„Babylon Berlin“ wurde bereits in mehr als 60 Länder verkauft. Das Thema, Berlin Ende der 20er Jahre, Budget und Produktionsqualität haben auch Netflix überzeugt. Foto: X FILME CREATIVE POOL GMBH
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Rechtehändler Jan Mojto im Interview Goldene Zeiten für deutsche Fernsehserien

Joachim Huber
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Jan Mojto hat "Babylon Berlin" bereits in über 60 Ländern lizensiert. Im Interview spricht er über Verkaufspotenzial von TV-Ware und die Botschaft von Fiktion made in Germany.

Herr Mojto, Beta Film konnte die Serie „Babylon Berlin“ schon in mehr als 60 Länder verkaufen. Was sind wesentliche Kaufargumente? Welche überraschenden Länder sind unter den Käufern?

Argumente sind die erzählerische und die Produktionsqualität: Storytelling, Budget und das visuelle Niveau. Natürlich ist auch das Berlin zum Ende der 20er Jahre ein sehr wesentlicher Faktor. Das alles haben zum Beispiel die Skandinavier schon aufgrund der Drehbücher, der drei Regisseure und der Schauspieler erkannt.

Aus diesem Grunde hat es mich zwar nicht überrascht, aber stolz gemacht, dass Netflix „Babylon Berlin“ für die Auswertung in Nordamerika gekauft hat, obwohl die Serie nicht auf Englisch, sondern auf Deutsch gedreht wurde.

Verkauft sich deutsche Fernsehware besser denn je?

Deutsche Krimiserien, deutsche Fiktion haben sich in Kontinentaleuropa immer schon relativ gut verkauft. „Die Toten vom Bodensee“ von Sam Davis haben wir in 60 Länder lizensieren können, dito „Die Spuren des Bösen“ mit Heino Ferch.

Neu ist, dass immer mehr fiktionale Produktionen aus Deutschland dem höchsten internationalen Standard entsprechen. Mit deutschen Produktionen in der „Champions League“ des High-End-Dramas mitzuspielen, war schon immer mein Traum.

Mit Produzenten wie Nico Hofmann haben wir seit über zwei Jahrzehnten dafür gearbeitet, wie die Produktionen „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder „Der gleiche Himmel“ zeigen. Dazu gehören aber auch Projekte wie „Contergan“ von Michael Souvignier oder „Terror“ von Oliver Berben. Mit „Babylon Berlin“ von X Filme sind wir diesem Ziel noch näher gekommen.

Hat sich die Nachfrage über die Jahre und Jahrzehnte stark verändert? Früher galten „Derrick“ oder die „Die Schwarzwaldklinik“ als Verkaufsschlager.

Die Kunden kaufen deutsche Fiktion nicht in erster Linie, weil sie deutsch ist, sondern weil sie glauben, dass sie ihr Publikum interessieren wird. Entscheidend sind Produktionsweise, Erzählhaltung und das Thema. Andererseits interessiert die Zuschauer im Ausland aber auch das spezifisch Deutsche – gemeint sind die vergangenen hundert deutschen Jahre: die große Vielzahl an einmaligen Themen und die Art und Weise, wie sie ver- und aufgearbeitet werden.

Funktioniert nur Fiktion auf dem internationalen Markt gut oder sind auch Shows marktgängig?

Was Shows und Showformate angeht, ist Deutschland mehr Importland als Exporteur. Hier wird adaptiert. Positiv gesagt: Da ist Terrain zu gewinnen.

Existiert das Phänomen, dass Flops im deutschen Fernsehen im Ausland durchaus gefragt sind? „Deutschland 83“ hat RTL ja enttäuschende Quoten eingebracht, funktionierte aber jenseits der Grenzen. Das ZDF setzt auf Verkaufserfolge bei „Zarah“.

Ja, und umgekehrt auch: Nicht alles, was im Ausland funktioniert, muss in Deutschland funktionieren. Wir bewegen uns ja in einem unberechenbaren Markt.

