Unterlegt mit lustiger Musik. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) musste vor der „BuzzFeed“-Kamera 21 Flachwitze vorlesen. Das gefiel 5200 Facebook-Nutzern. Screen: Tsp
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Das deutsche "BuzzFeed" Aufmerksamkeit ist alles

Sophie Krause
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Was man woanders nicht bekommt: Der deutsche Ableger des US-Portals „BuzzFeed“ hebt die Wahlkampfberichterstattung auf erstaunliche Ebenen.

„Acht Probleme, die alle Frauen mit Körperbehaarung kennen“, heißt ein typischer Artikel auf „BuzzFeed“. Mit Internethumor in Listenform und Katzenvideos wurde das amerikanische Online-Medium erfolgreich, eines der beliebtesten Medienportale im englischsprachigen Raum. In den USA genießt „BuzzFeed“ mittlerweile aufgrund investigativer Recherchen Ansehen, sogar Medienhäuser wie die „Washington Post“ greifen „BuzzFeed“-Berichte auf. Ende 2014 startete der deutsche Ableger mit Sitz in Berlin und baut seit diesem Sommer seine eigene Nachrichtensparte auf. Vier Redakteure berichten unter anderem über einzelne aktuelle politische Ereignisse wie das TV-Duell und über die Schwerpunktthemen LGBT*, Feminismus und Rassismus. Mit der News-Rubrik will „BuzzFeed“ neue Leser für sich interessieren und vermutlich auch neue Werbekunden anlocken.

„BuzzFeed“-Artikel sollen möglichst viral gehen, also von vielen Nutzern angeklickt und geteilt werden. Das gelingt durch Überschriften, die die Leser ansprechen, weil sie sich damit identifizieren können, weil sie überraschen oder etwas Einzigartiges versprechen. Aktuell hat „BuzzFeed Deutschland“ rund 430 000 Facebook-Likes und rund 9300 Twitter-Follower. Über die Reichweite der Seite schweigt die Redaktion. Dem weitaus größeren US-Portal, das seine Reichweite auf monatlich über 200 Millionen einzelne Besucher beziffert und zudem tagesaktuell berichtet, folgen auf Facebook über zehn Millionen Menschen.

Dass „BuzzFeed Deutschland“ nicht über alle Nachrichten berichtet, sei den personellen Ressourcen der neu aufgestellten Redaktion geschuldet, sagt Daniel Drepper, der seit April 2017 Chefredakteur bei „BuzzFeed Deutschland“ ist: „Wir überlegen, wie wir der Diskussion am meisten hinzufügen und etwas Neues berichten können.“ Das sei „gesellschaftlich am sinnvollsten“ und generiere zudem mehr Aufmerksamkeit für „BuzzFeed News“. Aufmerksamkeit ist für das Portal überlebenswichtig. „Warum sollte man etwas bei uns lesen, wenn es auch bei ,Spiegel Online‘ und anderen steht? Wir wollen Stücke machen, die man woanders nicht bekommt“, so Drepper.

Nutellabrot mit oder ohne Butter

Im Wahlkampf bleibt „BuzzFeed“ dieser Linie treu. Die Redaktion bat die Spitzenkandidaten der großen Parteien zum Interview. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) musste vor der Kamera 21 Flachwitze vorlesen. Das Video, unterlegt mit lustiger Musik, gefiel 5200 Facebook-Nutzern. Im Interview fragten die Redakteure, ob Gabriel sein Nutellabrot mit oder ohne Butter esse (mit) und sprachen mit ihm über die Türkei und Donald Trump.

