heute bekomme ich natürlich Mails, aber eintreffende Mails lösen in mir keine Panikattacken aus. Ich habe Zeitfenster, in denen ich meine Mails lese, so wie ich immer morgens die Post öffne. Es gibt Situationen, da gehe ich nicht ans Telefon weil ich davon überzeugt bin, dass die noch mal anrufen, wenn es denn wichtig ist.

Ich bin aber kein Zausel, verstehen Sie mich nicht falsch! Ich schreibe nicht mehr per Hand meine Text und auch nicht auf einer Schreibmaschine und mein Telefon hat Tasten, keine Wählscheibe. Ich begrüße den Fortschritt nicht, aber ich verdamme ihn auch nicht, ich versuche ihm mit Gleichmut zu begegnen, weil ich weiß, dass mein Einfluss auf die Zeitläufe begrenzt ist. Aber es gibt da eine Sache, die ich nicht verstehe, nicht akzeptiere nicht will: Es handelt sich um die E-Mail-Anrede „Liebe Alle“ in diesen Sammelmails. Wenn es einen Grund gibt für Annahme, dass der Untergang des Abendlandes vor der Tür steht, dann ist das mindestens ein Kandidat.

Sammelmails sind prinzipiell nix schlechtes, aber Alkohol ist im Prinzip auch nichts schlechtes – die Dosis macht das Gift (so wie der Ton die Musik macht). Manchmal – seltener als man allerdings glaubt – machen Sammelmails durchaus Sinn, in der Regel aber führen sie zu nichts, denn jeder, der eine Sammelmail bekommt, geht davon aus, dass sich irgendwer schon um die darin gestellte Aufgabe kümmern wird, mit dem Ergebnis, dass sich natürlich niemand um die Aufgabe kümmert. Während sich trotzdem in beruflichen Dingen die Sammelmail mehr oder weniger durchsetzt hat („Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen“), erfährt sie jetzt auch im Privaten und im Halbprivaten einen Siegeszug. Und wie lautet dann also die korrekte Ansprache, beispielsweise die Eltern von Schülerinnen und Schülern einer Klasse? Richtig: „Liebe Alle“.

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Abgesehen davon, dass man „Liebe Alle“ gar nicht schreiben darf, weil es sich bei dem Wort „Alle“ um ein Adverb handelt, das man zudem kleinschreiben muss und auf das in jedem Fall ein Substantiv folgen muss (zum Beispiel: „alle Eltern“). Es handelt sich außerdem um eine irreguläre Konstruktion, daher wird man leider nirgendwo die entsprechende Duden-Regel oder eine passende Belegstelle finden. Aber nach meinem Sprachverständnis erzeugt „Liebe Alle“ beim regeltreuen Leser eher die Frage, wer denn die eine weibliche Person dieses seltsamen Namens ist.

Gegen die Anrede „Liebe“ ist erst mal überhaupt nichts einzuwenden, sie ist schöner als das „Sehr geehrte“, das immer ein bisschen gestelzt und irgendwie auch falsch klingt. „Liebe“ ist quasi der Klassiker der Brief-Anrede, eine Art Versprechen: Was als nächstes kommt, das ist für Dich, für Sie, von mir, von uns – wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was den Adressaten interessieren könnte, wir wollen ihn nicht belästigen, nicht überfordern, nicht langweilen. Wir meinen es ernst.

Wer aber „Liebe Alle“ schreibt, meint am Ende gar keinen. Es ist die unhöflichste aller Anreden, es geht nicht unpersönlicher, der Einzelne verschwindet in einer undefinierbaren, schier endlosen Masse. Ich hoffe, das haben jetzt alle verstanden.

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