Ikone. Die Aufnahme vom 2. Juni 1967, wie sich Friederike Hausmann um Benno Ohnesorg, erschossen von dem Zivilpolizisten Karl-Heinz Kurras, kümmert, gehört ins kollektive Bildergedächtnis der Bundesrepublik. Foto: HR/Bernard Larssonp

Doku zum 50. Jahrestag Der Tod des Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967

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„Sein Tod und unser Leben“: Arte-Dokumentation über den Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967

Berittene Polizei jagt die Menschen auf den Bürgersteigen. Ein Beamter reitet direkt auf die Kamera zu. Polizisten klettern über die Absperrungen, stürzen sich auf friedliche Demonstranten. Szenen aus West-Berlin, Ende der 1960er Jahre. Schwarz-weiße Bilder, gedreht aus der Hand, manchmal im Laufschritt, verwackelt, unruhig wie die Zeiten, in denen sie entstanden. Am 2. Juni jährt sich der Tod Benno Ohnesorgs zum 50. Mal. Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras hatte den Studenten in Berlin am Rande einer Demonstration gegen den Schah-Besuch erschossen, gezielt, wie man heute weiß, nicht aus Notwehr, wie es bei seinem Freispruch hieß. Ohnesorgs Tod entfachte Wut, verschärfte die Konfrontation zwischen Staat und aufbegehrender Jugend.

Simone Jungs Dokumentation schildert diesen Tag, der die Republik veränderte, und sein zeitliches Umfeld vor allem mit einer eindrucksvollen Fülle historischer Filmsequenzen, darunter aus der „Abendschau“, und Fotografien. Die zum Teil bekannten Bilder sind, neu zusammengesetzt, mal ein rockiges Zeitporträt mit Szenen aus dem Berliner Alltagsleben, mal der Versuch einer exakten Rekonstruktion der Ereignisse. Jung verwendete auch Ausschnitte aus dem Film „Berlin, 2. Juni 67“, den der damalige Filmstudent Thomas Giefer gedreht hatte. Giefer, heute 72 und ein mit dem Grimme-Preis dekorierter Dokumentarfilmer, nennt seine Kamera „die subjektive Sicht der Revolte, eine ganz kleine Waffe gegen diese große Macht der Medien“. Als Hauptgegner galt die Springer-Presse, insbesondere die „Bild“, die mit Schlagzeilen wie „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt“ die Stimmung anheizte. Wenn man etwas in Jungs Film vermisst, dann dass hier niemand aus deren Reihen zu Wort kommt.

Ex-Polizist erinnert sich

Mit Martin Textor ist ein prominenter Ex-Polizist unter den Zeitzeugen. Textor, der später zum Chef der Spezialeinheiten aufstieg, erinnert sich kritisch an den Geist, der in der Berliner Polizei in den 1960er Jahren herrschte. Mit den Bürgern solle kein unnötiges Wort gewechselt werden, habe eine Dienstanweisung gelautet. „Was wir getan haben, war Drill und Krieg“, sagt Textor. In der „Frontstadt“ Berlin verstand sich die Polizei offenbar als eine Art militärischer Vorhut, zudem hatten viele schon in der Nazizeit ihren Dienst versehen. Die beliebten Polizeischauen im voll besetzten Olympiastadion, ein Fackel-Aufmarsch eingeschlossen, wirken heute gespenstisch.

Auf Statements von Historikern oder anderen Experten verzichtet die Autorin, auch mit eigenen Kommentaren geht Simone Jung sparsam um. Dafür hat sie neben Augenzeugen wie dem Fotografen Bernard Larsson und der Historikerin Friederike Hausmann, die sich auf dem zur Bild-Ikone gewordenen Foto über den sterbenden Ohnesorg beugt, noch weitere Protagonisten der damaligen Zeit vor die Kamera geholt. Etwa Ralf Reinders, Mitbegründer der „Bewegung 2. Juni“, oder den späteren Bundesinnenminister Otto Schily, der als junger Anwalt Nebenkläger im Kurras-Prozess war. Und mit Uwe Soukup tritt ein Journalist und Buchautor in Erscheinung, der die Umstände des Todes Ohnesorgs akribisch recherchiert hat. „Eine Frage wird offenbleiben“, erklärt Soukup. „Warum hat der Mann geschossen?“ Der verstorbene Kurras hatte, wie sich später herausstellte, auch für die Stasi gearbeitet. Belege für eine direkte Verstrickung der DDR fanden sich nicht.

„Benno Ohnesorg – Sein Tod und unser Leben“, Arte, Dienstag, 22 Uhr 50

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