Erstmals an den „Tatort“ gewagt. Kino-Regisseur Dietrich Brüggemann erhielt zusammen mit seiner Schwester Anna bei der Berlinale 2014 den silbernen Bären fürs beste Drehbuch. Foto: SWR/Berlinale 2014/Ali Ghandtsch
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Dietrich Brüggemann über den ARD-Krimi Wenn man einen „Tatort“ dreht

Dietrich Brüggemann
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Künstlerische Freiheit wird einem nicht gegeben, die muss man sich nehmen. Wie lässt sich Deutschlands Kult-Krimi anders erzählen? Ein Erfahrungsbericht.

Früher ging man sonntags in die Kirche, heute ist samstags Bundesliga und sonntags „Tatort“. Das zentrale Ritual der Sinngebung am Sonntag, es hat sich zwiegespalten und auf zwei Hälften verteilt. Und ich selber war nie so richtig dabei - selten beim „Tatort“, fast nie beim Fußball und in der Kirche schon gar nicht. Meine Religion war das Kino. Als vor zwei Jahren also gleich zwei Fernsehredakteurinnen nacheinander zu mir kamen (eine vom SWR und eine von einem Sender aus Norddeutschland, dessen Namen ich hier nicht preisgeben möchte) und mich fragten: „Würde dir was zum ,Tatort’ einfallen?“ - da musste ich tatsächlich erst mal nachdenken: Wovon genau reden wir, wenn wir „Tatort“ sagen?

Wenn wir „Fußball“ denken, dann denken wir: Volle Stadien, Fangesänge und Folklore. Das Spiel allein ist noch nicht mal die Hälfte. Und beim „Tatort“ ist es im Grunde ähnlich. Die Filme selber sind nur die eine Hälfte, die andere ist der Kult, der darum betrieben wird. Es ist interessanterweise ein ambivalenter Kult. Er besteht zur Hälfte aus Ablehnung und Empörung.

Volkes Stimme spricht auf Youtube und Facebook: Fortdauernde Beschwerden über hölzerne Kommissare, bleierne Dialoge, löchrige Plots, schwer bemühte „soziale Relevanz“ und eine filmische Armseligkeit, die jedes Auto, das etwas schneller um die Kurve fährt, mit vier verschiedenen tiefergelegten Kamerastandpunkten und Zeitlupe zum Actionfilm hochjubeln will. Trotzdem schaltet man jede Woche wieder ein, um sich erneut zu ärgern. Oder doch mal zu freuen. Denn es ist einfach ein Stück Deutschland, also das Land, in dem wir nun mal leben, jeden Sonntagabend, mit Millionen von Zuschauern, seit Jahrzehnten.

Wollte ich mich also in diese Geschichte einschreiben? Na klar wollte ich. Ran an den „Tatort“. Nur: Wie kriege ich es hin, dass Volkes Stimme (und vor allem meine eigene innere Qualitätskontrollstimme) am Ende nicht lautstark protestiert? Nicholas Winding Refn hat mal gesagt: Künstlerische Freiheit wird einem nicht gegeben, die muss man sich nehmen.

Dann müsst Ihr mich halt rauswerfen

Na gut, dachte ich, dann mache ich das mal, und sagte: Gern! Aber als freier Filmemacher ohne Netz und doppelten Boden und ererbtes Vermögen habe ich nichts als meinen Namen, und wenn der mal auf TV-Durchschnittsware draufsteht, dann hilft es mir auch nicht, wenn ich sage: Die Redaktion wollte das leider so. Also, wenn Ihr am Ende etwas wollt, das ich nicht will, dann müsst Ihr mich halt rauswerfen.

Genau das geschah auch. Nach einem Jahr gemeinsamer Entwicklung fiel dem einen Sender auf, dass sie meine Idee (in der der Kommissar zwölfmal denselben Tag von vorn erlebt und jedes Mal erschossen wird, was zwar waghalsig klingt, aber auch nur von deutschem Alltag handelt) doch nicht gut fanden. Das andere Projekt, das von Ermittlungen im Stuttgarter Feierabendstau erzählt, entstand beim SWR dagegen in hervorragender Zusammenarbeit und unter großem gegenseitigem Respekt.

Denn man hat ja als Filmemacher auch die Pflicht, das Format und die Auftraggeber zu respektieren, das ist gewissermaßen die andere Seite der Kompromisslosigkeit. Ich schreibe diese Zeilen am Sonntagnachmittag. In wenigen Stunden wird im Ersten der Film ausgestrahlt, und schon seit Tagen merke ich, was für einen unerhörten Wind so ein „Tatort“ macht. Es ist wie Fußball, wenn das Stadion sich allmählich füllt. Und auf eine Art ist das genauso schön wie eine Kinopremiere mit rotem Teppich.

Als Fazit vom ersten „Tatort“ kann ich also nur Gutes berichten, und vom zweiten am Ende auch. Denn der abgesagte Film landete dann da, wo er sowieso hingehörte, beim HR und Ulrich Tukur als Kommissar Murot. Das Großartige am Filmemachen ist ja unter anderem die Abwechslung, insofern würde ich auf keinen Fall sofort wieder einen „Tatort“ machen, aber irgendwann gern. Und das oft gesungene Lied von den dämlichen deutschen TV-Anstalten kann ich nicht mitsingen. Immerhin zwei von dreien habe ich hier als konstruktive und angenehme Partner erlebt. Und das ist doch eine hervorragende Quote.

Der Autor („Heil“, „3 Zimmer/Küche/Bad“) schrieb und inszenierte den Stuttgarter „Tatort - Stau“, den am Sonntagabend 9,3 Millionen Zuschauer sahen.

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