Sie waren jung und brauchten das Geld... Peter Frey (links), Maybrit Illner (Zweite von links), Gundula Gause und Cherno Jobatey gehörten zum Gründungsteam des ZDF-„Morgenmagazins“, das am 20. Juli 1992 in Berlin auf Sendung ging. Heute arbeitet Frey als ZDF-Chefredakteur, Illner moderiert die politische Talkshow im Zweiten, Gause präsentiert die Nachrichten im „heute-journal“ und Jobatey, der das „Moma“ nach 20 Jahren verließ, ist Herausgeber der deutschen Ausgabe der „Huffington Post“. Foto: ZDF und Barbara Oloffs
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Vor 25 Jahren startete das ZDF-"Morgenmagazin" „Kohl sah einen Anschlag auf die Menschenwürde“

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Aber das ZDF-„Morgenmagazin“ blieb und gedieh. Gespräch mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey über 25 Jahre Fernsehen ab 5 Uhr 30.

Herr Frey, das „Morgenmagazin“ des ZDF feiert 25. Geburtstag. Genau der richtige Zeitpunkt aufzuhören, oder?

Aber warum denn das? Das „Morgenmagazin“ ist für viele Zuschauerinnen und Zuschauer der Starter in den Tag, ein fester Bestandteil ihres Fernsehalltags. Davon hätten wir zu Beginn nicht einmal zu träumen gewagt. Also nicht aufhören: Weitermachen!

Wie viele Zuschauer schalten ein?

Insgesamt schalten im Lauf der dreieinhalb Stunden etwa vier Millionen Menschen ein. Natürlich sind sie nicht die ganze Zeit dabei, sondern streckenweise, durchschnittlich etwa für eine halbe Stunde. Die Zuschauerspitze von 800 000 bis einer Million erreichen wir gegen acht Uhr. Zwischen halb sechs und neun kommen eine Menge Zuschauer zusammen, wie wir wissen eine ziemlich feste Gemeinde. Für die gehört das „Moma“ zum Morgenritual. Ich finde, die Entwicklung kann sich sehen lassen.

Wer sieht um 5 Uhr 30 fern?

Leute, die früh aufstehen müssen und sich schnell darüber informieren wollen, was am Abend und in der Nacht passiert ist. Menschen, die in Hotels übernachten, und: viele Alleinstehende, die morgens Gesellschaft suchen. Irgendwie entsteht da eine „Morgenmagazin“-Familie. Mich sprechen jedenfalls immer noch Leute ohne jede Distanz an und sagen: Sie haben doch mal „Moma“ moderiert! So früh auf dem Schirm zu sein, von Menschen gesehen zu werden, die noch den Schlaf in den Augen haben, das schafft offenbar besondere Nähe.

Wie schafft man es, jeden Morgen um 5 Uhr 30 mit einem Knaller anfangen zu können?

Wir brauchen keine Knaller. Zunächst geht es ja um einen soliden Nachrichtenüberblick. Aber wenn zum Beispiel Herr Trump tief in deutscher Nacht mal wieder etwas losgelassen hat, dann haben wir das als Erste im Programm – weil es die Leute interessiert.

War Helmut Kohl jemals Gast im „Morgenmagazin“?

Nein. Aber er hat kurz nach Gründung der Sendung gesagt, das „Morgenmagazin“ sei ein Anschlag auf die Menschenwürde.

Das saß, oder?

Jeder reibt sich an dem, was ihn ganz besonders stört. Die Äußerung hat uns damals angespornt, weil der Bundeskanzler uns so wichtig nahm. Also, wir haben das als Kompliment verstanden.

Peter Frey hat das „ZDF-Morgenmagazin“ entwickelt, geleitet und moderiert. Später war er Chef des Hauptstadtstudios Berlin, seit 2010 ist er Chefredakteur des Senders in Mainz. Foto: picture alliance / dpa
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Gab es einen konkreten Anlass?

