Auch Steuer-CDs sind nicht ewig haltbar. Foto: dpap

Digitales Archiv Wettlauf gegen die Zeit

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Filmrollen schrumpfen, CDs zerfallen. Für viele Institutionen ist die kurze Lebensdauer ihrer Bestände ein Problem. Eine digitale Lösung für die Archivierung von wertvollen Kulturgütern ist noch nicht in Sicht.

Wenn es anfängt, komisch zu riechen, sollte man sich Sorgen zu machen. Vor allem dann, wenn penetranter Essiggeruch im Raum hängt. Das „Vinegar-Syndrom“ ist unter Restauratoren und Archivaren gefürchtet, denn es deutet darauf hin, dass sich Mikrofilme oder Fotonegative allmählich zersetzen. Grund dafür ist das Acetat, das sich Anfang der 1950er Jahre als neues Trägermaterial durchsetzte und lange als besonders sicher galt – weil es nicht so leicht entflammbar ist wie die alten Filmrollen auf Nitratbasis. Was man damals nicht wusste: Nach 40 bis 50 Jahren neigt sich die Lebensdauer des Materials dem Ende entgegen. Nicht anders ergeht es alten Magnetbändern, VHS-Kassetten oder CDs.

Für städtische Bibliotheken ist das ein ebenso drängendes Problem wie für Radio-, Fernseh- und Filmarchive. Ihre Medienbestände aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drohen ihnen förmlich unter der Hand wegzugammeln. Bedroht sind Filme, Fotos, Musik, Spiele und Audiodateien. Und ironischerweise sind es nun vor allem die Inhalte aus der Frühzeit der Digitalisierung, die den Institutionen am meisten zu schaffen machen. Die, deren Datenträger und Dateiformate bei der Einführung damals noch als innovativ galten – die aber mittlerweile niemand mehr benutzt.

„Die Bibliotheken müssen sich dringend Gedanken machen, denn Probleme gibt es mit allen Datenträgern“, sagt Restauratorin Kerstin Jahn vom „Kompetenzzentrum Bestandserhaltung“, welches an die Zentral- und Landesbibliothek Berlin angegliedert ist. Das Zentrum berät seit 2006 Archive und Bibliotheken in Berlin und Brandenburg. „Aus analogen Datenträgern wie beispielsweise Schallplatten kann man notfalls noch sehr viel länger Informationen herausholen“, sagt Jahn. Schwierig wird es bei allem, was kurzzeitig mal in Mode war, sich aber langfristig nicht durchsetzen konnte, etwa die U-matic-Bänder oder auch DAT-Kassetten. „Man braucht für jeden dieser Datenträger ein anderes Abspielgerät. Aber viele der Geräte sind nur noch schwer erhältlich. Oder es gibt kaum noch Ersatzteile.“ Kleinere Bibliotheken können es sich nicht leisten, alle Geräte dauerhaft vorrätig zu halten.

Notfalls wird dann neu gekauft

So kommt zum Verfalls- auch noch das Abspielproblem. Der Bestand ist zwar in den Regalen theoretisch noch vorhanden, aber an die Inhalte kommt man schon nach wenigen Jahrzehnten nicht mehr ran. „Notfalls wird dann neu gekauft“, sagt Kerstin Jahn. Aber was, wenn es keine Neuauflagen gab, wenn Werke vergriffen oder verwaist sind, Verlage oder Labels pleitegegangen sind? Jahn plädiert deshalb für systematische Präventionsmaßnahmen. Mit einer guten Lagerung lässt sich die Lebenszeit der Datenträger bereits entscheidend verlängern. „Und man sollte die Anzeichen des Verfalls erkennen lernen. Was sind typische Alterserscheinungen, wird das Material eher weich oder porös oder fängt es an unangenehm zu riechen?“ Und wer alte, sich zersetzende Kunststoffe mit neuen zusammen lagert, beschleunigt unter Umständen sogar den Verfall des gesamten Bestands.

Beim Deutschlandradio hat man sich diesem Problem schon vor einigen Jahren gestellt. Als Nachfolgeorganisation von Rias und Deutschlandfunk hat das Deutschlandradio immense Schätze von seinen Vorläuferanstalten geerbt. „Wir haben allein zehn Millionen Sendeminuten auf Tonband identifiziert“, sagt Martin Baumgärtel, Ressortleiter der Abteilung „Dokumentation und Archive“ im Funkhaus Berlin.

