Die Schauspielerin Maria Furtwängler hat die Untersuchung über Geschlechterdarstellungen in den audiovisuellen Medien initiiert. Die Zahlen belegen, was ihr schon länger schwante: Frauen über 50 kommen in Fiktion wie Information kaum vor. Foto: ZB
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Studie zur Geschlechterdarstellung in TV und Kino Männer dominieren, Frauen kommen vor

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Aktuelle Untersuchung belegt deutliches Ungleichgewicht der Geschlechter im deutschen Film und Fernsehen.

Es gibt diese Binse: „Was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nimmermehr.“ Und ausgerechnet da ist es im deutschen Kinderfernsehen um die Geschlechterdarstellung merkwürdig bestellt. Ob öffentlich-rechtlicher Kinderkanal oder privates Super RTL, ob Lizenzprogramm oder Eigenproduktion – die absolute Zahl der männlichen Figuren ist deutlich höher. „Insgesamt gilt: Nur eine von vier Figuren ist weiblich“, heißt es in der aktuellen Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“ des Instituts für Medienforschung an der Universität Rostock, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Im Kinderfernsehen erklären Männer die Welt, die Moderatoren sind zu zwei Dritteln männlich, auf eine weibliche Tierfigur kommen neun männliche.

Ergebnisse, die sich, wenn auch nicht in so krasser Ausprägung, im Erwachsenenfernsehen wiederfinden. Frauen sind laut Analyse deutlich unterrepräsentiert. Über alle Fernsehprogramme und alle Formate hinweg kommt nur eine weibliche Protagonistin auf zwei männliche Protagonisten, in Prozenten: 67 Prozent Männer zu 33 Prozent Frauen. Studienleiterin Elizabeth Prommer konnte eine Ausnahme melden: Bei den Telenovelas/Soups entspricht das Geschlechterverhältnis mit 52 Prozent Frauen und 48 Prozent Männern der tatsächlichen Geschlechterverteilung in Deutschland. Bei den Vollprogrammen kämen ein Drittel der Programme ganz ohne weibliche Protagonistinnen aus. Werden Frauen gezeigt, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor.

Wenn Frau, dann jüngere Frau

Weiter stellte die Rostocker Medienforscher eine Alterslücke fest: So würden vor allem junge Frauen in Film und Fernsehen dargestellt. Bis zu einem Alter von Mitte 30 kämen Frauen und Männer etwa gleich oft vor, hieß es. Aber ab Mitte 30 kämen auf eine Frau zwei Männer. Ab 50 Jahren kämen auf eine Frau drei Männer. Dieser Schwund findet demnach in allen Sendern und über alle Formate und Genres statt. Nichts anderes gilt für den Kinofilm.

Auch bei den Moderatoren, Sprechern, Experten und anderen Akteuren würden Männer auf den Bildschirmen dominieren. Im Showbereich seien 80 Prozent der Hauptakteure männlich. In der Publizistik stünden 79 Prozent männliche Experten nur 21 Prozent Expertinnen gegenüber. In der TV-Information gebe es zudem 72 Prozent Sprecher und nur 28 Prozent Sprecherinnen, in der non-fiktionalen Unterhaltung seien es sogar 96 Prozent Männer und vier Prozent Frauen. Die Schlussfolgerungen sind eindeutig: Männer erklären die Welt. Sie sind die Experten, die Gameshow-Moderatoren, die Journalisten und die Sprecher.

Das „beste“ Ergebnis im Sinne der Diversität findet sich bei der TV-Moderation. Ob Marietta Slomka oder Maybrit Illner beim ZDF, ob Caren Miosga oder Anne Will bei der ARD, ob Katja Burkard oder Ilka Eßmüller bei RTL – sie sorgen dafür, dass sich das Verhältnis Männer (53 Prozent) zu Frauen (47 Prozent) einer Geschlechter-Balance nähert.

Maria Furtwängler hat Studie initiiert

Wer deutsches Fernsehen einschaltet und deutsche Kinofilme sieht, wird die Resultate der Untersuchung geahnt haben, zugleich wird er von ihrer Eindeutigkeit überrascht sein. Geahnt hat sie auch die Schauspielerin Maria Furtwängler, die die Studie initiiert hat. Gerade 50 geworden, wird weniger der TV-Star Furtwängler, sehr wohl aber die Schauspielerin bemerkt haben, dass an den Sets immer weniger Frauen ihres Alters arbeiten – es fehlen die Rollen jenseits der 50. „Es ist wichtig zu verstehen, welches Geschlechterbild mit der enormen Wirkungsmacht des Fernsehens und Kinos transportiert wird“, umriss Maria Furtwängler ihre Motivation für die Studie. Für die zutreffende Beschreibung des Geschlechterbilds braucht es valide Zahlen - die die Untersuchung jetzt liefert.

Das Thema ist für die Gesellschaft, mehr noch für die Branche virulent. Also haben die vier Sendergruppen – ARD, ProSiebenSat1, RTL, ZDF –, drei Filmförderer und die MaLisa Stiftung (Furtwängler und Tochter Elisabeth) für die Finanzierung zusammengelegt. ZDF-Intendant Thomas Bellut sagte in der Diskussionsrunde, dass die Studienergebnisse eben auch ein Abbild der Wirklichkeit seien. Er bezog sich dabei insbesondere auf den signifikanten Überhang an männlichen Experten. „Das ist ein unbefriedigender Zustand, aber wenn sie für die Infosendungen am Abend Experten suchen, dann geben die Datenbanken kaum Frauennamen her.“

Hier wie in anderen Äußerungen wurde offenbar, was Karola Wille, MDR-Intendantin und ARD-Vorsitzende, bemerkte: „Die Veränderungen sind ein längerer Prozess, das braucht viel Ausdauer.“ Mögliche Quoten in den Senderredaktionen nannte Wille „ das allerletzte Mittel, eine Krücke“. Für Petra Müller, Chefin der Film und Medien Stiftung NRW, wird eine Diskussion über Strukturen und Systeme benötigt; zugleich hat sie bemerkt: „Es tut sich was“, so auch bei den verschiedenen Filmförderungen, wo immer mehr Anträge von Produzentinnen und Schauspielerinnen gestellt würden.

TV-Realität: Frauen sehen lieber Männer

Die Studie hat die Macher in den Blick genommen, nicht aber das Publikum. Auf das wird es im Nachfragemedium Fernsehen ankommen. RTL-Programmchef Frank Hoffmann erinnerte daran, dass die Mehrheit des TV-Publikums, dass Frauen also eher Männer in TV-Rollen akzeptieren würden als Frauen. Und auch das gilt: Das „Herzkino“ im ZDF, das von jeder „audiovisuellen Diversität“ am weitesten entfernte TV-Format, ist ein Herzensanliegen der Zuschauerinnen.

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