Delphi in Weißensee: Geplanter Kulturpalast für den Kiez Foto: Michael Pöpplp

KulturwirtschaftDie Rückkehr der Kiezkinos

von Michael Pöppl0 Kommentare

Neue Kulturprojekte erhalten alte Filmpaläste und Stadtteilkinos – und bringen wieder Leben in die Nachbarschaft

Am nördlichsten Punkt der Prenzlauer Allee, an der Weißenseer Spitze, liegt ein Berliner Kiez, in den sich kaum Fremde verirren. Nur am Caligari-Platz, neben dem Kino und Kulturzentrum Brotfabrik, steht eine kleine Gruppe Touristen vor einer Gedenktafel, sie sind auf historischer Filmtour. "Das Cabinet des Dr. Caligari", der expressionistische Klassiker, wurde 1919 in den Weißenseer Filmstudios fertiggestellt. "Klein Hollywood" wurde der Vorort Anfang des 20. Jahrhunderts genannt, mehr als 100 Filme entstanden hier.

Das vergessene Baudenkmal

Wenige Meter entfernt in der Gustav-Adolph-Straße liegt das ehemalige Stummfilmkino Delphi. 1929 wurde es eröffnet, ein Filmpalast mit 870 Plätzen, riesiger Leinwand und einem Orchestergraben, in dem 13 Musiker Platz fanden. Das Delphi überlebte die "Tonfilmkrise" zwar dank technischer Nachrüstung. 1959 wurde der Kinobetrieb aber endgültig eingestellt, die Räume als Lager für Gemüse und anderes genutzt. Vom alten Glanz ist von außen wenig zu sehen, die graue Fassade bröckelt, nur der alte Namenszug verrät, dass sich in dem fast fensterlosen Gebäude etwas Besonderes verbirgt. Das denkmalgeschützte Haus erweckte auch das Interesse von Brina Stinehelfer und Nikolaus Schneider, als sie zufällig bei einer Silvesterparty vor sechs Jahren vorbeikamen. "Wir nutzten die Gelegenheit, um einfach mal reinzugucken" sagt Schneider, "es war Liebe auf den ersten Blick".

Brina Stinehelfer und Nikolas Schneider bringen neues Flair ins ehemalige Stummfilmkino Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Die beiden Schauspieler konnten den damaligen Besitzer überreden, dass sie die Räume für Theaterperformances nutzen durften. 2012 fand mit "Berlin Exposures" ihre erste Premiere im Delphi statt, ein Jahr später unterschrieben sie den Mietvertrag über 20 Jahre. Die Idee: Hier einen Kulturort für alle zu schaffen, in dem von Stummfilmkino bis große Oper alles möglich ist. Als der Besitzer verkaufen wollte, war plötzlich unklar, wie die Zukunft des Spielortes aussehen würde. Stinehelfer und Schneider gingen selbst auf die Suche nach Investoren und bekamen aus der Kulturverwaltung den Tipp, sich an die Stiftung Edith Maryon zu wenden, die soziale Wohn- und Kulturprojekte unterstützt.

"Gerade in Städten wie Berlin stoßen größere Kulturprojekte schnell an ihre finanziellen Grenzen", sagt Ulrich Kriese von der Schweizer Stiftung. "Wir helfen, indem wir zu vertretbaren Preisen solche Immobilien erwerben und projektbezogen erhalten." Die Nutzung des ehemaligen Stummfilmkinos als Kulturprojekt im Kiez war förderungswürdig, so Kriese: "Die beiden Initiatoren haben uns überzeugt. Der Ort ist ein Juwel, das man nicht alle Tage findet." Seine Stiftung hat in Berlin bereits Projekte wie den Schokoladen in Mitte oder Baudenkmäler wie das Ex-Rotaprint-Gebäude erhalten. Stinehelfer und Schneider sind seit April 2016 Mieter auf Erbpachtbasis. Veranstaltungen finden derzeit noch unregelmäßig statt, weil zunächst Brandschutzmaßnahmen durchgeführt werden müssen. Ab Oktober 2017 soll das Delphi inklusive Bar dann den normalen Betrieb aufnehmen, "als Kulturort für den ganzen Kiez".