Auch Katrin Göring-Eckardt (Grüne) und Dietmar Bartsch (Linke) kamen zum Interview, lediglich CDU und AfD wollten nicht, sagt Drepper. Die Quatschfragen verteidigt er: „Die Idee ist, dass wir möglichst viele Leute an politische Inhalte heranführen. Wenn die Nutzer lieber einen Außenminister sehen, der 21 Flachwitze vorliest, statt über deutsche Außenpolitik zu sprechen, dann muss ich das zur Kenntnis nehmen.“ Rund eine Million Menschen hätten das Interview mit Gabriel angesehen, inklusive Mätzchen wie „Gabriel trinkt zum ersten Mal Mate“ und „Gabriel spielt zum ersten Mal mit einem Fidget Spinner“.

Angesichts dieser eigenwilligen Mischung mag es manch einem schwerfallen, „BuzzFeed“ als Nachrichtenmedium überhaupt ernst zu nehmen. Denn umgeben von Spaßartikeln wirken einzelne Longreads oder Erklärstücke zum NSU-Prozess oder zu Myanmar reichlich deplatziert. Listen wie „100 Fotos von Christian Lindner in Schwarz-Weiß, sortiert nach ihrer Hotness“, scheinen dagegen auf das junge „BuzzFeed“-Publikum zugeschnitten zu sein, das überwiegend Anfang 20 und weiblich ist.

Kürzlich veröffentlichte die Plattform ein Video von einem YouTube-Kanal der AfD, in dem AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland fordert, man müsse stolz sein dürfen auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen. Ein Redakteur analysierte einzelne Passagen daraus ausführlich sprachlich und inhaltlich. Das zusammengeschnittene Video der Gauland-Rede erhielt auf „BuzzFeeds“ Facebook-Seiten über 1000 Reaktionen und wurde über 4000-mal geteilt. Offensichtlich lässt sich mit Beiträgen zur AfD im Netz viel Aufmerksamkeit erregen. Zuvor hatte die Redaktion mehrere Stücke aus einer Recherche veröffentlicht, in der sie die Social-Media-Profile aller 396 AfD-Bundestagskandidaten auf rechtsextreme und homophobe Posts untersucht hatte.

Dass „BuzzFeed“ eine Woche vor der Wahl gleich mehrere Artikel zur AfD weit oben auf der Seite platzierte, wurde in den Kommentarspalten des Medienportals kritisiert. Drepper erklärt diesen Fokus damit, dass ein einzelner Politikredakteur nicht in so kurzer Zeit alle sechs Parteien analysieren könne. Da viel über die AfD und ihre Spitzenkandidaten berichtet, den Positionen der AfD-Bundestagskandidaten aber nur wenig Beachtung geschenkt werde, habe man sich für die Partei entschieden. Am Wochenende vor der Wahl veröffentlichte die Redaktion schließlich ihr Interview mit Dietmar Bartsch.

Dass „BuzzFeed“-Recherchen auch mal danebengreifen können, zeigt ein Projekt, bei dem das Online-Portal „den geheimen Facebook-Wahlkampf in Deutschland aufdecken“ wollte. Gemeinsam mit Lesern und Kollegen von „T-Online.de“ sammelte „BuzzFeed“ Daten zu sogenannten Dark Ads im Netz. Die Journalisten wollten herausfinden, welche Parteien auf einzelne Zielgruppen zugeschnittene Anzeigen bei Facebook schalten („Dark Ads“).

Ein Zwischenergebnis befand, dass zwar alle Parteien für Anzeigen auf Facebook bezahlen, darunter jedoch kaum „Dark Ads“ sind. Das wenig sensationelle Resultat überraschte auch Chefredakteur Drepper: „Klar habe ich als Journalist Interesse daran, dass wir spektakuläre Nachrichten berichten“, sagt er. „Aber wenn wir am Ende feststellen, dass ,Dark Ads‘ in Deutschland kein großes Problem sind, dann ist das auch ein vernünftiges Ergebnis.“ Das Resultat der Untersuchung, die weiterhin läuft, will „BuzzFeed“ nach der Wahl veröffentlichen. Man darf gespannt sein, ob die Recherche so gut ankommt wie 100 Fotos von Christian Lindner.

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