Passionierter Außenseiter. Hans Werner Henze, 1. Juli 1926 - 28. Oktober 2012. Foto: dpa
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Zum Tod von Hans Werner Henze Der Ekstatiker

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Er war der größte noch lebende Komponist Nachkriegsdeutschlands: Hans Werner Henze ist tot. Ein Berserker und Hexenmeister, der über 130 Werke hinterlässt. Einer, der sich politisch zwischen alle Stühle setzte und in seiner Musik die Arbeiterklasse mit dem Bürgertum zu versöhnen suchte.

Jetzt hat er selbst den Fluss erreicht – den Fluss ohne Wiederkehr, an dem Charon wartet, um jeden ans andere Ufer zu bringen, für den es Zeit geworden ist. „We come to the river“ heißt Hans Werner Henzes Antikriegsoper aus den 70er Jahren, die die Dresdener Semperoper im September wieder aufgeführt hat, im Rahmen des Henze-Schwerpunkts dieser Saison. Die Reihe war eines der letzten Projekte, die die im August gestorbene Intendantin Ulrike Hessler noch anstoßen konnte. Jetzt ist ihr der Geehrte gefolgt: Am Sonnabend starb Henze, im Alter von 86 Jahren – in Dresden, nicht in Italien, wo der neben Karlheinz Stockhausen bedeutendste und produktivste deutsche Komponist nach dem Zweiten Weltkrieg ein halbes Jahrhundert gelebt hat.

Er war ja einer der letzten, die diese große deutsche Bildungstradition, den Gang über die Alpen, noch vollzogen haben. Jetzt gibt es eigentlich nur noch Peter Stein, der in der Nähe von Rom Oliven, Wein und Obst anbaut. Auch Henze gefiel sich als Landwirt, er war schon in den 50er Jahren nach Italien geflüchtet, zuerst nach Ischia, dann nach Neapel, Rom, Castel Gandolfo, bis er zuletzt auf seinem Gut La Leprara bei Marino in den Albaner Bergen Ruhe fand – um ein gewaltiges Werk zu schaffen. Orchesterstücke, darunter zehn Symphonien, Konzerte für Soloinstrumente, Lieder, Kammermusik und vor allem: Opern.

Anders als Helmut Lachenmann, der mit seinen Mitteln der narrationslosen Ästhetisierung von Geräuschen viele Jahre keinen Zugang zur Oper fand und der diese Blockade erst mit dem „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ überwand, war Henze ein genuiner, leidenschaftlicher Musiktheaterkomponist. Über 20 Opern hat er geschrieben (Puccini nur zwölf!), drei davon sind in Berlin uraufgeführt worden: „König Hirsch“ 1956 und „Der junge Lord“ 1965, beide an der Deutschen Oper, und „Phaedra“ 2007 an der Staatsoper. Dass einer, der so lange in Italien lebt, antike Stoffe vertont, nimmt nicht Wunder. Drei andere deutsche Gegenwartskomponisten – die ebenso eifrig Opern schreiben – sind ihm darin gefolgt: Wolfgang Rihm 2010 mit „Dionysos“, Aribert Reimann im gleichen Jahr mit „Medea“, Manfred Trojahn 2011 mit „Orest“.

Henze (Mitte) verlässt am 9.12.1968 fluchtartig den Hamburger Konzertsaal Planten und Blomen. Die Uraufführung seines Oratoriums "Das Floß der Medusa" musste abgebrochen werden, nachdem der Chor sich geweigert hatte, neben einem Bild von Che Guevara zu singen. Die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Foto: dpa
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Zwei bis drei Stücke schrieb Henze pro Jahr. Aber natürlich ist Masse nicht alles, vor allem in den 50er und 60er Jahren war Henze kein unumstrittener Komponist. Dass der Revoluzzer und Homosexuelle Deutschland verließ, lag nicht nur am restaurativen Klima der AdenauerÄra, die ihm unerträglich war. Es lag auch an den anderen Protagonisten der musikalischen Avantgarde, bei denen er keinen Anklang fand. „Nach den ersten Takten haben sich Pierre, Gigi und Karlheinz erhoben und sind rausgegangen“, erzählte Henze vor einigen Jahren der „Zeit“. Das Trauma, das ihm Boulez, Nono und Stockhausen 1956 bei der Uraufführung seiner „Nachtstücke und Arien“ bei den Donaueschinger Musiktagen zugefügt haben, hat lange nachgewirkt.

