Referenzmodell „Toni Erdmann“? Maren Ade (links) und Schauspielerin Sandra Hüller halten bei der Verleihung des 67. Deutschen Filmpreises „Lola“ im April 2017 die Trophäen für das „Beste Drehbuch“ und die „Beste weibliche Hauptrolle“ in den Händen. Foto: dpa/Pedersen
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Forderung der Produzenten „Der Rundfunkbeitrag muss steigen“

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Sonst muss die deutsche Film- und TV-Wirtschaft darben, warnt Christoph Palmer, Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten - Film & Fernsehen. Ein Gespräch.

Christoph E. Palmer war CDU-Politiker in Baden-Württemberg und ist heute Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen in Berlin. Diese vertritt einen großen Teil der deutschen Film- und Fernsehproduktionsbetriebe. Mit Palmer sprachen Thomas Eckert und Joachim Huber.

Herr Palmer, die Bundestagswahl steht vor der Tür. Hat Ihr Verband Präferenzen, was die kommende Koalition betrifft?

Wir kommen mit jeder Koalition gut zurecht, die die Wertigkeit des Filmschaffens in Deutschland anerkennt. Da gab es in der Vergangenheit mit keiner Partei Probleme. Wir werden von allen vernünftigen Kräften unterstützt.

Keine Klagen?

Der Bund stockt die Fördersumme des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) von 70 Millionen in diesem Jahr auf 125 Millionen Euro im kommenden Jahr auf. Da fällt selbst uns das Klagen schwer. Frau Grütters hat erfolgreich Filmförderung gemacht. Seit 2015 gibt es außerdem im Wirtschaftsministerium den German Motion Picture Fund mit schon zehn Millionen Euro. Dazu kommen 18 Millionen Euro für die kulturelle Filmförderung. Wir reden also von insgesamt 150 Millionen Euro, das ist mehr als eine Verdoppelung der Mittel. Hier haben alle Beteiligten eine Menge Hausaufgaben gemacht. Da kann man dann auch schon mal zufrieden sein.

Das gibt's doch nicht! Ein zufriedener Lobbyist.

Ganz so ist es nun auch wieder nicht. Natürlich haben wir noch Wünsche.

Dann mal auf den Tisch damit.

Es wäre zum Beispiel gut, wenn die unterschiedlichen Fonds, die heute auf verschiedene Ministerien und Zuständigkeiten verteilt sind, zentral gestaltet würden. Und es wäre schön, wenn nicht mehr nach Film- und Fernsehförderung unterschieden würde, man sich statt des Verbreitungswegs auf die Inhalte konzentrieren würde. Wenn dann noch hochwertige Kleinserien wie „Weißensee“, „Charité“, „Adlon“, die auch international sehr erfolgreich sind, förderfähig würden, wäre das Glück perfekt. Das ist momentan nicht möglich, weil der DFFF bislang keine Fernsehproduktionen fördert. Der kleine Topf im Wirtschaftsministerium ist hier flexibler, aber natürlich „überbucht“.

Christoph E. Palmer ist Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen in Berlin. Foto: Alexander Knoedel
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Welches Ministerium schwebt Ihnen denn da als Zentralstelle vor?

Unser Hauptansprechpartner ist das Kultur- und Medien-Staatsministerium, das 1998 eingeführt wurde und sich, wie ich finde, bewährt hat. Es spricht alles dafür, dass man die Förderung dort konzentriert, wo die größte Kompetenz und alle notwendigen Organisationsstrukturen vorhanden sind. Deshalb spricht vieles für das BKM.

Aber so wird es nicht kommen!

Wenn Sie das jetzt schon so genau wissen, Glückwunsch! Ich bin kein Prophet. Aber ich glaube an die rationale Vernunft der Beteiligten.

Wie aktiv arbeiten Sie daran, dass die Zentralisierung der Förderung kommen möge?

Wir haben allen Parteien unsere Vorstellungen mitgeteilt. Jetzt müssen wir abwarten, was die Bundestagswahl erbringt.

Die Förderung wurde auf 150 Millionen Euro verdoppelt. Aber 300 Millionen könnten auch nicht schaden, oder?

Kein demokratisches und aufgeklärtes Fördersystem der Welt verzichtet auf eine zeitgemäße Filmförderung. Filmförderung ist zunächst Kunstförderung. Wir haben uns in Deutschland zum Glück auf staatliche Kulturförderung verständigt. Im übrigen ein überschaubarer Betrag: Wir reden nicht von Milliarden. Natürlich ist die Filmwirtschaft nicht nur Kultur-, sondern auch Wirtschaftsgut. Aber im Vordergrund steht die Kultur, auch die Vermittlung der eigenen Kultur im Ausland. Ein Welterfolg wie „Toni Erdmann“ wäre nie zustande gekommen, hätte es keine Filmförderung gegeben.

Algorithmus für Erfolg gibt es nicht

Garantiert die Förderung Erfolge?

