„Eine Overstolz und eine Zeitung“. Vor einem Kiosk am Alexanderplatz treffen sich Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) wieder. Bei der ersten Begegnung lag der Kommissar zitternd auf dem Toilettenboden. Nichts ist in der TV-Serie „Babylon Berlin“ so wie es auf den ersten Blick scheint. Fotos: X-Filme,Skyp

Start von "Babylon Berlin" „Man war froh, das Pensum des Drehs überlebt zu haben“

17 Kommentare

„Babylon Berlin“ ist die bislang teuerste deutsche TV-Serie. Wie die Hauptdarsteller Volker Bruch und Liv Lisa Fries mit diesem Druck umgegangen sind.

So freizügig mit Informationen wie in den ersten drei Minuten von „Babylon Berlin“ sind Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries, die Autoren und Regisseure von Deutschlands bislang teuerster TV-Serie, in den nächsten Folgen nicht mehr. Eine Flut aus Bildern und Eindrücken ergießt sich über die Zuschauer, während sonst die Kunst der sparsamen Enthüllungen bis zum Äußersten getrieben wird.

Die erste Doppelfolge von „Babylon Berlin“, die der Pay-TV-Sender Sky an diesem Freitag zeigt, sie beginnt und endet in einem Temporausch, der im oft beschriebenen Tanz auf dem Vulkan gipfelt, für den die wilden zwanziger Jahre stehen. Eine Zeit außer Rand und Band, und mittendrin Gereon Rath und Charlotte Ritter, die beiden Protagonisten der Volker-Kutscher-Romane.

Die Eröffnungsszene ist geradezu genial. Ein Psychiater versetzt Gereon Rath in Hypnose, führt in zurück in die Vergangenheit, zurück auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. In einer anderen Erinnerung sieht man ihn auf einem Bett, vor ihm eine fast nackte Frau, danach ein Mann, offenbar durch Kopfschuss getötet, der an den Beinen weggeschleift wird. Demonstranten ziehen durch Berlin, halten rote Fahnen. Man erfährt in kürzester Zeit erstaunlich viel über Gereon Rath, aber nicht von ihm selbst. Er wird der Unnahbare bleiben, der Geheimniskrämer, der seine Gedanken, seine Gefühle für sich behält.

Das größte Serienereignis des Jahres

„Babylon Berlin“, das ist das große deutsche Serienereignis dieses Jahres und es beginnt mit einem Besuch der Sittenpolizei bei einem Pornodreh. Gereon Rath, der Sonderermittler aus Köln, schluckt noch kurz den Inhalt einer braunen Ampulle heimlich in der Toilette herunter, um sein Zittern in den Griff zu bekommen.

Es ist nicht nur ein dienstlicher Auftrag, der den Kommissar nach Berlin verschlägt. Er soll zugleich eine unappetitliche Erpressung beenden. Raths Vater, der designierte künftige Polizeipräsident von Köln, will Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer schützen.

Wie die meisten Figuren im Kosmos dieser Geschichte hat auch der junge Kommissar eine dunkle, geheime Seite. Das gilt ebenso für Charlotte Ritter, die selbstbewusste, emanzipierte Aushilfsstenotypistin der Polizei, die sich abends auf dem Tanzparkett des Moka Efti austobt. Sie lebt in armseligen Verhältnissen, viele Kinder auf kleinem Raum, der Großvater gebrechlich, ein Zille-Milljöh. Lotte lässt sich davon nicht unterkriegen, sie hat ein gewinnendes Lächeln, unverwechselbar auf den ersten Blick. Ohne sie wüsste die Familie nicht, wie sie die Miete zahlen sollte. Dafür ist sie sogar bereit, im Unterhaltungstempel die Domina zu geben. Tag und Nacht, Licht und Schatten, nichts ist in „Babylon Berlin“ so, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Im Vergnügungstempel Moka Efti feiert das freizügige Berlin den Tanz auf dem Vulkan. Foto: X-Filme, Skyp

40 Millionen Euro haben der Pay-TV-Sender Sky, die öffentlich-rechtliche ARD sowie die Partner X-Filme und Beta Film mit großzügiger Hilfe öffentlicher Fördertöpfe aufgebracht, um das Mammutprojekt zu stemmen. 400 Mitarbeiter waren beteiligt, der Abspann hat Hollywood-Format. Es waren 180 Drehtage angesetzt, 50 Hauptschauplätze und 240 Nebenmotive. Die Erwartungshaltung ist entsprechend gigantisch, „Babylon Berlin“ kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Serie nicht nur bei Sky und ein Jahr später in der ARD vom Publikum angenommen wird, sondern auch in der internationalen Vermarktung funktioniert, was offenbar der Fall ist: Bereits jetzt übernehmen 60 Länder die Serie. Ein nicht unerheblicher Teil der Verantwortung für das Gelingen dieses Projektes lastete auf den Schultern der beiden Hauptdarsteller. Wie sind sie damit umgegangen?

Für Volker Bruch, der im Kinofilm „Der Rote Baron“ an der Seite von Matthias Schweighöfer und Til Schweiger vor der Kamera stand und als Wehrmachtsoffizier Wilhelm im TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ überzeugte, war „die Fahrt auf diesem großartigen Dampfer, der ,Babylon Berlin‘ ist, ehrlich-einnehmend und professionell-herausfordernd“. „Zugleich war man froh, das Pensum des Drehs überlebt zu haben. Da war nicht mehr so viel Platz für Druck. Man hatte nur immer wieder Momente, in denen man überwältigt war von dieser geballten Unglaublichkeit!“

Keine Interviews während der Dreharbeiten

„Von diesem Druck, diesen enorm hohen Erwartungshaltungen haben wir am Set überhaupt nichts mitbekommen“, erzählt Liv Lisa Fries, die Charlotte Ritter verkörpert, dem Tagesspiegel. „Es wurde auch vonseiten der Produktion so vereinbart, dass wir während der Dreharbeiten für keine Interviews zur Verfügung stehen. Denn wir wollten hauptsächlich unserer Arbeit nachgehen, uns voll und ganz auf die Sache konzentrieren. So konnten wir in Ruhe dieses wunderschöne Sittengemälde fertigstellen“, sagt sie weiter.

Zur Startseite