Es gab ja bis dahin in Deutschland keine Informationsendung, die so früh in den Tag startete. Ich glaube, wir haben manche ganz einfach verstört, weil ihre TV- und Lebensgewohnheiten ganz andere waren. Ich hab das auch persönlich erlebt: Als meine Familie und ich damals für die Sendung nach Berlin zogen, waren unsere neuen Nachbarn sehr irritiert, dass bei uns schon ab sechs Uhr morgens der Fernseher lief. Die hielten uns für Aliens. Dann sind sie mal zum Schnuppern rübergekommen. Die Freundschaft hält bis heute.

Bedeutete das „Morgenmagazin“ so etwas wie eine kleine Fernsehrevolution?

Großes Wort. Aber als letztes Fernsehabenteuer haben wir es damals schon empfunden. Wir waren inspiriert von den USA, Großbritannien oder auch Frankreich, wo so frühes Fernsehen bereits eingeführt war. Deutschland war ein Spätentwickler. Unser Zielpublikum war die Generation der Dreißig-, Vierzigjährigen, in der Sprache der Fernsehsoziologen: die Jungen, Aktiven.

Ist Ihr Publikum mit Ihnen in treuer Verbundenheit mit gealtert?

Die Zuschauerinnen und Zuschauer des „Morgenmagazins“ sind älter geworden, das stimmt. Aber das Durchschnittsalter der „Moma“-Zuschauer ist immer noch geringer als das des „normalen“ Zuschauers des ZDF. Über Facebook, Twitter und den Live-Stream in der ZDF-Mediathek bieten wir das „Morgenmagazin“ und seine Inhalte seit geraumer Zeit auch gezielt Jüngeren an – und sehen, wie die Nutzungszahlen nach oben zeigen.

Inzwischen haben sich aber auch die Politiker an das „Morgenmagazin“ gewöhnt, oder?

Anfangs war es eine Bühne für Politiker der zweiten Reihe. Angela Merkel und Gerhard Schröder waren schon als junge Ministerin respektive ehrgeiziger Ministerpräsident bei uns. Heute kommen der Außenminister oder die Verteidigungsministerin regelmäßig.

Treten die Politiker Ihnen die Türen ein?

Bis auf die Bundeskanzlerin kommen eigentlich alle. Und auch immer wieder gerne. Wir können uns nicht beklagen. Neulich habe ich gestaunt, dass wir Sigmar Gabriel schon um halb sieben live aus Doha zugeschaltet haben.

Kürzlich waren folgende Themen in einer Ausgabe des „Morgenmagazins“ direkt hintereinander zu sehen: Wohnungsbaupolitik in Deutschland, „Bild“ wird 65, Aktuelles aus Brüssel, der neueste Fahrstuhl. Ganz schön bunte Mischung. Was ist das: Infotainment oder Jahrmarkt?

Weder noch. Wir machen ein Magazin, in dem Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Gesellschaft und alles andere vorkommt, was Menschen interessiert. Wir versuchen, die Lebenswirklichkeit abzubilden. Und da geht es bekanntlich bunt zu. Wir sind ein Supermarkt, in dem es frische, aktuelle Ware, aber eben auch schöne, interessante und manchmal auch einfach unterhaltsame Dinge gibt. Der Wettermann auf der neuen Berliner Pandabär-Anlage, das schafft nur das „Moma“.

Gegenwind im ZDF

Ist das „Morgenmagazin“ für das ZDF eine Art Experimentierstube?

Früher wurde das „Morgenmagazin“ so wahrgenommen. Ulrich Kienzle, einer der Gründerväter von „Frontal 21“, sagte 1992 in der ersten großen internen Sitzung, in der es um das „Morgenmagazin“ ging, das sei doch nicht ZDF. Das war für ihn das größtmögliche Lob. Wir wollten ja anders sein – und wir sollten etwas Neues probieren. Das war Sinn und Zweck des Ganzen. Hat geklappt. Die Redaktion kann bis heute inhaltlich oder in der Form mehr riskieren als eine Sendung am Abend.

Es gab also auch Gegenwind im ZDF selbst?

