Zwei von fünf. Sänger Toni Krahl (links) und Gitarrist Fritz Puppel von der Band City im Karlshorster Tonstudio. Foto: Thilo Rückeisp

Zum 40. von Citys Hit "Am Fenster" Das Vertracktheitswunder

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Jubiläum einer ewig frischen, ewig gültigen Hymne: Die Berliner Rockband City feiert den 40. Geburtstag ihres Hits „Am Fenster“. Eine Begegnung.

Der Kreuzweg Christi, das hat er gerade gegoogelt, war kürzer als das, was ihm und seinen Kollegen am Sonntag bevorsteht. Wittenberg, eine Freilichtbühne, das Kirchentagsabschlussfest, bitte kommen Sie zur Adresse P 7, steht im Anschreiben der Veranstalter, das sei ein – wo auch immer dort befindlicher – temporärer Parkplatz. Dann bitte eine halbe Stunde Fußmarsch zur Bühne, vielleicht auch mehr und gegen den Besucherstrom der möglicherweise 200 000, die zuvor beim großen Gottesdienst dabei gewesen sind. Wenn Sie mögen, wir können Bollerwagen auftreiben, da können Sie Ihre Technik und die Instrumente reinlegen.

Toni Krahl, Jahrgang 1949, schwarze Lederjacke, Jeans, Stoffsneaker, steht in der Kaffeeküche eines Tonstudios in Berlin-Karlshorst und weiß nicht, ob er sich amüsieren soll darüber oder wenigstens ein bisschen Sorgen machen. Er ist der Sänger der Rockband City, am Schluss der Konzerte ihrer langsam zu Ende gehenden Tournee sagt er gelegentlich, dass nun wirklich keine weitere Zugabe mehr drin sei: „Guckt uns doch mal an, wir müssen zurück ins Heim. Wir brauchen unsere Tabletten.“ Zusammen mit dem Gitarristen Fritz Puppel, Geburtsjahr 1944 – rotes Ledersakko, schwarze Lackschuhe –, beugt er sich konzentriert über die Zettel, die sie aus Wittenberg erhalten haben und versucht, daraus schlau zu werden. Im zurückliegenden Jahr sind sie immer wieder in diesem Studio gewesen, seit April gibt es ein neues Album der Band.

Erbe sortieren? Nein, das wollen City nicht

Die Tournee steht unter der Losung „40 Jahre ,Am Fenster‘ – das Jubiläum einer Hymne“. Das neue Album heißt „Das Blut so laut“, der Titel zitiert eine Zeile aus einem etwas jüngeren, aber auch schon 25 Jahre alten Song. Das erste Lied auf der Platte basiert auf einem Gedicht aus dem Nachlass der Leipziger Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß. Rauchfuß hat es „Testamentsentwurf“ genannt, Krahl singt darin: „Die Höhe meiner Zeche begleich’ ich nicht mehr hier“, nicht hier unten, auf Erden. Rauchfuß hat einst auch den „Am Fenster“-Text geschrieben; das alte Lied, das Citys größter Hit gewesen ist, ist in einer Probenraum-Variante ebenfalls auf dem neuen Album, sowie eine Version von Claudius’ „Abendlied“.

Herr Krahl, Herr Puppel, ist es jetzt auch bei Ihnen so weit, sind Sie gerade dabei, Abschied zu feiern, nach hinten zu schauen, ihr Erbe zu sortieren? „Nee.“

„ ,Am Fenster‘ “, sagt Puppel, das sei ja ein Lied, das sich ständig erneuere, das überhaupt nicht alt werde. „Das hat nicht den Beigeschmack von Oldies. Das hören mittlerweile drei Generationen.“ Derart ungewöhnlich sei das Lied, dass es anfangs keiner haben wollte, nicht die DDR-Schallplattenfirma, nicht das Radio, viel zu lang sei es, ohne Bass, dafür mit Geige, keine klassischen Strophen, kein klassischer Refrain, „und das wird noch getoppt durch den Text der Leipziger Dichterin“. In Chemnitz, nicht allzu lange her, bei einem Auftritt in einer Kirche, sei mal ein junges Brautpaar „in voller Montur“ hereingestürmt, sagt Krahl. „Die hatten gehört, dass wir spielen“, und seien direkt von ihrer Trauungszeremonie ins Konzert geeilt.

