Jochen Markett (kleines Bild links) und Andi Weiland wollen mit ihrer Satireseite erreichen, dass „wir uns alle nicht mehr so ernst nehmen“. Fotos: Promo Foto: Andi Weilandp

„Realsatire – echt. lustig.“ Online-Portal bündelt Irrsinn aus aller Welt

Julia Müller
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Das Internet-Portal "Realsatire" will den Irrsinn der Welt versammeln. Die Betreiber nennen es Humorjournalismus. Manchen gilt das als Zukunft der Nachrichtenvermittlung.

Eine Spaziergängerin beobachtet einen Mann, der offenbar ein Grab im Wald aushebt. Als er einen kleinen Holzsarg hineinlegt und darauf noch ein hölzernes Kreuz setzt, ruft sie die Polizei. Die Ordnungshüter fangen sofort mit der Exhumierung an und finden eine Gewürzgurke – „Gurki“. Der Name ist dem Sarg beigefügt – der Mann längst über alle Berge: „Das ist wunderbare Realsatire – Geschichten, die man sich nicht ausdenken kann.“ Wenn Jochen Markett solche Anekdoten erzählt, hört man in seiner Stimme die Begeisterung dafür. Eben für diese oft so absurden Begebenheiten. Satire war für den gelernten Journalisten jahrelang ein Hobby, er trat auf Familienfeiern und Betriebsfesten auf, versuchte sich als Boris-Becker-Imitator. 2015 wird aus Spaß dann Ernst: Zusammen mit Andi Weiland gründet er die Online-Plattform „Realsatire – echt. lustig.“. Ein Portal für Irrsinn aus aller Welt – sei es nun aus dem Netz oder der analogen Welt.

Markett und Weiland nennen es „Humorjournalismus“. „Wir wollen dreierlei sein: lustig, listig und auch lästig“, so Markett. Gemeint ist damit eine Mischung aus Späßen, klugen Albernheiten und dem Anspruch, nicht nur lustig zu sein, sondern auch Dinge politisch zu verändern. „Unser Projekt soll vor allem eine bunt gefüllte Schale mir Humor und Absurditäten vielerlei Art sein. Also nicht nur der böse Spott, der oft von Satire erwartet wird“, so Markett. Ausgesprochenes Ziel ist es, „dass wir uns alle nicht mehr so ernst nehmen“. Ob es Kai Diekmann, dem „Bild“-Herausgeber, um das „sich selbst nicht so ernst nehmen“ ging oder nur um eine öffentlichkeitswirksame PR-Strategie, sei dahingestellt. Im Rahmen eines Crowdfundings für das Startkapital von „Realsatire“ erstand er für 1111 Euro ein Tischtennismatch – der Gegner: Günter Wallraff. Den Kampf der Titanen entschied der Enthüllungsjournalist Wallraff mit 4:1 für sich.

Eine Crowdfunding-Aktion für das Portal „Realsatire“ brachte Günter Wallraff (links) und „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann an eine Tischtennisplatte. Foto: Andi Weilandp

Nach dem Match plauderten die beiden käsebrötchenkauend in Wallraffs Garten, dem Austragungsort. Realsatire par Excellence! Für die Zukunft sind noch mehr solcher Sportevents geplant: „Wir denken an Kicker- und Dartturniere mit ebenso prominenten Kontrahenten.“ Außerdem wollen sie „Realsatire” auf die Bühne bringen. Vom Herbst an sollen Leute, die Absurdes erlebt haben, ihre Geschichten vor Publikum vortragen. Auch über Videoformate, wie sie Marketts und Weilands Vorbild John Oliver in „Last Week Tonight“ und „The Daily Show“ produziert, denken die beiden nach. „Realsatire“ soll nicht nur ein Onlineportal bleiben. Es soll eine Marke sein, die auch für jegliche Art von Absurditäten in der analogen Welt steht.

Andi Weiland und Jochen Markett haben eine Mission. Besonders in Zeiten, in denen Populismus immer stärker wird, ist ihre erklärte Waffe dagegen der Humor. Getreu nach Mark Twain: „Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, dann ist das Leben erklärt“. Durch „Realsatire“ soll mehr Selbstironie in die Welt gebracht werden.

Monty Python als Vorbild

Mit Satire kann es gelingen, die Schärfe aus vielen politischen Debatten zu nehmen – aber nicht aus allen. Das Referendum der Briten über ihren Verbleib in der EU ist eine Grauzone: „Der Brexit ist ein klassisches Beispiel für das Dilemma von Realsatire. Natürlich ist in der Welt nicht immer alles lustig. Aber wenn wir uns alle nicht mehr so ernst nehmen würden, wäre die Welt einfacher. Ich schwanke also zwischen dem Schmerz über die Absurdität der Welt – und dem Drang, zu dieser britischen Realsatire Lustiges zu veröffentlichen“, sagte Markett, ein großer Fan der Britischen Komikergruppe Monty Python.

Dilemma hin oder her: Satire verhandelt und befeuert in Deutschland viele politische Debatten. Seit 2008 betreibt Stefan Sichermann „Der Postillon“. Die Satireseite landete im Mai in der „Like-Medien-Top 100“ von „10000 flies“ auf Platz 11. Immer wieder bestimmt das Portal die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen und liefert andere Aspekte als klassische Medien. Ende Mai warf AfD-Politikerin Beatrix von Storch Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, die Fußball-EM abschaffen zu wollen. Grundlage hierfür: Ein Artikel des „Postillons” über die Einführung einer europäischen Nationalmannschaft von Januar 2015. Ebenfalls im Januar 2015 meldete die Seite die Absage einer Pegida-Demonstration und sorgte damit bei den Anhängern für Verwirrung.

Satirische Texte sind schon lange nicht mehr nur Magazinen wie „Titanic” oder „Eulenspiegel“ vorbehalten. Auch das Nachrichtenportal Spiegel Online setzt seit 2006 mit der Rubrik „Spam“ darauf. Fernsehformate wie die „heute-show“ und „extra 3“ erklären den Zuschauern politische und gesellschaftliche Vorgänge aus einer anderen Perspektive. Jan Böhmermann ist nicht erst seit seinem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan einem breiten Publikum bekannt. Für sein Satirevideo #varoufake wurde er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

All diese Formate haben eines gemeinsam: Sie vermitteln Politik auf eine andere Weise als klassische Medien. Jochen Markett sieht genau hier die Stärke. „Wir sind ständig bei Social Media unterwegs und werden da von Information erschlagen. Am ehesten setzt sich die Information durch, die am unterhaltsamsten aufbereitet ist.“ Das könnten Satiriker eben besonders gut. Sie erreichen Zielgruppen, die sich für gewöhnlich eher selten dafür interessieren würden. Vielleicht ist Satire also die Zukunft der Nachrichtenvermittlung: Eine Mischung aus Gewürzgurken wie „Gurki“, dem türkischen Präsidenten Erdogan und viel Humor.

Das Realsatire-Portal im Netz: http://realsatire.de

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