Farbig und schrill ist seine Musik immer gewesen, schroff an der atonalen Grenze, auch darüber hinaus, ein irrlichterndes Spiel mit der Tradition. Aber das serielle Dogma empfand Henze als Irrweg, als Verkümmerung des Herzens, so dass er bald zwischen allen Stühlen saß. Es scherte ihn nicht. Das Außenseitertum lag ihm, bald führte ihn sein Weg in neoklassische Gefilde. Die schöne, schillernde, genussvolle Oberfläche war ihm wichtiger als kompositorische Ideologien – ein Weg, den andere (Richard Strauss, Strawinsky) vor ihm gegangen waren. Hans Werner Henze galt als der Italiener, sprich: der Barocke unter den Neutönern, seine Musik wollte keine Einsichten vermitteln in Syntax und Aufbau einer Sprache, sie war sinnlich, wollte kommunizieren, suchte unmittelbaren Zugang zum Gefühl. Den großen Ironiker Gustav Mahler hat er von allen Komponisten am meisten geschätzt, Richard Wagner – den die Semperoper gerade ebenfalls mit einer Aufführungsreihe ehrt – mochte er weniger.

Musik und Politik. Eine drastische Szene aus der kürzlich in der Dresdner Semperoper wieder aufgeführten Henze-Oper "Wir erreichen den Fluss". Foto: dpa
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Nur weil er den Wohlklang liebte, war Henze nicht weltabgewandt, im Gegenteil: Er verstand sich als eminent politischer Künstler. Kaum in Italien, trat er der Kommunistischen Partei bei, 1968 unterstützte er Rudi Dutschke bei der Organisation des Berliner Vietnam-Kongresses, im gleichen Jahr kam es zum Skandal. In Hamburg weigerte sich der RiasKammerchor aus der Frontstadt Westberlin, bei der Uraufführung des Che Guevara gewidmeten Oratoriums „Das Floß der Medusa“ unter einer roten Fahne aufzutreten. Den Librettisten Ernst Schnabel warf man durch eine Glastür, die Polizei rückte an, das Konzert fiel aus.

Henze ging zwei Jahre nach Kuba, um dort einen Lehrauftrag wahrzunehmen – künstlerisches Ergebnis war sein Rezital „El Cimarrón“. 1976 begründete er das Musikfest von Montepulciano. Auch dies eine urlinke Angelegenheit, sollten doch die jungen, aus aller Welt angereisten Musiker ihre in der Werkstatt entstandenen Stücke der Landbevölkerung vorführen – dafür wurden sie von den Bauern und Bürgern der Gegend beherbergt. Das Festival in den toskanischen Weinbergen existiert bis heute.

Vielleicht war all das auch eine Reaktion auf seine Herkunft. Henze, 1926 als Sohn eines westfälischen Dorfschullehrers geboren, stammt aus einem denkbar prosaischen Ort, aus Gütersloh. Der Vater war ein strammer Nazi, vielleicht hat er den Sohn tatsächlich noch 1944 in die Partei befördert, ohne dass der davon wusste. 2009 sorgte das für Aufregung: Henze, der große deutsche Komponist, war NSDAP-Mitglied, man hatte die Karteikarte gefunden. Auch er also, neben Grass, Walser, Lenz, Wapnewski. Eine eigenhändige Unterschrift will Henze aber nie unter den Aufnahmeantrag gesetzt haben. Jedenfalls erschien die Flucht nach Italien nun auch in einem (selbst-)therapeutischen Licht.

Günstling des Glücks

Kerl und Köter

Nr. 9 884 828

Tiere, Tod und heilige Landschaften

Orpheus in der Oberwelt

In Arkadien fand Henze seine Muse, die Dichterin Ingeborg Bachmann, mit der er bis 1960 zusammenlebte. Ihre „Briefe einer Freundschaft“ machten Furore, als sie 2004 publiziert wurden. Die Kärntnerin, die die Luft der Alpensüdseite quasi von Kindesbeinen an atmete und in Rom als Korrespondentin arbeitete, schrieb ihm die Libretti zu „Prinz vom Homburg“ und „Der junge Lord“. Auch jene „Nachtstücke“, mit denen Henze die Serialisten so gegen sich aufgebracht hat, waren Vertonungen ihrer Verse. Bachmann starb 1973. Auch seinen Lebensgefährten seit 1965, den Bauernsohn und „liebsten Freund“ Fausto Moroni, hat Henze überlebt: Moroni starb 2007 mit 63 Jahren, kurz vor der Uraufführung von „Phaedra“.

Berlin, Dresden, Ruhrtriennale: Wo immer er zuletzt auftrat, Hans Werner Henze wurde gefeiert. Er hat den Status eines Klassikers gewonnen – und die Statur eines Buddha. Unermüdlich komponierte er weiter, trotz seiner Parkinson-Erkrankung. Erst vor einer Woche hat die Deutsche Oper, zur Feier ihres 100. Geburtstags, ein Henze-Werk uraufgeführt, „Ouvertüre zu einem Theater“. Aus der Ouvertüre ist nun ein Schlussakt geworden.

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