Turner, ein Traditionalist? Das Hauptwerk der Londoner Schau, "Hafenarbeiter liefern Kohle in der Nacht" (1835) spricht dagegen. Es beweist, wie sehr Turner von der Industrialisierung inspiriert war. Foto: Courtesy of the Board of Trustees, National Gallery of Art, Washington D.C., Widener Collection
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William Turner In der Ferne ein gleißendes Licht

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Originalgenie mit Wahlverwandtschaft: War William Turner weniger ein Avantgardist als ein Traditionalist? Die National Gallery in London sieht seine künstlerischen Wurzeln im Werk von Claude Lorrain. Aber Ausstellungen in Margate/Kent und im Frankfurter Städel zeigen auch: Originalgenies waren beide - und Turner mit seiner Faszination für die industrielle Revolution allemal ein Vorbote der Moderne

Der überwiegende Teil des Nachlasses von Joseph Mallord William Turner (1775–1851), des bedeutendsten englischen Malers des 19. Jahrhunderts, bildet den Grundstock der Londoner Tate Gallery. Einige exquisite Gemälde besitzt allerdings auch die National Gallery – auf Turners Wunsch. Er wollte, dass zwei antike Landschaften gemeinsam mit Gemälden seines großen Vorbilds Claude Gellée gezeigt werden, genannt Claude oder Le Lorrain (um 1600–1682). So wird es bis auf den heutigen Tag gehalten.

Warum Turner diese Nachbarschaft suchte, ist dem heutigen Publikum jedoch nicht mehr durchweg bewusst. Claudes Werke bildeten im 18. Jahrhundert den Maßstab für Landschaften sowie antike und mythologische Szenen. Von englischen Sammlern wurden sie gesucht, gehortet und stolz gezeigt. Auch Turner, ein überaus ehrgeiziger junger Mann von einfacher Herkunft, orientierte sich an Claudes Œuvre, besonders zu Beginn seiner staunenswerten Karriere und auch später immer wieder einmal.

Diese Wahlverwandtschaft nimmt die National Gallery in London zum Anlass ihrer Frühjahrsausstellung „Turners Inspiration. Im Lichte Claudes“. Für ein englisches Publikum bietet die Kombination von einem Dutzend Gemälden Claudes mit knapp 50 Arbeiten Turners in Öl oder Wasserfarben keine wirkliche Überraschung, wie an der distanzierten Reaktion der Medien abzulesen ist. Für auswärtige Besucher indessen, die mit Claudes idealen Landschaften weit weniger vertraut sind, ist diese Lesart Turners ungewohnt, wird der Künstler doch weniger als traditioneller Maler denn stets als begeisterter Chronist der Industriellen Revolution und ihrer neuartigen Maschinen vorgestellt. Zudem gilt er als Proto-Impressionist, manchen gar als Wegbereiter der Abstraktion.

Tatsächlich aber wollte Turner mit Szenen wie „Narziss und Echo“ (1804) glänzen, eng angelehnt an Claudes „Landschaft mit Narziss und Echo“ (1644). In seiner Frühzeit kopierte Turner sogar unmittelbar, etwa Claudes bis auf den Zentimeter formatgleiche „Landschaft mit Psyches Vater“ (1662) oder die „Landschaft mit der Ankunft von Aeneas vor Pallantium“ (1675), die der junge Engländer in der berühmten, nach nur 18 Jahren bereits wieder zerfallenen Fonthill Abbey des Exzentrikers William Beckford besichtigen durfte. Bis heute werden sie in einem vom National Trust gehüteten Privathaus aufbewahrt.

Allein wegen dieser beiden Meisterwerke – für die Beckford 1799 einen der damals höchsten Preise für Kunst bezahlte – lohnt sich der Besuch in London. Turner faszinierte das Thema vom Aufstieg und Niedergang großer Reiche, etwas, das der von Napoleon bedrohte und isolierte, aber nie ernsthaft gefährdete Inselstaat jahrelang quasi vor der Haustür verfolgen konnte. Gleichzeitig war es Turner über Jahrzehnte unmöglich, den Kontinent und das ersehnte Italien besuchen zu können. In seinen Gemälden wählt er sich als gleichnishaften Ort Karthago, von Dido erbaut (1815) und alsbald im Abstieg begriffen (1817).

Auffällig ist das derzeitige Interesse an Claude Lorrain. So ist die von der Fachkritik hochgelobte Ausstellung des Oxforder Ashmolean Museum zum gesamten Œuvre Claudes, „Die verzauberte Landschaft“, ins Frankfurter Städel weitergereist und kann den französischen Italien-Maler als einen Künstler zeigen, der wie kein Zweiter das Genre der Landschaft zur Blüte führte. Das ist umso erstaunlicher, als die Belebung seiner Gemälde mit den Figuren der dargestellten biblischen und historischen Ereignisse meist nicht recht glückt. Die Figuren bleiben, wie kaum sonst in der Kunstgeschichte, bloße Staffage. Sie haben allerdings ihre Notwendigkeit: Denn gerade in ihrer statuarischen Ruhe unterstreichen sie die vollkommene Harmonie der Natur – einer zur idealen Landschaft geronnenen Natur, die Claude als Bühnenprospekt vor dem Betrachter ausbreitet.

Künstlerisch übernimmt Turner von Claude nur anfangs die bühnenhafte Tiefenstaffelung und bevorzugt die Frontalstellung der Sonne, aus der der Jüngere ungeheure malerische Effekte gewinnt. Nicht zu übersehen ist in London auch der Hang zur Dramatisierung und Übertreibung, zur Darstellung von Naturphänomenen, die sie sich beim besten Willen so ausdrucksstark dem Auge nicht bieten. Das hat seine Ursache auch darin, dass Turner auf das Absolute der Natur zielte, auf die vier Elemente, aus denen er sie in antiker Tradition zusammengesetzt sah.

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