Robin (Elizabeth Moss) sucht in Sidney nach illegalen Leihmüttern. Die Schlüsselfigur in dieser Frauenserie verkörpert aber ein Mann. Foto: Arte
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"Top of the Lake" Variationen zum Thema Mutterschaft

Manfred Riepe
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„Twin Peaks“ auf australisch: Die Serie „Top of the Lake“ mit Elizabeth Moss ist im Grunde ein Frauenserie - und doch wiederum auch nicht.

Es ist ein Junge! Wenn der Satz in einer Fernsehserie fällt, wird meist Kitsch geboten. Nicht so in „China Girl“. In der Fortsetzung des Sechsteilers „Top of the Lake“ aus dem Jahr 2013, die Arte ausstrahlt, hält der Gerichtsmediziner einen toten Fötus in der Hand. Die schwangere Mutter, eine chinesische Prostituierte, wurde ermordet und ins Meer geworfen. Aus einer Ritze des Koffers, in den die Täter ihre Leiche packten, dringen lange schwarze Haare hervor und bewegen sich in der Strömung wie Seealgen.

Dieses seltsam schöne und zugleich verstörende Bild umreißt das Thema. Es geht um Mutterschaft. Um die Schicksale von Frauen, die auf verschlungenen Wegen zurück an die Oberfläche drängen. Verstrickt in deren Belange ist auch die Polizistin Robin. Von Neuseeland aus, wo sie einen Pädophilenring aufgedeckt hat, kehrt die Ermittlerin nun zu ihrer alten Dienststelle nach Sydney zurück. Dabei stolpert sie in einen Fall um asiatische Leihmütter und in eine Patchworkfamilie hinein – beides hat mehr miteinander zu tun, als ihr lieb ist.

Wie einige prominente Kinoregisseure hat Jane Campion das Serienformat entdeckt. Für die neuseeländische Oscarpreisträgerin macht das horizontale Erzählen wirklich Sinn. Die sechsstündige Geschichte ihrer zweiten Staffel von „Top of the Lake“, zu der sie sich angeblich hat überreden lassen, ist mehr als nur ein verlängerter Spielfilm. Man wird förmlich hineingesaugt in ihre Variationen zum Thema Mutterschaft.

Er bezeichnet sich als Feminist und ist zugleich Zuhälter

So stößt Robin bei ihren Ermittlungen auf eine Fertilitätsklinik, die illegal Leihmütter an Paare mit obsessivem Kinderwunsch vermittelt. Das Thema holt die labile Polizistin auch persönlich ein. Als junge Frau wurde sie missbraucht und gab ihr Kind zur Adoption frei. Nun knüpft sie Kontakt zu ihrer erwachsenen Tochter Mary.

Jane Campion und Co-Autor Gerard Lee umkreisen die Frage: Wo kommen die kleinen Kinder her? Die Antwort ist ziemlich derb, die Schlüsselfigur in dieser Frauenserie verkörpert ein Mann. Der Schwede David Dencik glänzt als zwielichtiger deutscher Geschichtsprofessor, der von Katzen umgeben ist und asiatischen Prostituierten englische Obszönitäten beibringt. Er bezeichnet sich als Feminist und ist zugleich Zuhälter.

Die quälend intensive Geschichte, oft mehr Drama als Krimi und zuweilen auf eine schräge, an „Twin Peaks“ erinnernde Art komisch, lebt von starker Besetzung. Elizabeth Moss („Mad Men“) verkörpert die Antiheldin Robin. Deren Tochter Mary wird von Jane Campions Tochter Alice Englert gespielt. Eine Überraschung ist Nicole Kidman, die als Marys Adoptivmutter zurückhaltend agiert und mit grauer Haarpracht jeglichen Glamour abstreift. In Erinnerung bleibt die Serie dank ihrer hypnotischen Momente. In einer Traumszene balanciert Robin auf ihren Händen Föten wie rohe Eier und versucht dabei vorsichtig in die Ärmel ihrer Bluse zu schlüpfen. Solche Bilder machen süchtig.

„Top of the Lake“, Donnerstag, Arte, 20 Uhr 15

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