Das neue EISZEIT: Café, Kino und Kommunikationszentrum zugleich Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Neue Konzepte gegen die Krise

Ein Kino als Kommunikationsort schwebte auch Burkhard Voiges und Rainer Krisp, den neuen Betreibern des EISZEIT Kinos, vor. Gegründet Anfang der 1980er Jahre als Hausbesetzerkino, ist das EISZEIT mehrfach umgezogen und letztendlich in der Zeughofstraße gelandet, wo es schon mehrere "Kinokrisen" überstand. Mehr schlecht als recht, wie Voiges erzählt. "Das Haus wurde mehrfach verkauft, dringende Sanierungen immer wieder verschoben. Eine Neukonzeptionierung war sowieso notwendig. Man muss in unserem Gewerbe mehr tun, als nur Filme zu zeigen, denn klassisches Kino allein ist nicht mehr wirtschaftlich." 2014 kaufte ein Münchener Investor das Haus, dank behördlicher Unterstützung konnte man sich einigen. "Der Bezirk war sehr interessiert daran, das EISZEIT als Kiezinstitution zu erhalten", sagt Voiges.

Das Kino zog vom Hinter- ins Vorderhaus, wo es nun auch von außen wahrgenommen wird. Die drei Säle wurden mit neuester Digitaltechnik ausgestattet. Ein Förderdarlehen und die Einlagen von Investoren in die Neue Eiszeit GmbH machten den Umbau möglich. Das Café im Vorderraum ist mit unverputzten Wänden bewusst im SO36-Stil gehalten, auch die zugehörige Bar nebenan zeigt Kreuzberger Schick. Das EISZEIT soll, so die Idee der Betreiber, zu einem öffentlichen Kommunikationszentrum im Kiez werden: Neben dem anspruchsvollen Mix aus Arthouse und Independent-Programm, dem eigentlichen Profil des Hauses, werden regelmäßig Previews gezeigt. Diskussionsabende mit Filmteams, Kino-Brunch oder themenbezogene Abende mit Essensbegleitung sollen zusätzliche Zuschauer locken.

Das Kino als öffentlicher Raum

Einige neue Projekte in Berlin setzen auf das Konzept von mehr Kommunikation. In Charlottenburg hat im April sogar das Kiezkino Klick wiedereröffnet, das 13 Jahre geschlossen war. Die Idee vom "Kino als öffentlicher Raum" begeistert auch Verena von Stackelberg. Anfang März hat sie in der Neuköllner Weserstraße das Wolf Kino mit zwei technisch hochmodern ausgestatteten Sälen und gemütlichem Café eröffnet. Das Logo des Rudeltieres ist vielfach im Kino zu entdecken: "Der Wolf ist sozial und hat zugleich etwas Mysteriöses, das passt zum Kino", sagt die 40-Jährige. Einer angeblichen neuen Kinokrise, verursacht durch Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon, sieht sie gelassen entgegen: "Ach, das Kino wurde in seiner über 100-jährigen Geschichte so oft totgesagt", lacht sie.

Verena von Stackelberg brachte das Wolf Kino in eine ehemaliges Bordell Foto: Doris Spiekermann-Klaasp

Genau wie ihr Geschäftspartner, der Regisseur Marcin Malaszczak, ist von Stackelberg ein Profi aus der Branche. Sie leitete eine Londoner Arthouse-Kino-Kette, hat in der Filmverleihbranche und im Auswahlteam der Berlinale gearbeitet. Auch die Räume des Wolf Kinos haben übrigens eine ungewöhnliche Vorgeschichte: Sie beherbergten einmal ein Bordell. Verena von Stackelberg wohnte gegenüber. Als sie sah, dass die Räume frei wurden, beschloss sie, dort ihre langgehegte Idee eines kommunikativen Kiezkinos umzusetzen. Mit Malaszczak fand sie einen Mitstreiter – und mit ihrem ehemaligen Londoner Chef einen Käufer und Vermieter für die heruntergewirtschafteten Räume. Den aufwendigen Umbau zum Kino finanzierte die Gesellschaft auch über Crowdfunding, 55.000 Euro kamen zusammen.

Die 700 "Wolfgänger", wie die Kleininvestoren genannt werden, sieht von Stackelberg gleichzeitig als "700 potenzielle Kinobesucher". Das Filmangebot ist breit gefächert, aber anspruchsvoll, "von Animationskino für die Kinder bis zu Andrej Tarkowskij", so die Kinobetreiberin: "Wir haben keine Berührungsängste." Zum Projekt gehört ein benachbartes Studio: "Wir sind auch so eine Art Filmfabrik", sagt von Stackelberg. In Räumen nebenan können Sondervorführungen, Previews und Rohschnitte gesichtet werden, in den zugehörigen Büros finden Filmemacher alle Geräte für die Postproduktion. "Das ist unser wichtiges drittes Standbein", sagt von Stackelberg. "Unser Anspruch war, ein Geschäftsmodell aufzubauen, mit dem man alle Beteiligten angemessen bezahlen kann."