Na klar. Ulrich Kienzle stand mit seiner Meinung keineswegs alleine da. Nach einem halben Jahr gab es sogar Überlegungen, das Magazin aus finanziellen Gründen wieder einzustellen. Das konnte abgewendet werden. Ab da hatten wir Sendesicherheit.

Welche Ausgabe des „Morgenmagazins“ hatte die beste Einschaltquote?

Das war am Morgen nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz. Die Sendung haben an dem Tag genau 5,82 Millionen Menschen eingeschaltet.

Attentätern keine Plattform bieten

Bad news is good news.

Bad news is news that matter to people. Über so ein Ereignis, und sei es noch so erschreckend, muss berichtet werden. Das gilt auch für das „Morgenmagazin“. Aus meiner Zeit erinnere ich das schreckliche Erdbeben in Kobe oder den Untergang der „Estonia“. Wir waren die Ersten, die darüber berichtet haben. Gleichzeitig gilt fürs „Moma“ das Gleiche wie für andere News-Sendungen: Wir dürfen Attentätern und anderen Gewalttätern keine Plattform schaffen, ihnen nicht die fünf Minuten Ruhm geben, nach denen sie gieren. Deswegen sind entsprechende Einordnungen auch so wichtig.

Ist das „Morgenmagazin“ die Talentschmiede geblieben, die es zu Anfang war?

Unbedingt. Aber Talent heißt ja auch: sich bewähren müssen. Wer sich im „Morgenmagazin“ behauptet, der ist sicher auch für anderes gut. Da geht es gleichermaßen um journalistisches Gespür, Erfindungsreichtum für neue Formen und die Fähigkeit, eine Mannschaft auf Dauer zusammenzuhalten.

In der ersten Zeit gab es Horoskope, Sinnsprüche für den Tag und andere Nettigkeiten. Davon ist nicht viel geblieben.

Wir haben entschlackt, das ist richtig. Manches war wirklich „Jugend forscht“. Lustig. Aber wenn von fünf Ideen sich eine durchsetzt, ist das doch schon gut. Die Grundstruktur der Sendung ist mehr oder weniger gleich geblieben.

Wenn man den Plauschton der Moderatorinnen und Moderatoren hört, drängt sich der Eindruck auf, zu so früher Stunde gehe Gemütlichkeit über alles.

Es ist für die Zuschauer wichtig, dass im Studio ein menschlicher, zugewandter und entspannter Ton herrscht. Deshalb sind ja auch die Studio-Farben wärmer als in üblichen Nachrichtensendungen. Das schafft Bindung. Aber zu viel Menscheln sollte auch nicht sein.

ZDF versucht konstruktiven Journalismus

Es gibt Journalisten, die glauben, es brauche mehr positive Nachrichten. Ist das „Morgenmagazin“ dafür nicht genau der richtige Platz?

Es gibt ein Unbehagen dem klassischen Journalismus gegenüber, das ist unbestritten. Im Herbst wird es deshalb im ZDF jeden Sonnabend eine halbstündige Dokumentation geben, in der wir „constructive journalism“, wie der Fachausdruck heißt, machen werden. Das bedeutet: Neben Problem- und Konfliktbeschreibungen wollen wir auch Lösungsansätze anbieten. Ich kann mir schon vorstellen, dass auch das „Morgenmagazin“ auf die Themen der Reihe zugreift.

Werden Nachrichtensendungen in Zukunft immer auch Lösungen anbieten müssen?

Das glaube ich nicht. Ich orientiere mich immer noch am Konzept einer klassischen Nachrichtensendung, in der es vor allem um News, also Neuigkeiten und Fakten, und das im Sinn von Kritik und Aufklärung gehen sollte. Unsere neue Doku ist aber etwas anderes. Auch das „Morgenmagazin“ hat ja als Experiment angefangen!

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Peter Frey hat das „ZDF-Morgenmagazin“ entwickelt, geleitet und moderiert. Später war er Chef des Hauptstadtstudios Berlin, seit 2010 ist er Chefredakteur des Senders in Mainz.

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