Der daad-Stipendiat Wilson Díaz vor seiner politisch brisanten Plattensammlung. Foto: Nicola Kuhn
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Wilson Díaz in der daad-Galerie Wes Lied ich sing’

Claudia Wahjudi
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Eine mutige Arbeit: Dem Kolumbianer Wilson Díaz geht es bei seiner Ausstellung in der daad-Galerie um das Verhältnis von Künstlern zur Macht.

Die Geschichte hat Wilson Díaz eingeholt. Das wurde besonders in den Tagen deutlich, als Papst Franziskus Kolumbien besuchte und dort zu Versöhnung aufrief – in einem Land, in dem nach rund 80 Jahren blutiger Kämpfe über Frieden verhandelt wird, einen Frieden zwischen Regierung, Rebellen, Drogenbossen, Großgrundbesitzern, Kleinbauern und Paramilitärs. Bei Wilson Díaz kommen sie alle zusammen.

Der 54-jährige Kolumbianer, derzeit Stipendiat des daad, sammelt seit rund 20 Jahren Schallplatten. An der Längswand der daad-Galerie präsentiert er einen Teil davon, auf Leisten gestellt bis hoch an die Decke. Die Aufsicht legt auf Wunsch von Besuchern eine Scheibe nach Wahl auf den bereitstehenden Plattenspieler. Es gibt Beethoven und Chopin, politische Reden und vor allem Vallenato, eine Spielart lateinamerikanischer Volksmusik mit Akkordeon, schnellen Rhythmen und Gesang. All die Platten aus den 70er bis 90er Jahren wurden von Akteuren der kolumbianischen Gesellschaft herausgegeben: von Kirche und Gewerkschaften, Polizei, Rebellengruppen, Banken, Fluggesellschaften, Drogenbanden. Auch die Firma Bayer ist dabei. Sie alle warben mit Musik um die Gunst des Volkes und sind jetzt in dem riesigen Mosaik zu einem Forum vereint.

Nun tritt offen zutage, wer für wen musiziert hat. Díaz geht es um das Verhältnis von Künstlern zur Macht und um ihre Korrumpierbarkeit. Zwar ist heute für Rebellion und die damit verbundene Taten in Kolumbien eine Amnestie vorgesehen, doch einen Konsens darüber gibt es nicht. Die Aufarbeitung der Verbrechen hat noch gar nicht richtig begonnen. Das macht die „Quimeras“, übersetzt: Schimären, genannte Installation zu einer mutigen Arbeit.

Balance zwischen Witz und Ernst

Wilson Díaz ist von Haus aus Maler. In den Saal hat er große Reproduktionen gezeichneter Soldaten aus Comics gehängt, die das Militär früher veröffentlichte. Die Platten hat er nach Motiven und Farben geordnet. Schiffe, Kaffeebohnen, Computer, Bikinipopos und viel Grün ergeben einen schnell getakteten Rhythmus – auch im übertragenen Sinn ist hier Musik drin. Zwischen die Alben aber platzierte Díaz eigene Gemälde, die den Schwulst der Cover auf die Schippe nehmen.

So steht neben einer Hülle mit einer sich lasziv lümmelnden Dame nun die Miniatur einer Guerrillera im Kampfanzug. Das ist komisch und zugleich real, sollen sich doch viele Frauen vom Land den Rebellen einst angeschlossen haben, um dem Machismo zu Hause zu entkommen. Nicht zuletzt diese feine Balance von Witz und Ernst macht die „Quimeras“ von Wilson Díaz zu einer großartigen Arbeit.

daad-Galerie, Oranienstr. 161, bis 29. 10.; Di bis So 12–19 Uhr.

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