Lassen Sie sich doch mal in die Karten schauen: Wie funktioniert das Lizenzgeschäft?

Sehr vielschichtig. Im Modell A bietet man einen fertigen Film potenziellen ausländischen Kunden an. Modell B funktioniert so wie bei „Babylon Berlin“ in Skandinavien beschrieben. Wir sprechen mit den Sendern schon frühzeitig, oft im Konzeptstadium beziehungsweise während der Produktionsvorbereitung, und sagen: „Da entsteht etwas Besonderes. Wenn es euch interessiert, dann entscheidet euch so schnell wie möglich.“ Also einmal geht es um das Verkaufen eines fertigen Produktes, das andere Mal um das Verkaufen einer Idee, eines Versprechens. Dieses Versprechen muss das Produkt dann aber auch einlösen, sonst wird es das nächste Mal nicht klappen. Beta Film steht und muss für Qualität und Glaubwürdigkeit stehen: Die Ware, die von uns kommt, ist etwas Besonderes.

Und kommt aus Deutschland bereits die besondere Ware?

Auf dem heutigen internationalen Programmmarkt sind durchschnittliche, aber gute Programme keine Mangelware. Der große Bedarf besteht an High-End-Produkten. Da hatte Deutschland Nachholbedarf. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Produktionspartner bei „Babylon Berlin“, ARD Degeto und Sky, gleich mit 16 Episoden ins Risiko gegangen sind. Das deutsche Fernsehen ist bereit, neue Wege zu gehen.

Heißt auch: Beta Film hat keine Ladenhüter und Jan Mojto lebt in goldenen Zeiten.

Ja, wir leben in den goldenen Zeiten der großen Fernsehfiktion. Aber den berechenbaren Erfolg, den gibt es nicht. Beta Film als Mitproduzent versucht dazu beizutragen, dass aus den nationalen Ressourcen Programme entstehen, die in dem Heimatland funktionieren. Das gilt für Deutschland genauso wie für Spanien, Italien, Tschechien oder Skandinavien. Bei besonderen Themen versuchen wir, mit zusätzlicher Vorfinanzierung die Produktionsqualität so zu verbessern, dass die Filme auch anderswo wirken können. Und ganz wichtig ist: Glück. Ein paar Ladenhüter haben wir, aber darüber reden wir nicht.

Was macht eine Produktion international attraktiv?

Qualität und bestimmt auch der mutige Umgang mit einem Thema. Denken Sie an die NSU-Trilogie von Gabriela Sperl. Dass das deutsche öffentlich-rechtliche System solche Filme ermöglicht, die sich mit dem Funktionieren, besser Nichtfunktionieren gewisser Staatsorgane beschäftigen, darauf reagieren die Leute. Es zeigt dem Ausland, wie reif die deutsche Demokratie ist. Auch solche Punkte spielen bei der Entscheidung – schaue ich mir ein Programm an oder nicht – eine gewichtige Rolle.

Muss mehr gefördert werden?

Ein Land wie Deutschland, das nolens volens politisch und wirtschaftlich eine bestimmte Rolle in Europa und der Welt spielt, ein Land, das vom Export lebt, muss ein vitales Interesse daran haben, dass sein Image differenziert dargestellt und in der Welt verbreitet wird. Der erfolgreichste Weg, Botschaften zu vermitteln, sind fiktionale Programme. Die Franzosen haben das längst erkannt, die Italiener auch, Deutschland hat das vernachlässigt. Es geht nicht um Product-Placement, dass da irgendwo ein Porsche gezeigt wird, es geht darum, die deutsche Wirklichkeit zu zeigen. Mehr Förderung kann bei dieser eminent wichtigen Aufgabe helfen.

Das Interview führte Joachim Huber.

Jan Mojto arbeitet als Filmproduzent und Rechtehändler. Kern seiner Firmengruppe ist Beta Film, mit über 15 000 Stunden Programm eine der größten internationalen Vertriebsfirmen.

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