Wer mehrsprachig schreibt, ist im Vorteil. Die Schriftstellerin Yoko Tawada. Foto: Heike Steinweg/HKWp
Yoko Tawadas Rede zum Internationalen Literaturpreis Lust auf Haikuhmilch
Yoko Tawada
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Jede Abweichung als Chance für die Poesie.

Es gibt auch sanftere Konsonanten. Das heißt aber nicht, dass ich sie ohne meinen Akzent aussprechen könnte. Die Konsonanten „r“ und „l“ zum Beispiel bringe ich durcheinander. Sie sind für mich eineiige Zwillingsschwestern. Hier einige Übungen für einen besseren Umgang mit ihrer Verwechselbarkeit: „Durch das lustvolle Wandern in der Natur wandelt Herr Müller seine Gesinnung.“ Oder: „Der Rücken eines Ponys ist niedrig und deshalb niedlich. Wäre er doppelt so hoch, wäre er halb so niedlich.“ Oder so: „Kein Bücherregal ist illegal, egal welche Bücher da stehen, genauso wie kein Mensch illegal ist, selbst wenn er mit einem Akzent spricht.“

Der Akzent bringt unerwartet zwei Wörter zusammen, die normalerweise nicht ähnlich klingen. In meinem Akzent hören sich „Zelle“ und „Seele“ ähnlich an. Es ist nicht meine Aufgabe, eine regionale Färbung, einen ausländischen Akzent, einen Soziolekt und einen Sprachfehler medizinischer Art voneinander zu unterscheiden. Stattdessen schlage ich vor, jede Abweichung als Chance für die Poesie wahrzunehmen. Es kommt mir komisch vor, dass ich von einer „Abweichung“ spreche, denn ich bin nicht sicher, ob es überhaupt den „Standard“ gibt. Im Sprachunterricht habe ich gelernt, dass das reinste Hochdeutsch in Hannover zu finden sei, und zwar auf einer Theaterbühne.

Der Akzent lädt zum Reisen ein

Aber es gibt keinen Menschen, der in einem Theater in Hannover geboren wurde und nie das Theatergebäude verlassen hat. Also gibt es keinen Menschen ohne Akzent, so wie es keinen Menschen ohne Falten im Gesicht gibt.

Der Akzent ist eine großzügige Einladung zu einer Reise in die geografische und kulturelle Ferne. In einer modernen Großstadt muss man stets darauf gefasst sein, mitten in der Mittagspause auf eine Weltreise geschickt zu werden. Eine Kellnerin öffnet ihren Mund, schon bin ich unterwegs nach Moskau, nach Paris oder nach Istanbul. Die Mundhöhle der Kellnerin ist der Nachthimmel, darunter liegt ihre Zunge, die den eurasischen Kontinent verkörpert. Ihr Atemzug ist der Orientexpress. Ich steige ein. Der Akzent gibt den Menschen auch Mut, denn er ist ein lebender Beweis dafür, dass auch ein Erwachsener noch eine exotische Sprache lernen kann. Hätte er sie schon als kleines Kind gelernt, hätte er keinen Akzent. Auch im hohen Alter können wir unseren Gaumen erweitern, uns neue fiktive Zähne wachsen lassen, die Muskeln des Mundwerks trainieren, mehr Speichel produzieren und unsere Gehirnzellen durchlüften.

"Nicht ganz dicht" zu sein, hat Vorteile

Wer keinen Akzent hat und nicht fremd aussieht, aber aus der Ferne kommt, hat es schwer. Die Tochter meiner deutschen Bekannten zum Beispiel, die in den USA geboren und aufgewachsen ist, hatte Angst, in Deutschland zum Postamt zu gehen. Denn sie hat gar keinen Akzent, wenn sie Deutsch spricht, aber sie versteht nur noch Bahnhof, wenn der Postangestellte von „Einschreiben“, „Nachnahme“ oder „unfrei“ spricht. Hätte sie einen Akzent, würde man ihr verständnisvoll in Ruhe diese Wörter erklären. Aber sie hat leider gar keinen Akzent. Sie sagte mir, man würde denken, sie sei nicht ganz „dicht“.

Es kann für mehrsprachige Dichterinnen und Dichter ein Vorteil sein, wenn die Wände in ihrem Gehirn „nicht ganz dicht“ sind. Durch die undichte Wand sickert der Klang einer Sprache in eine andere hinein und erzeugt eine neue Musik. Man spricht heutzutage vom „Migrationshintergrund“, als wäre etwas Abgründiges grundsätzlich hinter dem Rücken versteckt. Der Akzent ist der Vordergrund der Migration.

Yoko Tawada, 1960 in Tokio geboren, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Sie schreibt auf Deutsch und Japanisch. Im Tübinger Konkursbuch Verlag erschien zuletzt ihr Roman „Etüden im Schnee“. Eine erweiterte Form dieses Texts hielt sie am gestrigen Donnerstag als Festrede zur Verleihung des Internationalen Literaturpreises/Haus der Kulturen der Welt an den Haitianer Dany Laferrière.

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