Aus der Wahrnehmungszonen gerutscht: AfD-Frontfrau Alice Weidel im Bundestag Foto: AFP
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AfD im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Richtige Balance, dringend gesucht

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Vor der Bundestagswahl konnten ARD und ZDF nicht genug AfD im Programm haben, nach der Wahl kann es nicht wenig genug.

Die Sondersendungen über Parteitage gehören nicht zu den Sternstunden des Mediums. Meistens werden Bilder aus der Halle mit einer Off-Stimme hinterfangen, die das Geschehene zusammenfasst. Es folgt, als kleiner Höhepunkt, ein Interview mit dem/der/den Parteivorsitzenden. Dann ist die eingeplante Viertelstunde rum, und der Zuschauer meint die großen Seufzer der TV-Journalisten zu hören, dass jetzt endlich alles rum ist.
So war es auch am 24. April, als der Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD) in Köln stattgefunden hatte: 16 Minuten im Ersten, 15 Minuten im Zweiten.
So war es nicht am vergangenen Wochenende, als die AfD ihren Bundesparteitag in Hannover abgehalten hat. In den Nachrichten und Magazinen von ARD und ZDF wurde dies prominent und ausführlich gecovert. Was fehlte, das war die Anbindung des Parteitags in einer Sendeatmosphäre der nahen Distanz und der distanzierten Nähe, also in der üblichen Viertelstunde um Mitternacht.

ZDF: Ein Parteitags-Special pro Jahr

Fehlte da was? Nach Ansicht eines ZDF-Sprechers nicht. Er sagte dem Tagesspiegel auf Anfrage: „Das ZDF berichtet, ebenso wie die ARD, einmal im Jahr – und über die Berichterstattung in den aktuellen Sendungen hinaus – in einer ,Standpunkte‘-Sendung von den Parteitagen der im Bundestag vertretenen Parteien.“ Aus journalistischen Erwägungen hätte sich das ZDF in diesem Jahr entschieden, auch die Parteitage von AfD und FDP vor der Wahl mit einer „Standpunkte“-Sendung zu begleiten, da zu diesem Zeitpunkt beide Parteien gute Chancen auf den Einzug in den Bundestag hatten. Über den AfD-Parteitag vom vergangenen Wochenende sei in den aktuellen Sendungen berichtet worden. So gab es neben Berichten in „heute“, „heute-journal“ und „Berlin direkt“ ein Interview mit dem AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland im „heute-journal“. Ein ARD-Statement teilte nichts anderes mit. Die öffentlich-rechtliche GroKo funktioniert!
Das ist eine Linie, keine Frage. Was aber auch heißt, dass ein zweiter Bundesparteitag einer Partei immer in kleinerer Form berichtet werden muss. Es kann doch nicht die Schuld von ARD und ZDF sein, wenn irgendwo eine Parteivorsitzende zurücktritt oder eine Koalition beschlossen wird – oder, oder, oder? Da können die öffentlich-rechtlichen Sender nur von Unglück sagen, dass in diesem Jahr noch ein Bundesparteitag ansteht, nämlich der der SPD vom 7. bis 9. Dezember in Berlin. Wie groß also wird der SPD-Bundesparteitag in ARD und ZDF?

Relevanz entscheidet

Nun ist ein Land immer größer als eine Partei. GroKo, Neuwahl, Minderheitsregierung – das sind Kaliber, die nach größter Berichterstattung schreien. In diesem Relevanzbogen hat der AfD-Parteitag seine eigene, kleinere Bedeutung, hat der erneute Rechtsruck seine notwendige Aufmerksamkeit bekommen.
Es wird für ARD und ZDF nur sehr darauf ankommen, dass sie die Spur halten, ihren Kategorien folgen und nicht wieder schlingern, wie sie 2017 geschlingert sind: Vor der Bundestagswahl konnte es nicht genug AfD, nach dem 25. September nicht wenig genug sein.
Was nicht nur für die Öffentlich-Rechtlichen gilt. Die Rechtsnationalen reichen sogleich wieder Mängellisten herum. Beispielsweise Erika Steinbach, die auf Facebook die „skandalöse Realität“ verbreitet, wie selten AfD-Politiker nach der Wahl in den Talkshows saßen. Stimmt, muss man mit der Lupe suchen.
Jetzt mal keine Kritik an ARD und ZDF, stattdessen eine kritische Frage an die AfD: Was gilt es über eine Partei mehr zu berichten, wenn die Inhalte noch weniger geworden sind? Joachim Huber

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