Entspannt: Der umstrittene Ex-SPD-Politiker Thilo Sarrazin bei Steffen Hallaschka auf dem "Heißen Stuhl". Foto: RTLp

RTL-Streitgespräch Ein „heißer Stuhl“ bringt Thilo Sarrazin nicht ins Schwitzen

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Gut ein Jahr nach der Silvesternacht von Köln setzt RTL Thilo Sarrazin auf den "Heißen Stuhl". Doch Steffen Hallaschka bekommt den streitbaren Geist nicht zu packen.

22 Jahre nach der letzten Sendung wurde am Montagabend das RTL-Format „Der heiße Stuhl“ fortgesetzt. „Ein Jahr nach der Kölner Silvesternacht: Wie sicher ist Deutschland“ lautete das Thema. Auf dem heißen Stuhl nahm Thilo Sarrazin Platz. In den Monaten nach Köln hatte er sich mehrfach zu Wort gemeldet, unter anderem mit der Forderung, unerwünschte Einwanderer notfalls unter militärischem Schutz abzuschieben. Abgelehnte Asylbewerber sollten nicht länger gegen solche Entscheidungen klagen können, lautete eine andere Forderung des SPD-Mitglieds. Doch so weit kam Steffen Hallaschka, der Moderator des „Heißen Stuhl“ gar nicht erst. Das Zuschauerinteresse blieb bescheiden: 1,49 Millionen schalteten ein, das entspricht einem Marktanteil von 10,2 Prozent in der Gesamtzuschauerschaft und von 10,5 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen.

Erst eine Bombe, dann der heiße Stuhl

Auf einem heißen Stuhl hatte das RTL-Hauptstadtbüro am Montag übrigens bereits am Nachmittag gesessen. Die Senderzentrale in Köln war wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe in der Nachbarschaft über mehrere Stunden geräumt worden. Wäre Köln länger ausgefallen, hätte Berlin einspringen müssen, doch dazu kam es nicht.

Thilo Sarrazin startete in die Sendung, wie es sich RTL nicht anders hätte wünschen können. „Junge Männer wollen das, was alle junge Männer wollen, ein Mädchen“, begann Sarrazin noch einigermaßen verständnisvoll. Zum Problem werde dies, wenn eine Million muslimische Männer ins Land käme, die sich wegen ihrer Religion nur an andersgläubige Frauen heranmachen könne. Komme dann noch eine unfähige Polizei hinzu, träten solche Probleme wie in Köln an die Oberfläche.

Auf die Intervention von Arnold Plickert vom Bundesvorstand der Gewerkschaft der Polizei schwächte Sarrazin diesen Vorwurf zwar immerhin so weit ab, dass nicht die Polizisten, sondern nur deren Führung unfähig wären, doch im Kern blieb Sarrazin bei seiner Behauptung: Muslimische Männer unterscheiden sich von Männern in anderen Ländern dadurch, dass sie gewalttätiger seien. „Das ist eine andere Kultur“, so der umstrittene Ex-Politiker und Buchautor. Bereits zu seiner im Berliner Senat (von 2000 bis 2009) „waren 80 Prozent der Insassen des Jugendknast muslimisch“.

Für den grünen Bundestagsabgeordneten Kai Gehring sind Sarrazins Äußerungen nicht nur populistisch, sondern rassistisch. „Sie können nicht alle junge muslimischen Männer unter Generalverdacht stellen, das machen sie auf dem Oktoberfest ja auch nicht mit katholischen bayerischen Männern.“ Die Schauspielerin und Moderatorin Annabelle Mandeng ergänzte, Sexualstraftäter können Flüchtlinge sein, „aber nicht jeder Flüchtling ist ein Sexualstraftäter“.

Beim „Heißen Stuhl“ sitzt der Protagonist nicht nur seinen direkten Kontrahenten gegenüber. Das Publikum ist ebenfalls aufgefordert, seine Meinung kund zu tun. Das bekam jedoch weniger Thilo Sarrazin als vielmehr die Bloggerin und Muslima Khola Maryam Hübsch zu spüren. Als sie darauf verwies, dass der Islam zur Achtung von Frauen auffordert und man nicht die Religion für die Verfehlungen einzelner muslimischer Männern verantwortlich machen dürfe, waren aus dem Publikum reichlich laute Lacher zu vernehmen. Moderator Hallaschka, der sonst durch "stern TV" führt, machte da keine besonders gute Figur und so musste Annabelle Mandeng mehr Respekt für die Muslima einfordern.

Thilo Sarrazin jedoch konnte sich einmal mehr als Schulmeister darstellen, der unbelehrbaren Kindern die Grundzüge wissenschaftlicher Statistik beibringen muss. Ins Schwitzen kam der streitbare Geist nicht, erst in der Werbepause wünschte er sich ein Schluck Wasser.

Mehr Paroli bieten

Leidenschaft und klare Kante hatte RTL für die Wiedereinführung des „Heißen Stuhls“ - der früher auch von Ulrich Meyer moderiert wurde - versprochen. Sollte es tatsächlich zum Bundestagswahlkampf weitere Sendungen geben, dürfen RTL und Steffen Hallaschka ihre Gäste nicht nur zu steilen Thesen ermuntern, sondern müssen ihnen besser Paroli bieten. Kurt Sagatz

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