Zeitungen und Zeitschriften aus dem Axel-Springer-Verlag. Foto: dpap

Verlags-Deal Was löst der Verkauf von Springer-Titeln an die Funke-Gruppe aus?

Markus Ehrenberg Sonja Álvarez
2 Kommentare

Regionale Kompetenz, Qualität, Leserlust: Der Verkauf von "Berliner Morgenpost", "Hamburger Abendblatt" und "Hörzu" und die Frage nach dem Journalismus von morgen.

Auf Seite eins haben die Leser der „Berliner Morgenpost“ am Freitag von der Zukunft ihrer Zeitung erfahren. „In eigener Sache“ informierte die „Morgenpost“-Redaktion, dass sie vom Springer-Verlag an die in Essen ansässige Funke Mediengruppe (FMG) verkauft worden ist, zusammen mit weiteren Zeitungen wie dem „Hamburger Abendblatt“ und Zeitschriften, darunter die „Hörzu“. Kaufpreis: 920 Millionen Euro. Der Schritt sei die Chance, den Lesern auch künftig „journalistische Qualität zu bieten“, schrieb „Morgenpost“-Chefredakteur Carsten Erdmann. FMG-Geschäftsführer Thomas Ziegler erklärte, mit den „zu uns kommenden Kollegen“ ein „nationales Medienhaus“ aufbauen zu wollen. Rund 900 Mitarbeiter, sechs Prozent der bisherigen Springer-Stammbelegschaft wechseln zur FMG, zu der Zeitungen wie die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ und Zeitschriften wie „Gong“ gehören.

Doch es gibt auch skeptische Stimmen zu dem Mega-Deal, der am Donnerstag bekannt wurde und im Frühjahr eingefädelt worden sein soll. So fürchtet Klaus Beck vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin um die Unabhängigkeit und Vielfalt des Journalismus: „Im konkreten Fall von Springer und Funke geht es um ein Geschäft zwischen zwei der fünf größten nationalen Pressekonzerne, denn weder die ,Berliner Morgenpost’ noch das ,Hamburger Abendblatt’ waren bisher konzernunabhängig.“

Auf dem seit langem engen Pressemarkt käme es zu Verschiebungen, die kartellrechtlich zu prüfen sind, vermutlich aber genehmigt werden, sagte Beck: „Das größere Problem besteht in der hohen Zahl von lokalen beziehungsweise regionalen Monopolen. Anders als in Berlin haben über 40 Prozent der Bundesbürger nur eine Lokalzeitung, also keine Auswahl.“ Genau das, so der Zeitungsforscher, sei aus publizistischer Sicht schon lange ein schwerwiegendes Problem. „Weder der lokale Hörfunk noch die Onlinemedien leisten einen wesentlichen Beitrag zur lokalen Vielfalt, entziehen der Presse aber die notwendigen Werbeeinnahmen.“

Verschärfend käme hinzu, dass die großen Verlage, obwohl die Umsatzrenditen im Printsektor zum Teil 20 Prozent betragen, Sparprogramme fahren. „Es werden Redaktionen zusammengelegt, Stellen gekürzt, die überregionalen und internationalen Teile in Gemeinschaftsredaktionen produziert. Gerade der WAZ-Konzern, die jetzige Funke-Gruppe ist hier einer der Vorreiter.“ Im Ergebnis ginge Vielfalt verloren und die Qualität des Journalismus leide, wenn aus Kostengründen weniger Zeit für Recherche bleibe.

