Kann auch böse: Matthias Brandt (rechts), scheidender „Polizeiruf“-Kommissar, zeigt sich seinem Opfer früh, seine Motive aber bleiben lange unklar. Foto: ARD Degeto/Esteve Franquesa
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ARD-Samstagskrimi Sanft schläft hier niemand mehr

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Matthias Brandt kennt man vor allem als "Polizeiruf"-Kommissar. Im ARD-Thriller "Sanft schläft der Tod" überrascht er als skrupelloser Kindesentführer.

Die Szenerie ist malerisch. Ein einsames Segelboot auf dem Meer, im Hintergrund die Kreideküste. Wenig später Möwen am Sandstrand im Sonnenaufgang. Binz im Sommer, ein Idyll. Eines, das im ARD-Thriller „Sanft schläft der Tod“ jedoch nur sechs Minuten hält.

Der sechsjährige Finn und seine elfjährige Halbschwester Leila werden samt Segelboot entführt. Der Familienurlaub nach Rügen mit den Eltern Anja und Frank, gespielt von Marleen Lohse und Fabian Busch, findet ein jähes Ende. Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf, rasch schaltet sich auch das LKA um Kommissar Werner Kempin (Bernhard Schütz) ein, der sich mit Kindesentführungen auskennt. Kempin, Kommissar der alten Schule mit Bowler und markigen Sprüchen, ist überzeugt, den Entführer mit seiner Routine schnappen zu können – und unterschätzt ihn damit grandios. Der hat seine Tat nämlich lang geplant und zieht sie kompromisslos durch.

Aus dem Kommissar wird ein glaubhafter Bösewicht

Gespielt wird der Entführer von Matthias Brandt, den Zuschauer vor allem mit der Figur des fremdelnden preußischen Kommissars im Münchner „Polizeiruf“ verbinden. Für diesen Film hat er die Rollen getauscht. Eine reizvolle Überraschung, denn wie im „Polizeiruf“ agiert Brandt ruhig und überlegt, hier aber zusätzlich kalt und skrupellos. Als die entführte Leila sich weigert, ein Getränk mit Schlafmitteln zu trinken, droht er ihr ganz gelassen: „Dann schmeiß ich deinen Bruder ins Meer“, sagt er und grinst. Später, im heimlichen Telefonat mit Mutter Anja, quält er sie mit Drohungen und zwingt sie, Erlebnisse aus ihrer Kindheit zu erzählen. Die Rolle des berechnenden Bösewichts nimmt Brandt glaubwürdig und ohne Anlaufschwierigkeit an, nur was ihn antreibt, verstehen Ermittler und Zuschauer lange nicht.

Früh auf die richtige Spur kommt dem Täter nur Franks Vater Herbert (Manfred Zapatka), der Großvater der entführten Kinder. Mit dem hat Frank vor Jahren wegen seiner Tätigkeiten für die Stasi gebrochen, doch als früherer Ermittler glaubt Herbert, Hinweise auf einen alten Serientäter zu erkennen. Während die Kinder verschwunden bleiben, finden Vater und Sohn langsam wieder zusammen.

Neben dem Krimi auch eine Familientragödie

Mit Manfred Zapatka, als früheren Stasi-Spitzel, gescheiterten Vater und früheren Beamten, liefert sich Brandt ein packendes Fernduell. Je tiefer Zapatka in die Vergangenheit dringt, desto näher kommt er Brandt, der am Samstag übrigens 56. Geburtstag feiert. Regisseur Marco Kreuzpaintner („Krabat“) und Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt ist es dabei gelungen, nicht nur mehrere Verbrechen in einer Kriminalgeschichte zu verweben. „Sanft schläft der Tod“ erzählt auch die verworrene Geschichte einer Familie, die über 25 Jahre nach der Wende noch unter den Wunden des Unrechtsstaats DDR leidet. Zapatka, im Film eine zerrissene Persönlichkeit zwischen Trinker und Ermittler, steht mit seiner Rolle stellvertretend für eine Gruppe von Wendeverlierern, die beruflich und familiär keinen Anschluss in der neuen Republik finden konnten.

Mit „Sanft schläft der Tod“ bricht die ARD erfreulicherweise mit einigen Gewohnheiten. Die Produktion, die bereits auf mehreren Filmfestivals zu sehen war, wird nicht im Nachtprogramm versteckt und darf mit über zwei Stunden Laufzeit auch aus dem üblichen 90-Minuten-Krimi ausbrechen. Davon profitieren vor allem die Figuren von Brandt und Zapatka, deren Charaktertiefe sich erst mit der Zeit offenbart.

Die Wetterlage wechselt im Minutentakt

Anderen Krimi-Gewohnheiten entkommt das Drehbuch dagegen leider nicht. So agieren viele Protagonisten mit blödsinnigen Alleingängen, und auch der ein oder andere Logikfehler schleicht sich ein, wie die allzu einfache Bootsentführung oder das selbst für Rügens Verhältnisse zu häufig wechselnde Wetter.

Dass der Film trotzdem gelingt, liegt neben Brandt und Zapatka vor allem an seiner konstanten Spannung. Sanft, wie der Name des Films impliziert, ist an diesem Thriller nämlich nichts. Der Plot verdichtet sich auf wenige Stunden, die Entführung entwickelt sich immer mehr zu einem Wettlauf gegen die Zeit, der – das sei verraten – nicht für alle Beteiligten unblutig ausgeht und den Zuschauer leicht verstört zurücklässt. Sanft schläft nach diesem Film niemand mehr.

"Sanft schläft der Tod", ARD, Sonnabend, 20 Uhr 15.

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