Koffer gesucht: Das Lagerleben wird von alltäglichen Sorgen bestimmt. Die YouTube-Serie „Mali“ will den Bundeswehreinsatz authentisch zeigen. Screenshot: Tsp
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Rekrutengewinnung via YouTube-Serie Bundeswehr startet neue Werbeoffensive

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Mit dem YouTube-Format „Mali“ zeigt die Bundeswehr, dass sie aus Fehlern der ersten Serie "Die Rekruten" gelernt hat. Es gibt aber auch wieder Kritik.

Es ist heiß in Gao im Süden Malis. 44 Grad, der Schweiß fließt, die rote Wüste flimmert. Am Flughafen wartet ein Dutzend deutsche Soldaten auf den Transport ins Camp. Dann setzt dramatische Musik ein, der Bass dröhnt und ein gepanzerter Transporter fährt vor. So etwas habe er in fast 20 Jahren Berufsleben noch nicht gesehen, sagt ein Soldat. „Also ich find’s schick“, sagt er und steigt mit seinen Kameraden ein. Die Mission kann beginnen.

Seit Montag veröffentlicht die Bundeswehr auf YouTube ihre neue Serie „Mali“, um wieder Soldaten zu werben. Die erste Bundeswehr-Serie „Die Rekruten“ war für ihre Darstellung mitunter heftig kritisiert worden, nun wagt die Bundeswehr einen neuen Versuch. Im Mittelpunkt stehen dieses Mal sechs Soldaten und zwei Soldatinnen, die über acht Monate bei ihrem Einsatz mit der Kamera begleitet wurden. In den kommenden sechs Wochen sollen rund 40 Kurzclips veröffentlicht werden. Ergänzt wird die Serie mit Zusatzangeboten auf Facebook, Instagram und mit einem sogenannten Chatbot, der zwar nicht live, aber in Echtzeit aus Mali berichtet. Wird morgens um fünf eine Rakete über dem Camp gezündet, bekommen die User eine Push-Nachricht. Die Zuschauer sollen den Einsatz nicht nur sehen, sie sollen ihn erleben.

"Man muss sich auch mal 30 Stunden die Kackerei verkneifen können"

In den ersten Folgen sieht man aber zunächst hauptsächlich Männer, die ein letztes Steak und Hartwurst essen, Abschied nehmen und in den Flieger steigen. In Mali beginnt dann die Schwitzerei, dazu markige Begrüßungsworte vom Lagerchef: „Herzlich willkommen in Gao. Es ist alles nicht so schlimm, wie man es hört, es ist schlimmer!“ Der Zuschauer erfährt, dass es im Camp die gefährlichsten Skorpione der Welt gibt, dass Gepäck bei der Bundeswehr genauso sicher ist wie bei Air Berlin und dass sich ein fränkischer Soldat bei der Bundeswehr „auch mal 30 Stunden die Kackerei verkneifen können“ müsse. In der nächsten Szene sieht man den Franken dann übrigens schwitzend auf der Schüssel.

„Wir zeigen die großen Belastungen, denen unsere Soldaten in der Krisenregion ausgesetzt sind, aber auch den normalen Alltag“ sagt Dirk Feldhaus, Beauftragter für Arbeitgeberkommunikation und Personalwerbung im Verteidigungsministerium. Man wolle anstrengende, witzige, langweilige, aber immer authentische Szenen zeigen. Deshalb wird der Absturz eines Hubschraubers, bei dem zwei Soldaten ums Leben kamen, ebenso thematisiert wie das Problem der traumatisierten Soldaten nach dem Einsatz. „Kein anderes Unternehmen zeigt so schonungslos die eigenen Arbeitsbedingungen“, behauptet Feldhaus.

Während der ersten Serie gab es ein Bewerberplus

Die Rekrutengewinnung via YouTube lässt sich die Bundeswehr samt Werbung 6,5 Millionen Euro kosten, etwas weniger als „Die Rekruten“ im vergangenen Jahr. Über 45 Millionen Mal wurden die Clips damals abgerufen, 270 000 User abonnierten den Bundeswehr-Kanal. Nach eigenen Angaben verzeichnete die Bundeswehr während der ersten Serie ein Bewerberplus von 21 Prozent. Einen ähnlichen Erfolg erhofft man sich im Verteidigungsministerium auch dieses Mal, denn bis 2024 soll personell auf rund 200 000 Soldaten aufstockt werden, ohne dabei auf jeden Bewerber angewiesen zu sein.

Vor allem Fachkräfte werden gesucht, sie will die Bundeswehr mit „Mali“ ansprechen. „Es gibt mit Bezug auf die Auslandseinsätze eine gewisse Scheu und eine Unwissenheit unter potenziellen Bewerbern“, sagt Feldhaus. Das liege auch an einer „verzerrten medialen Berichterstattung“, die auf Nachrichten wie den Hubschrauberabsturz im Juli fokussiert sei. „Wir wollen in erster Linie aufklären und informieren“, sagt Feldhaus. Der Lageralltag im Einsatz sei der Öffentlichkeit kaum bekannt. „Dass ein Teil des Einsatzkontingents, wie Mechaniker oder Logistiker, das Camp quasi nie verlässt, wissen die meisten gar nicht.“

Mission abgeschlossen: Hauptfeldwebel Peter wurde 134 Tage mit der Kamera begleitet. Sein Job ist wenig spektakulär. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Einer dieser Lagermenschen ist Hauptfeldwebel Peter, der für die Luftfrachtlogistik verantwortlich ist. Sein Alltag ist wenig spektakulär. In einem Zelt sitzt er am Rechner und überwacht die Lieferungen, die das Camp erreichen. In der dritten Folge geht er auf Koffersuche, ansonsten schwitzt er hauptsächlich.

Ex-Soldat findet Darstellung realistisch

„Einsätze sind oft langweilig, von daher ist die Darstellung in der Serie realistisch“, sagt Sascha Stoltenow, der in seiner zwölfjährigen Soldatenlaufbahn auf vielen Auslandseinsätzen war und heute Kommunikationsberater ist. „Die Rekruten“ hatte er heftig kritisiert. Sie habe wie eine billige Reality-TV-Show gewirkt, die Bundeswehr als Abenteuerspielplatz dargestellt und den Soldatenberuf verharmlost, schrieb er auf seinem Blog. „Mali“ findet er allein wegen des Umfelds ernsthafter. „Da sind professionelle Soldaten vor der Kamera, dadurch wird es viel dokumentarischer“, sagt Stoltenow.

"Die Ministerin lockt junge Leute in den Krieg"

Christiane Buchholz, Bundestagsabgeordnete der Linken, kritisierte die Serie dagegen scharf: „Ministerin von der Leyen lockt junge Leute in den Krieg.“ Das Format vermittle den Eindruck eines Abenteuers. „In Gao erwartet die Soldaten aber keine Abenteuer. Sondern Hinterhalte, Sprengfallen und eine Bevölkerung, die den internationalen Truppen zunehmend ablehnend gegenübersteht.“

Die Bundeswehr indes wird sich mehr für die Resonanz des Publikums interessieren. Rund 500 000 Aufrufe hatte allein die erste Folge innerhalb eines Tages. Für die Bundeswehr ist die YouTube-Mission „Mali“ erfolgreich gestartet.

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