Was will die Funke-Gruppe? 2012 war die WAZ-Mediengruppe in die Funke Mediengruppe umbenannt worden, nachdem die Tochter des Mitgründers Jakob Funke ihren Anteil am Unternehmen erhöht hatte. Erben von Funkes Geschäftspartner Erich Brost hatten ihren Anteil verkauft. Anfang 2013 schloss die FMG dann die Redaktion der „Westfälischen Rundschau“, 120 Stellen wurden abgebaut. Auch in den Jahren zuvor gab es immer wieder Entlassungen in größerem Umfang. Am Freitag teilte die Gruppe mit, die Rechtsform zu ändern. Das Essener Familienunternehmen firmiert künftig als Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Bisher war die Mediengruppe eine GmbH. Die neue Rechtsform bringe eine klare Führungsstruktur und Transparenz, so die FMG. Im neu geschaffenen zehnköpfigen Aufsichtsrat des Medienkonzerns sitzen ein Sohn und eine Tochter der Eigentümerin Petra Grotkamp. Den Vorsitz im Kontrollgremium übernimmt der 52 Jahre alte Medienmanager Martin Kall. Das operative Geschäft der Essener leiten weiter die Geschäftsführer Manfred Braun, Christian Nienhaus und Thomas Ziegler.

Satte Gewinne im Regionalzeitungsgeschäft

Während sich Springer nach dem Verkauf einiger seiner Zeitungen und Zeitschriften vor allem auf das digitale Geschäft konzentrieren will, setzt die FMG auf die Entwicklung eines starken Regionalzeitungsgeschäfts. „Viele Verleger gehen davon aus, dass hier noch über Jahre satte Gewinne zu holen sind“, sagt Zeitungsforscher Horst Röper vom Formatt-Institut in Dortmund. In der jüngsten Media-Analyse seien einige Regionalzeitungen gut weggekommen. Auch die Online-Angebote seien sehr professionell geworden und würden lokale Informationen bieten, was die überregionale Konkurrenz nicht leisten könne.

Der Markt der Regionalzeitungen ist in Bewegung geraten. Die Madsack-Mediengruppe hatte 2009 beispielsweise Springers Minderheitsbeteiligungen unter anderem an der „Leipziger Volkszeitung“ und den „Lübecker Nachrichten“ gekauft. 2001 kaufte sie dem Verlag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die „Märkische Allgemeine“ ab. Medienforscher Beck hält weitere Kooperationen, Käufe, Ankäufe in der Verlagsbranche für möglich. Das „Medienmonopoly“ werde sicherlich fortgesetzt, wo immer dies aus unternehmensstrategischer Sicht sinnvoll und kartellrechtlich zulässig ist. „Die Funke-Gruppe verfügt ja bereits jetzt über acht oder neun Programmzeitschriften und ein großes Portfolio an Regionalzeitungen in Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Die Zukäufe der Springer-Titel sind da eine sehr gute regionale Ergänzung.“ Nach diesem Muster könnten auch weitere Fusionen oder Kooperationen stattfinden. Das Beispiel M. DuMont Schauberg, die Redaktionsgemeinschaft von „Berliner Zeitung“, „Frankfurter Rundschau“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“, zeige aber, dass solche Strategien nicht immer funktionieren, weder wirtschaftlich noch publizistisch. Die „Rundschau“ war Anfang 2013 an den „FAZ“-Verlag und die Frankfurter Societät GmbH verkauft worden.

Doch ein ähnliches Artikel-Austauschmodell wie zwischen „Rundschau“ und „Berliner Zeitung“ wird nun wohl auch bei der FMG angewandt werden. Die „Morgenpost“ soll weiterhin von der „Welt“ beliefert werden, ebenso Titel der FMG. Solche Kooperationen funktionieren jedoch nur begrenzt, meint Röper: „Die ,WAZ‘ wird sicher nicht ihre publizistische Eigenständigkeit verlieren wollen. Und es wird nicht funktionieren, mit einer Redaktion in Essen die Lokalnachrichten fürs ,Hamburger Abendblatt‘ zu machen.“ Sehr wahrscheinlich sei, dass insbesondere bei den Programmzeitschriften Synergien genutzt werden. „Das dürfte dann auch einen größeren Abbau von Arbeitsplätzen nach sich ziehen.“ Die Leser hingegen würden von den Änderungen eher wenig mitbekommen. „Allerdings nur, so lange sich nicht die journalistische Qualität verschlechtert.“

Das, was am Freitag in der „Berliner Morgenpost“ stand, dürfte freilich nicht die letzte „In eigener Sache“-Ansprache an Leser einer deutschen Zeitung gewesen sein.

Zur Startseite