Rund ein Drittel davon ist bereits digitalisiert und steht im hausinternen Archiv zur Verfügung. Neben den Interviews, Sendungen und Beiträgen sind darunter auch zahlreiche musikalische Rias-Eigenproduktionen, sowohl Klassikeinspielungen als auch zeitgenössische Unterhaltungsmusik. „Alles, was an Eigenproduktionen überliefert ist, wird in unseren Digitalisierungsprozess eingespeist“, sagt Martin Baumgärtel. Die meisten Sorgen machen ihm dabei selbst gebrannte CDs, von denen es im Archiv auch noch etliche gibt. „Mit diesen Silberrohlingen haben wir massive Probleme. Die industriell hergestellten, gepressten CDs halten deutlich länger.“

Früher hat man nach dem ewigen Tonträger gesucht

Aber auch sie müssen, ebenso wie die alten Tonbänder, zügig überspielt werden. „Wir sind zwar immer wieder erstaunt, wie gut viele CDs und Tonbänder sich halten“, sagt Baumgärtel. Die schlimmsten Befürchtungen der Archivare haben sich in den letzten Jahren nicht bestätigt. „Trotzdem nimmt die Aufnahmequalität kontinuierlich ab.“ Deshalb wird das Archiv seit 2001 auf ein Bandkassetten-Robotsystem überspielt, das wie ein großer externer Digitalspeicher funktioniert.

Bei Bedarf können die Dateien von den Datenkassetten zurückkopiert werden. „Wir gehen davon aus, dass dieses System noch einige Jahre hält“, sagt Baumgärtel. Wie es dann mit den Daten weitergeht, wohin sie in 50 oder 100 Jahren kopiert werden, ist unklar. „Früher hat man nach dem ewigen Tonträger gesucht, aber den gibt es nicht.“ Mittlerweile gehen Archivare davon aus, dass sie ihre Datensätze alle 15 bis 20 Jahre auf neue Systeme überspielen müssen.

Im schlimmsten Falle geht dabei jedes Mal ein Stück des Kunstwerks verloren. „Man kann sich das ungefähr so vorstellen wie bei einem Kopierer“, sagt Jens-Martin Loebel, Informatiker an der Universität Siegen und Sprecher der Fachgruppe Langzeitarchivierung der Gesellschaft für Informatik. „Wenn man ein Blatt Papier kopiert und dann die Kopie wieder kopiert und immer so weiter, hat man irgendwann nur noch eine schwarze oder weiße Seite.“

Was bleibt am Ende von der Musik übrig?

Beim Übergang von einem Dateiformat ins nächste, neuere Format ist das ähnlich, meist muss ein gewisser Schwund in Kauf genommen werden. „Schon eine MP3-Datei ist ein verlustbehaftetes Format“, sagt Loebel. Aber was ist, wenn das MP3-Format irgendwann vom MPEG-4-Format abgelöst wird und das MPEG-4-Format wieder von einem anderen Format? Wenn die Altbestände regelmäßig umkodiert werden müssen – was bleibt dann am Ende von der Musik übrig?

Die Gesellschaft für Informatik hat die dauerhafte Sicherung des kulturellen Erbes gerade zu einer der „Grand Challenges der Informatik“ erklärt: „Wir benötigen Konzepte, um Kulturgüter auch für künftige Generationen begreifbar und erlebbar zu machen. Und ohne eine nachhaltige Langzeitarchivierung ist unsere digitale Kultur unwiederbringlich verloren.“ Auf die Schnelllebigkeit der Branche, die ständig neue Geräte auf den Markt wirft, hat man bislang zwei Antworten gefunden, die beide nur bedingt zufriedenstellend sind: Bei der „Migration“ werden die Daten immer wieder in neueren Versionen abgespeichert, trotz der damit verbundenen Qualitätsverluste. Bei der „Emulation“ wird die historische Abspielumgebung an neueren Geräten simuliert – ein ebenso teures wie kompliziertes Verfahren, das vor allem für die korrekte Darstellung von multimedialen und interaktiven Kulturgütern wichtig ist.

Weil nun beide Verfahren deutliche Nachteile haben, bleiben manche Institutionen lieber gleich bei der analogen Archivierung. In der Nähe von Freiburg im Breisgau, in einem ehemaligen Bergwerksstollen in Oberried, hat die Bundesrepublik Deutschland ihre wichtigsten Unterlagen eingelagert: Verträge, Baupläne, Dokumentationen historischer Ereignisse, Grundbücher, Urkunden, wissenschaftliche Publikationen.

In dem mit Spritzbeton ausgekleideten Stollen befinden sich über 1400 Behälter aus Edelstahl, darin lagern Mikrofilme mit insgesamt 800 Millionen Dokumentseiten. Bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit kann das Material schon bis zu 500 Jahre überdauern. Aber das ist nur der eine große Vorteil. Der andere wirkt etwas banal, ist aber fast noch wichtiger: Für die Mikrofilme braucht es keine Hard- und keine Software. Notfalls sind sie für zukünftige Generationen sogar mithilfe einer einfachen Lupe lesbar.

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