Die medienpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Tabea Rößner, über Redaktionen, Schlagzeilen und Politiker in der Pressekrise. Foto: Stefan Kaminski/Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNENp

Gastbeitrag: Medien und Politik Die Angst des Politikers vor der Schlagzeile

Tabea Rößner
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Warum manche Politiker immer weicher formulieren - und andere immer härter: Die grüne Medienpolitikerin Tabea Rößner über Redaktionen, Politiker und Schlagzeilen.

Hand aufs Herz: Welchen Artikel würden Sie lesen: Den mit dem Titel „Grüne fordern für Pflegeheime Prostituierte auf Rezept“ oder „Sexuelle Unterstützung für Pflegebedürftige – niederländisches Modell auch in Deutschland vorstellbar“. Ich ahne die Antwort. Und die „Welt am Sonntag“ auch, denn die hat sich für die erste Schlagzeile entschieden, obwohl die zweite der Wahrheit sehr viel näher kommt. Meine grüne Bundestagskollegin Elisabeth Scharfenberg wurde von einer Journalistin um eine Stellungnahme zur Sexualassistenz für schwer Pflegebedürftige, wie sie in den Niederlanden ermöglicht wird, gebeten. Sie wird im Artikel zitiert mit: „Eine Finanzierung für Sexualassistenz ist für mich vorstellbar“. Und: „Die Kommune könnte über entsprechende Angebote vor Ort beraten und Zuschüsse gewähren.“ Der Unterschied zwischen Aussage und Schlagzeile ist offensichtlich. Das Thema wurde deutschlandweit in vielen Mieden aufgegriffen, die wenigsten hinterfragten die Schlagzeile. Stattdessen wurde sie noch verkürzt auf: „Grüne fordern Sex auf Rezept“ (Bild).

Dank Pressekrise wird zuerst an der journalistischen Sorgfaltspflicht gespart

Als ehemalige Journalistin habe ich einst gelernt, nicht einfach irgendwelche Meldungen ungeprüft zu übernehmen. Diese Regeln gelten bei seriösen Medien auch heute noch. Wenn allerdings die Redaktionen dünn gespart werden und der Zeitdruck wächst, bleibt das schon mal auf der Strecke. Kein Politiker, keine Politikerin ist davor gefeit. 2015 wurde getitelt, der bayrische Innenminister Joachim Herrmann fordere nach dem Germanwings-Absturz ein Berufsverbot für Depressive. Auch wenn es mir sonst fern liegt, die Kollegen der CSU zu verteidigen, aber in diesem Fall hatte Herrmann nichts dergleichen gefordert. Im Originalstatement an den FOCUS stand u.a.: „Ein solches [Berufs-]Verbot steht und fällt mit einer sorgfältigen medizinischen Begutachtung. […]Dafür neue Bestimmungen einzuführen, halte ich aber nicht für erforderlich.“ Aber googeln Sie mal „Herrmann Berufsverbot“ und Sie werden sehen, was überlebt hat. Und natürlich wird ein Artikel mit der Überschrift „Sex auf Rezept“ besser geklickt, als eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen alter Menschen. Aber das alleine rechtfertigt nicht, dass Medienvertreter ihr eigentliches Alleinstellungsmerkmal, die journalistische  Sorgfaltspflicht, über Bord werfen. Ich befürchte, dass die Skandalisierung, der Zeitdruck und die „Eilmeldisierung“ mittelfristig den Medien mehr schaden, als nützen wird – nämlich dann, wenn ihre Glaubwürdigkeit drauf geht.

Die Angst vor der Schlagzeile führt zu profillosen und unauthentischen Politikern

Auf solche Schlagzeilen folgen sehr viele Mails, Tweets, Posts, und nur die wenigsten zeigen Verständnis. Wut und Hass einiger haben ein neues Ziel. Die Parteikollegen ärgern sich. Und weil wir um diese Konsequenzen wissen, wollen wir sie möglichst meiden. Frei nach Handke: Die Angst des Politikers vor der Schlagzeile. Also machen wir, die wir seriöse Politik betreiben wollen, uns unangreifbar. Wir formulieren windelweich, meiden Ecken und Kanten und werden so immer profilloser. Diejenigen, die mir heute Mails schreiben: „Ihr Politiker seid doch alle gleich!“, sind dieselben, die bei jedem bisschen Rückgrat zeigen in Großbuchstaben bei Facebook kommentieren. Und selbst wenn jemand von uns mal richtig Mist raushaut, ist das nicht auch irgendwo menschlich? Auch für Politiker sollte gelten, dass sie sich irren dürfen, und gottseidank hat unsere Demokratie für solche Fälle sehr viele Korrekturmöglichkeiten vorgesehen.

Die Schlagzeile ist die Freundin der Populisten

Von den derzeitigen Mechanismen in den Medien profitieren vor allem diejenigen, die schnell dem Affen Zucker geben und sich nicht um die Wahrheit und die Folgen kümmern: Der oder die Populisten mit der schnellen These, der krassen Forderung oder dem provokanten Tweet. Populisten von links und rechts nutzen die Macht der Provokation, um sich im Gespräch zu halten. Auf der Strecke bleibt die fundierte, unaufgeregte Sachpolitik, denn eine differenzierte Meinung ist wenig schlagzeilentauglich. Wenn aber nur noch die Meister der steilen These das Tagesgeschäft beherrschen, schürt das ein Klima von Zank und Zorn in diesem Land. Und daran kann eigentlich niemandem gelegen sein.

Tabea Rößner ist medienpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion.

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