Wohnzimmerstimmung. Diana Krall bei ihrem Konzert in Berlin. Foto: dpa Foto: dpa
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Wirklich nett

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Novemberregen: Diana Krall im Tempodrom.

Es regnet viel im Songbook der Diana Krall, das sie für ihre „Glad Rag Doll“-Tournee und das gleichnamige Album aus tieferen Schichten der amerikanischen Pop-Archäologie zusammengestellt hat. Sie singt vom „Butterfly That’s Caught in the Rain“, sie erzählt von ihrer nasskalten kanadischen Heimat und dass sie Novemberwetter mag, sie haucht „Let it Rain“, doch egal was sie spielt, die Sonne scheint. Man sehnt sich nach einem starken Drink, einem richtigen Donnerwetter, nach Blitzeis und einer spiegelglatten Straße, auf dass all die feinen Arrangements krachend in den Graben fahren. Damit mal etwas passiert mit Diana Krall in ihrer Wohnzimmerfestung aus zwei Klavieren und fünf musikalischen Begleitern.

Natürlich sind das sympathische, fantastische Musiker, sie können Country (das kann Diana Krall vielleicht auch am besten), sie können Jazz (da klingt sie auf Dauer etwas flach), sie können rocken (geht bei ihr auch). Vor allem üben sie sich in Zurückhaltung, deuten nur an, was möglich ist. Diana Krall reist nostalgisch-ziellos in die Vergangenheit. Hinten laufen Clips mit der Cartoon-Heldin Betty Boop aus den Dreißigern, es gibt ikonische Szenen aus Fritz Langs „Metropolis“ und Fantasmagorien des Filmpioniers George Méliès. In „Glad Rag Doll“ erinnert Diana Krall an die Ziegfeld-Revue-Girls, trifft einen schönen melodramatischen Ton. Sie wirkt leicht nervös, oder ist es Tournee-Müdigkeit, die sie überspielt?

Ein netter Abend. Sie erzählt von ihren zwei kleinen Söhnen und ihrem Ehemann Elvis Costello: Da steht ein glücklicher Mensch auf der Bühne, und man merkt, dass sie auf die alten cool-geilen Sachen wenig Lust hat. „Peel Me A Grape“ singt sie mit viel Ironie, da lädt sie das Publikum zum kleinen Wunschkonzert ein. Sie bringt Tony Bennetts „Boulevard of Broken Dreams“, Irving Berlins „How Deep ist the Ocean“, sie covert Nat King Cole und Tom Waits – und endlich ist die gepflegte Langeweile weg, mit der auch das neue Album infiziert ist. Diana Krall taucht tief ein die finstere Waits-Nummer „Take It With Me“, lässt sich fallen. Nicht ohne die Ansage, dass der Gatte von ihrer Liebe zur Kunst des Kollegen Tom Waits weiß. Sie bleibt brav, die neue Welt der blonden Sängerin, die hochgeschlossen und ganz in Schwarz auftritt. Draußen fieselt und fröstelt der Berliner Herbst, man flieht in die eigene häusliche Wärme.Rüdiger Schaper

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