Die Musiker meinen: Das ungewöhnliche, eigentlich unspielbare Lied verändert sich mit den Leuten, die es sich anhören. Das tun aber alle Lieder auf der Welt. Das Wunder besteht darin, dass der Song bis heute überhaupt ein Publikum findet. „Bei so Umfragen“, sagt Puppel, „die besten Hits aller Zeiten und so, da ist er immer nah an ,Stairway to heaven‘.“

„Halb und halb“ ist eine Beschreibung des geteilten Berlins

Worum geht es darin? Um Liebeskummer, um eine Geburt, um Reisefreiheit? So vertrackt-vage ist der Text, mittlerweile müssen abertausende Interpretationen davon in den Köpfen des City-Publikums existieren.

Es hat nicht viele Auftritte in Citys Bandgeschichte gegeben, bei denen der Immer-und-ewig-Hit „Am Fenster“ nicht gespielt worden war. Einer davon fand am 19. Juni 1988 auf dem einstigen Radrennbahngelände in Berlin-Weißensee statt, ein großes Musikfestival im Rahmen der „Friedenswoche der Berliner Jugend“ stand an. City hatten sich ausbedungen, ausschließlich Lieder ihres damals aktuellen Albums „Casablanca“ zu spielen. Vor allem aber traten Bryan Adams und Big Country auf.

Auf dem Weg zur Bühne trat ein hoher FDJ-Funktionär an Krahl heran, ein bestimmtes Lied möge die Band an diesem Tag bitte nicht spielen. „ ,Halb und halb‘ möchte er nicht hören“, sagt Krahl, „Egon Krenz sei vor Ort, und dem gefalle das Lied nicht.“ Es gibt Videoaufnahmen aus jenen Minuten, in Krahls Gesicht scheint man die bloße Angst zu sehen.

„Halb und halb“ ist eine Beschreibung des geteilten Berlins, der bloßen Tatsache, dass diese Stadt damals geteilt war, reine Anschauung, nichts Vertracktes. Wenn man so will, auch wieder ein Wunder, und zwar ein anderes als „Am Fenster“. Während dieser Song unangetastet durch die Jahrzehnte wandelt, hatte „Halb und halb“ genau einen großen Moment. Diesen hier.

Krahl entschied, gut, wir spielen das Lied nicht. Ich rezitiere es.

Das war Mut. Das Publikum dankte es ihnen, einer der großen, etablierten DDR-Bands, die Ende der 80er Jahre zunehmend unbeliebter wurden, da sie unter Eliten- und Begünstigtenverdacht standen. Es applaudierte, statt Eier zu werfen. Anderen einheimischen Bands auf der Weißenseer Bühne war das passiert.

Ob es solche Momente, wo etwas dermaßen dringend war, dass es unbedingt vorgetragen werden musste, seitdem noch einmal gegeben habe? Findet sich so etwas vielleicht auch jetzt, auf dem so wehmutsbeladenen Album „Das Blut so laut“?

Ja, zum Beispiel genau das Titellied, sagt Krahl. Irgendwas stimme ja nicht auf der Welt, die Leute merkten das irgendwie, die sind verunsichert, die merken, da passiert was.

„Ich sag mal“, sagt Krahl, „die DDR ist runtergewirtschaftet worden, weiß ick allet. Aber seitdem hat es der Kapitalismus geschafft, ganz Europa in Grund und Asche zu wirtschaften. Alle europäischen Volkswirtschaften außer Deutschland sind pleite.“

Der Kapitalismus also. Falls die City-Diagnose zutrifft, kann man dem Lied nur eines wünschen: eine kürzere Halbwertszeit als dem ewig gültigen „Am Fenster“.

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