Mehr mit der Ablösung Horst Seehofers beschäftigt: Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU). Foto: Wolfgang Borrs/NDR/dpap

"Anne Will" zu Jamaika Beinahe ein Totalausfall an Nachdenklichkeit

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Wäre Jamaika die richtige Antwort auf den Protest? Das wollte Anne Will wissen. Ein Grüner mit Praxiserfahrung zeigte, wie's gehen könnte: mit Dynamik und Heimat.

In Deutschland wird nicht regiert, sondern püriert, das ist der Zustand nach der Wahl. In allen politischen Talkshows werden derzeit schwarze, grüne und gelbe Früchte diskursiv gemischt. Geht das? Schmeckt das? Ist das gesund? Auch Anne Will wollte von ihren Gästen wissen, ob das Jamaika-Bündnis nach der Protestwahl der beste Energy-Drink, der beste Smoothie wäre.

Die Gäste-Konstellation versprach Reibung: Markus Söder (CSU), der SUV unter den Talkonauten, jeder Satz eine Stoßstange. Ihm gegenüber der Journalist Heribert Prantl ("Süddeutsche Zeitung"), stets wort- und gestengewaltig. Neben ihm saß Petra Köpping (SPD), die sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, eine Empathie-Expertin für ostdeutsche Lebensläufe. Schließlich Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), kurz MASZ und endlich Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und somit der einzige schon praktizierende Jamaikaner in der Runde.

Frau MASZ bleibt vor allem deshalb in Erinnerung, weil sie unfassbar lustige Sätze sagte wie: „Wir schließen jetzt mal die Augen und lassen Herrn Trittin und Herrn Seehofer in einen Raum!“ oder „Ob mein Kollege mit der Kanzlerin im Bett liegen will, überlasse ich ihnen.“ Was sie wirklich sagen wollte, blieb unklar, immerhin verstand man, dass sie eine Jamaika-Skeptikerin und eine große Komödiantin ist.

Ein Totalausfall an Nachdenklichkeit war Markus Söder, der ganz offenbar so damit beschäftigt ist, Horst Seehofer abzulösen, dass er keine Jamaika-Kompetenz einzubringen wusste. Jede Frage, die ihm intellektuelles Neuland abverlangte, ignorierte er, stattdessen legte er die zerkratzte Obergrenzenschallplatte auf, man müsse eine härtere Flüchtlingspolitik machen, zügiger abschieben, die Sicherheit im Lande stärken.

Da platzte Heribert Prantl der Kragen, ein echtes Sturmgeschütz der Demokratie und des Rechtsstaates. Wer abgeschoben werde, entscheide eben nicht Herr Söder, sondern der Rechtsstaat, und da gäbe es wohlbegründete Abschiebehindernisse. „Wie sie nach Afghanistan abschieben lassen, ist eine Sauerei!“ Außerdem wies er den bayerischen Junglöwen darauf hin, dass ein Teil der politischen Lähmung von ihm selbst zu verantworten sei, weil er seinen Machtkampf mit Seehofer über das Wohl des Landes stelle. Gerechter Zorn, starker Talkshow-Augenblick, weil Prantls emotionaler Ausbruch Söder als sinistren Ego-Shooter entlarvte.

Nur ein "Bevormundungsakt" für den Osten?

Mit Blick auf das Wahlergebnis wollte Anne Will wissen, ob das Jamaika-Bündnis nur eine westdeutsche Lösung sei und deshalb ein „Bevormundungsakt“ für Ostdeutschland. Petra Köpping (SPD) sprach eindringlich vom Bruch in ostdeutschen Lebensläufen, von der Entwertung ostdeutscher Lebensleistungen, in dieser Hinsicht müsse Jamaika neue Ansätze liefern. Sie höre in Sachsen, wo die AfD 27 Prozent erreicht hat, immer wieder: „Integriert doch erst mal uns!“ Alle Diskutanten waren sich einig, dass man die „kleinen Leute“ deutlicher wahrnehmen, dass man die soziale Gerechtigkeit stärken müsse, das blieb aber eine diffuse Formel.

Am spannendsten waren die Gedanken und die äquilibristische, bisweilen gummihafte Performance von Robert Habeck. Er agierte unentwegt als Mediator zwischen den kratzbürstigen Partnern in spe Söder und Frau MASZ, die man sich weder mit offenen noch geschlossenen Augen in einer Koalition vorstellen möchte. Dennoch gelang Samtstimme Habeck ein kleines Wunder: Er sedierte die Streithanseln, analysierte und kritisierte sie im Vorübergehen. Das Schwierige an Jamaika sei, dass alle potenziellen Partner des Bündnisses ihren Wahlkampf auf Veränderungen, auf Dynamik abgestellt hätten, etwa die FDP auf digitalen Wandel, die Grünen auf eine ökologische Wende. Die AfD-Wähler aber wollten mehrheitlich keine Dynamik, eher das Gegenteil.

Da hakte Anne Will ein: Dann sei Jamaika also gar nicht das richtige Bündnis für die aktuelle Problemlage? Habeck freimütig: Nein! Aber dann doch wieder! Es käme darauf an, gemeinsam eine neue „Heimatidee, Identitätsidee“ entwickeln, jeder der Koalitionspartner müsse seine Dynamik im abgesteckten Feld verteidigen und dabei das Heimatverlangen stets mitdenken. Klingt herausfordernd.

„Wir müssen in die Pötte kommen!“ mahnte der Jamaikaner und mit Blick auf Deutschland und Europa dürfe man sich bei den Sondierungen nicht von Provinzpolitik (Bayern und Niedersachsen) aufhalten lassen. Bums! Das saß! Habeck ist der beste Smoothie-Mixer, ein diskursiver Pürierstab. Da freut man sich schon auf Jamaika. Anne Will auf der Höhe, bohrendes Lächeln für Söders zerkratze Phrasenplatte.

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