Marseille soll noch schöner werden. Gérard Depardieu (links auf der Bank) war schon in Staffel 1 der Politserie als Bürgermeister der südfranzösischen Hafenstadt das Zentrum der Netflix-Produktion. Das wird sich in der Fortsetzung nicht ändern. Foto: Netflix/David Koskasp

Netflix und die Euroquote Der Ami hat ein As im Ärmel

Sophie Krause
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Mit Produktionen wie „Marseille“ versucht Netflix die geforderte Euroquote zu erfüllen. Sollte das nicht klappen, könnte der Streamingriese einen Katalog mit hunderten rumänischen Filmen kaufen.

Möwen schreien und kreisen in der Luft, während ein gut gelaunter Gérard Depardieu mit unüberhörbarer Stimme quer über den Kai sein Filmteam beschimpft. In einem abgelegenen Teil des Hafens dreht Netflix gerade die zweite Staffel seiner gleichnamigen französischen Politserie „Marseille“. In der Ferne prangt Notre-Dame de la Garde, das Wahrzeichen der Hafenstadt. Die Sonne brütet über den Köpfen, es herrscht konzentrierte Atmosphäre am Set. Die Crew spricht durchweg Französisch, vom Hauptdarsteller bis zur Kabelträgerin, gedreht wird ebenfalls auf Französisch, selbst das Catering ist Französisch.

In „Marseille“ spielt Kino-Star Depardieu den Bürgermeister Robert Taro, der kurz vor dem Ruhestand ein Großbauprojekt in Gestalt eines Casinos am Hafen durchsetzen will, bis sein ehemaliger Zögling Lucas Barrès (Benoît Magimel) ihn verrät. Netflix’ erste europäische Serie galt als Vorzeigeprojekt, als die EU-Kulturminister 2016 ankündigten, eine Quote für Streaming-Dienste einführen zu wollen. 30 Prozent ihres Angebots sollen künftig aus der EU kommen.

Netflix zeigt sich davon unbeeindruckt. „Wir wollen großartige Filme und Serien produzieren“, sagt Yann Lafargue, Manager der Unternehmenskommunikation von Netflix in Europa, beim Setbesuch. „Dafür brauchen wir die Kommission nicht.“ Natürlich befolge man die Gesetze. Doch unklar sei etwa, ob sich die Quote auf die Anzahl oder auf die Gesamtdauer der Titel beziehe, so Lafargue. Die 30 Prozent zu erfüllen sei ohnehin kein Problem, man müsse beispielsweise nur einen Backkatalog aus ein paar hundert rumänischen Filmen einkaufen. Das wäre jedoch nutzlos, wenn niemand die Filme ansähe. Schon jetzt komme man der Quote durch Eigenproduktionen und Lizenzen sehr nah. Netflix hält sich mit genauen Zahlen bedeckt. Über 1000 Stunden „Originals“ und 400 verschiedene Titel will das US-Unternehmen 2017 veröffentlichen, heißt es. Die Webseite unogs.com und das deutsche Portal werstreamt.es gehen aktuell von rund 2700 Netflix-Filmen und Serien in Deutschland aus.

1,75 Milliarden Dollar in europäische Produktionen investiert

Zweifellos interessiert sich Netflix sehr für die Märkte außerhalb der USA. Mittlerweile habe jeder zweite US-Haushalt einen Netflix-Zugang, sagt Lafargue. Die Plattform ist in über 190 Ländern verfügbar und die Nachfrage nach neuen Titeln ungebrochen groß. Nach eigenen Angaben investierte Netflix bislang 1,75 Milliarden US-Dollar in europäische Produktionen, 90 Titel sind in der Mache.

Bekannte europäische Serien sind etwa die britische Monarchinnen-Erzählung „The Crown“ und das spanische 20er-Jahre-Drama „Cable Girls“. Bald sollen mit der Mysteryserie „Dark“ und dem Berlin-Krimi „Dogs of Berlin“ auch deutsche Netflix-Eigenproduktionen erscheinen.

„Großartige Filme“ zu produzieren, wie Yann Lafargue sagt, ist eine gewaltige Aufgabe. Für viele deutsche und französische Kritiker war „Marseille“ ein Flop. Zu klischeehaft, zu viele Plots und Frauenbilder aus dem Mittelalter, hieß es. Die „Welt“ befand „Marseille“ als eine Kombination aus „Rote Rosen“ und „Kommissariat Istanbul“, „Le Monde“ sprach von einer „großen Bouillabaisse“. Lafargue widerspricht: Die Serie sei ein Erfolg gewesen, „sonst würden wir keinen zweiten Teil produzieren“. Abrufquoten verschweigt Netflix grundsätzlich. Nicht auszuschließen ist, dass die Serie gerade wegen ihrer Frankreichklischees bei vielen Zuschauern ankam: Ein malerisches Marseille, die prachtvolle Taro-Villa und etliche Sexszenen, an denen ausnahmslos jede weibliche Figur beteiligt ist. Auf Kritiker-Urteile gibt Netflix naturgemäß wenig. Was zählt, ist das Urteil der Nutzer.

Wie begeistert zugleich ein nationales und ein globales Publikum?

„Es ist ein schmaler Grat, wenn du das lokale und das internationale Publikum für einen Film begeistern willst“, erklärt Marc Libert, einer der Produzenten der zweiten Staffel. „Du wirst immer jemanden enttäuschen.“ Die Serie soll die Probleme der Stadt– den Einfluss der Mafia, sozialpolitische Versäumnisse – global nachvollziehbar machen. In der zweiten Staffel werden zudem der französische Präsidentschaftswahlkampf und das Erstarken des rechtsextremen Front National thematisiert, verrät Libert. Für Netflix bedeutet die Internationalisierung seiner Produktionen in der Tat eine Gratwanderung, denn einerseits muss ein gewisser Mainstream bedient werden. Yann Lafargue spricht vom „Adam-Sandler-Effekt“, weil Filme von und mit dem US-Schauspieler trotz vernichtender Kritik bei den Zuschauern weltweit beliebt sind. Andererseits sind eigenwillige Titel wie „Orange is the new Black“ stark gefragt. Doch um erfolgreich zu bleiben, reicht es nicht, Volltreffer wie „House of Cards“ in 190 Ländern neu aufzulegen. Deshalb versucht sich Netflix an nationalen/lokalen Geschichten, wobei die großen Herausforderungen mithin darin bestehen, nicht in die Klischeefalle zu tappen und das Wesen der jeweiligen Fernseh- und Kinokultur zu beachten.

Am Set von „Marseille“ schlurft Gérard Depardieu während einer Drehpause mit Crocs an den Füßen in den Schatten, setzt sich breitbeinig auf eine Kiste mit Equipment und röhrt in sein Handy, während das Team um ihn herum die nächste Szene vorbereitet. Alles ist offensichtlich gut eingespielt, der Umzug geht flott. Im Hintergrund schreien weiterhin die Möwen. Hier an der Côte d’Azur sind die EU-Kulturminister ganz weit weg.

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