Protagonist der Punkbewegung. Johnny Rotten, 61, einst Sänger der englischen Punkband Sex Pistols. Nach deren Auflösung 1978 gründete er die Band Public Image Ltd. 2004 trat Rotten in der britischen Version von „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ auf. Er ist mit einer Deutschen verheiratet. Foto: obsp

Interview mit Punk-Ikone Johnny Rotten„Ich akzeptiere jede Herabsetzung“

Von Jan Freitag3 Kommentare

Arte hat einen neuen ungewöhnlichen Moderator, leider nur für ein paar Wochen: Punk-Ikone Johnny Rotten über Kultur-Fernsehen, Brexit und die Bande zu Deutschland.

Guten Morgen Hamburg.

Guten Morgen Miami, wie spricht man Sie am besten an: John, Johnny? Mr. Lydon? Mr. Rotten?
Auf John reagiere ich gelegentlich ganz gut.

Bei der Vorstellung des „Summer of Fish ’n’ Chips“ hat Arte Sie als Herr Rotten angekündigt.
Mit hartem deutschen R? Großartig!

Wie ist Ihr Verhältnis zu Deutschland?
Historisch betrachtet eher distanziert, aber meine Frau ist Deutsche, also doch recht eng.

Moderiert die englische Punk-Legende deshalb eine deutsch-französische Fernsehsendung?
Arte in dieser Kombination als Host zu dienen, empfinde ich wegen dieser uralten, überwundenen Feindschaft als angenehm europäisch. Außerdem liebe ich visuelle Kunst.

Sie sehen fern?
Ich höre praktisch nie auf! Soll ich Ihnen von meiner ersten Erfahrung mit dem deutschen Fernsehen erzählen? Es war ein Auftritt von James Last vor ungefähr 45 Jahren, bei dem sein Orchester mit geschwärzten Gesichtern New Orleans Jazz zu einer Art Umpaah-Techno parodiert hat. Entsetzlich! Er ist ein hervorragender Musiker, aber wenn es zu einem stilistischen Wettstreit mit der britischen Musik käme, wäre James definitiv Last (lacht laut) …

Sind Sie persönlich interessiert am Arte-Thema britischer Popkultur?
Und was denken Sie, soll das sein?

Musikalisch betrachtet der größtmögliche Einfluss auf alle anderen Popkulturen, größer selbst als der amerikanische.
Pop heißt doch, dass von allem etwas in allem steckt. Manchmal mag es vermeintlich Neues in einem Land früher geben, aber Popkultur hat weder visuell noch tonal eine Herkunft, nur Orte gezielter Verdichtung. Britische Popkultur ist daher nur ein Label zum besseren Verständnis.

Wie fühlt es sich für Sie an, ein Teil davon zu sein?
Wenn man nie versucht hat, populär zu sein, sehr gut. Der Ursprung von Pop ist immer Kunst, nur nicht unterteilt in Bild, Wort oder Ton, sondern alles in einem. Wobei es mir dabei immer um Integrität ging. Ich habe nie jemandem etwas vorgespielt, wie es der Pop oft tut.

Andererseits geht die Legende, die Sex Pistols seien eigentlich eine gecastete Boygroup.
Ach, Neid ist und bleibt eins der mächtigsten Gefühle im Universum. Andererseits wäre die Sache mit der Boygroup ein wundervolles Kompliment an meinen Gesang. Und als humorvoller Mensch akzeptiere ich sowieso jede Herabsetzung. Vielleicht hat das mit meiner Erziehung im katholischen Kloster zu tun. Qualvoll, aber es hat mich duldsam gemacht.

Auch religiös?
Wenn man von einer Idee so indoktriniert wird wie ich, lehnt man sich radikal auf oder fließt mit dem Strom. Und bei allem, was ich mir im Leben vorzuwerfen habe, gehört Letzteres sicher nicht dazu. Aber sie haben es mir auch leicht gemacht. Als Linkshänder wurde ich vom ersten Tag an misshandelt. Außerdem war ihnen verdächtig, dass ich schon mit vier lesen und schreiben konnte.

Waren Sie schon damals ein Rebell?
Eher was ein Kind dafür hält. Die Beatles konnte ich anfangs nicht leiden, was meinen Hang zur Anti-Musik schon früh gezeigt hat. Aber ihre Frisuren entsprachen exakt meiner Vorstellung von Rebellion. Apropos: Ohne Deutschland, besonders Hamburg, hätte es die Beatles nie gegeben, damit die wichtigste Band der Popkultur. So viel zur Bedeutung Englands.

Was halten Sie von den anderen Künstlern im „Summer of Fish ’n’ Chips“?
Die Rolling Stones hatten eine Reihe inspirierender Platten, was ihre Karriere absolut rechtfertigt. Das Gleiche gilt für andere Bands, die bei Arte, und das sage ich nicht, weil ich sie präsentiere, mit fantastischen Filmen gewürdigt werden. Etwa Depeche Mode. Und ich mag die Sleaford Mods mit ihrer verstörend unerbittlichen Art, die Verhältnisse zu kommentieren.

Sind Sie mit 61 Jahren noch so politisch wie als junger Punk?
Selbst wenn ich versuchen würde, es nicht zu sein, würde mich die Tagespolitik schlicht überrollen. Nehmen Sie den Brexit, den ich anders als kolportiert wurde, nie unterstützt habe. Die Menschen wurden da so lange desinformiert, dass sie entweder dafür waren oder nicht abgestimmt haben. Furchtbar. Ich habe vom Leben gelernt, sich immer einzumischen.

Haben Sie als bekannter Teil der Popkultur mehr politischen Einfluss als andere?
Da ich in den meisten Ländern der Welt schon mal Einreiseverbot hatte und vom Parlament als Hochverräter eingestuft wurde, wohl schon. Den Mächtigen dabei zuzusehen, wie sie sich aus purer Angst lächerlich machen, das hat meine Empathie für die Entrechteten geschärft. Für sie stehe ich bis heute auf. Und das tun neue Bands wie die Sleaford Mods mit ihren Mitteln auch.

Was halten Sie von dem Label, das man ihnen gibt.
Ein Label? Die Armen! Welches denn?

Spoken Punk.
Oh Gott.

Wie finden sie Ihr eigenes Label als „Urvater des Punk“?
Ich bevorzuge „King of Punk“, dieser Titel wurde mir quasi verliehen und irgendwie habe ich ihn mir ja auch verdient.

Wodurch?
Freier Wille – das ist Punk! Und sich nie unterkriegen zu lassen. Jeder hat das Recht auf eine Karriere. Britney Spears zum Beispiel mag nicht die intelligenteste Lebensform des Planeten sein, aber für die einen hat sie einfach tolle Musik gemacht, für andere sah sie heiß aus in ihrem Schulmädchen-Outfit. Da kann sich doch jeder was rausziehen oder es eben lassen. Wer den Mut hat, sich mit seiner Kunst der Öffentlichkeit zu stellen, verdient dafür Anerkennung. Mehr verlange ich auch nicht für das, was ich mein Leben lang getan habe.