Nach einem Algorithmus für den erfolgreichen Film wird immer noch gesucht. Deshalb brauchen wir ja die breite Förderung. Damit jedenfalls einzelne Produktionen möglicherweise erfolgreich laufen. Und natürlich sind 300 Millionen in einer solchen Situation besser als 150 Millionen Euro. Die ganze Welt um uns herum strengt sich an, da müssen wir mithalten, wenn wir Erfolge feiern wollen. Und trotzdem sind wir erst bei einem Drittel dessen, was zum Beispiel ein Land wie Frankreich aufwendet, dessen Filmförderungssystem nicht ganz grundlos als das beste der Welt gilt. Es ist also bei uns noch Luft nach oben, was die Förderung betrifft.

Je mehr Geld er bekommt, desto besser wird der deutsche Film?

So würde ich das nie sagen. Aber der deutsche Film wäre ohne die Förderung, die er heute bekommt, international nicht konkurrenzfähig. Die reine Marktwirtschaft wäre sein Ruin. Er muss also gefördert werden. Immerhin haben wir es inzwischen geschafft, den Zuschaueranteil an deutschen Produktionen in unseren Kinos mit 25 bis 30 Prozent fast zu verdoppeln – davon konnten wir früher nur träumen.

Wie geht es dem gewöhnlichen Produzenten? Kaviar, Schampus, Maserati?

Den gewöhnlichen Produzenten, wie Sie das nennen, gibt es nicht. Wir sind eine sehr heterogene Branche. Da gibt es Produzenten, die mit Einzelstücken, Shows oder Serien erfolgreich sind, und es gibt Produzenten, die ringen ums Überleben. Die meisten Produzenten müssen mit geringen Margen leben, jeder zweite Betrieb arbeitet zurzeit sogar defizitär. Viele Produzenten leben von der Hand in den Mund. Es gibt erfolgreiche Produzenten, sicher, zum Glück. Die Lage ist jedoch insgesamt angespannt, auch weil die Eigenkapitalquote überschaubar ist.

Gratiskultur bei kostenlosen Mediatheken

Gibt es nicht viel zu viele Produzenten?

Es gibt einen Wettbewerb um die besten Konzepte und Projekte. Und diese Konzepte werden von Jurys begutachtet, ehe es Geld gibt. Nicht jeder, der Produzent werden will, bekommt also auch gleich Geld. Um vieles muss darüber hinaus hart verhandelt werden. Daher setzen wir uns beispielsweise vehement gegen lange Verweildauern in kostenlosen Mediatheken ein. Diese Gratis-Kultur kommt einer faktischen Enteignung desjenigen, der Inhalte produziert hat, gleich. Kurzum: Ich kenne keinen Produzenten, der lange ohne Geld überlebt hätte. Ich rate deshalb jedem, es sich wirklich gut zu überlegen, ob das Dasein als freier Produzent das Richtige ist.

Was würde passieren, wenn die Förderung auf sagen wir 40 Millionen Euro zusammengestrichen würde? Würden Sie dann arbeitslos?

Wenn der Bund das machte, blieben noch die 150 Millionen, die die Länder investieren. 60 Millionen kommen in der Filmförderungsanstalt (FFA) von der Filmbranche selbst. Darüber hinaus gibt es noch die Mittel von den öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehanstalten für Aufträge von Produktionen, die also keine Zuschüsse sind. Hier geht es um zwei bis drei Milliarden Euro. Und über meinen Job müssen Sie sich keinen Kopf machen. Das passt schon.

Mehr Geld, mehr Produktionen, mehr Umsatz. Sind Sie deshalb für eine Erhöhung des Rundfunkbeitrages?

Der Rundfunkbeitrag ist seit zehn Jahren nicht mehr erhöht worden. Ich halte eine Erhöhung auch deshalb für unvermeidlich, weil zum Beispiel auch die tariflichen Steigerungen der Mitarbeiter bezahlt werden müssen. Wenn die festen Kosten bei eingefrorenen Budgets steigen, sinken die Mittel, die für Produktionen zur Verfügung stehen. Das kann niemand ernstlich wollen. Das Programm ist der Kernauftrag der Rundfunkanstalten.

Großartiges öffentlich-rechtliches Fernsehen

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen die Gebührenzahler das Büro stürmen?

Wenn ich Angst hätte, dürfte ich meinen Job nicht machen. Und man wird ja wohl noch seine Meinung äußern dürfen, ohne gleich überrannt zu werden. Eines möchte ich hier auch einmal sagen: Es ist schlicht großartig, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland leistet in dieser Welt von Fake News und zunehmender Verdummung. Dass wir ein solches Qualitätsfernsehen haben mit dieser Verlässlichkeit und Relevanz, das ist etwas, auf das wir stolz sein können. Und das uns auch etwas wert sein sollte.

Wird das viele Geld, das es jetzt zusätzlich gibt, auch Studios wie Babelsberg zugute kommen?

Es wird allen deutschen Studios zugute kommen, also auch Babelsberg und Adlershof. Daneben den Produktionsunternehmen und den vielen Filmschaffenden. Vor allem jedoch den Zuschauerinnen und Zuschauern, durch gute Qualitätsprodukte.

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