Der Künstler Willem de Rooij, geboren 1969 in Beverwijk. Foto: Courtesy der Künstler/Galerie Buchholz
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Willem de Rooij bei der Berlin Art Week Heulen und hoffen

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Willem de Rooij kam als Daad-Stipendiat nach Berlin und blieb. Die Kunst-Werke widmen ihm nun eine große Ausstellung, in der Hunde und Eisberge eine Hauptrolle spielen. Eine Begegnung.

Zufall oder nicht. Als Willem de Rooij vor Kurzem nach Wilmersdorf zog, wohnte im gleichen Gründerzeithaus schon seit Längerem ein anderer ehemaliger Daad-Stipendiat, der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov. Dabei hatte der niederländische Konzeptkünstler seine Wohnung über der Schöneberger Viktoria Bar eigentlich verlassen, weil es ihm in der Potsdamer Straße mit all den neuen Galerien und schicken Lokalen fürs Kunstvolk zu dörflich geworden war, wie er es nennt. Das Enge hatte ihm auch schon in seiner Heimatstadt Amsterdam irgendwann nicht mehr behagt. Deshalb war de Rooij 2006 ja hierher gekommen. Als das Daad-Jahr für ihn endete, blieb er, wie so viele andere. Berlin war zu seinem neuen Zuhause geworden.

Der Holländer schätzt die Anonymität. An seinem neuen Standort dürfte sie ihm bewahrt bleiben. Sein Nachbar Boris Mikhailov hat hier als street photographer eine der schönsten Berliner Serien aufgenommen: vornehmlich Pensionäre mit beigefarbenen Blousons und Gesundheitsschuhen auf dem Weg zum täglichen Einkauf um die Ecke. Das ist noch immer so: weit und breit kein Hipster in Sicht.

Willem De Rooijs neues Quartier wirkt auch nach dem Einzug noch recht leer, die Wände sind kahl. Das soll so bleiben. Die Spezialität des Konzeptkünstlers, der gerne zu Hause arbeitet, ist das Kombinieren, das Arrangieren von Bildern. Jedes dauerhaft hängende Werk würde dabei nur stören. Vor allem im Berliner Zimmer, wo der große Tisch steht, auf dem die Reproduktionen hin- und hergeschoben werden, bis das Arrangement bis ins kleinste Detail stimmt.

„Wir müssen immer eine Wahl treffen“, erklärt de Rooij seinen Rigorismus. Das versucht er auch seinen Studenten an der Städel-Schule in Frankfurt am Main zu vermitteln, an der er seit 2006 lehrt. Neben anderem bringt er ihnen dort das Nein-Sagen bei angesichts der vielen Bilder und Ausstellungen, die an sie herangetragen werden. „Just say no!“ hat er als markiges Motto von einer Werbekampagne Ronald Reagans übernommen, der damit Kinder vor Drogen warnte. De Rooij selbst hat jetzt zum Glück zugestimmt, als sein Landsmann Krist Gruijthuijsen von den Kunst-Werken bei ihm für eine Ausstellung anfragte. Gruijthuijsen leitet das Haus in der Auguststraße seit dem vergangenen Jahr. Die beiden kennen sich noch aus Amsterdam, doch zusammengearbeitet haben sie bisher noch nicht.

Gletschertreiben. Standbild aus dem 16-Millimeter-Film „I’m Coming Home in Forty Days“ von Jeoren de Rijke Foto: Courtesy der Künstler/Galerie Buchholz
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Eine schöne Fügung, denn damit bekommt de Rooij endlich wieder eine Gelegenheit in Berlin, sein Werk zu zeigen. Seine letzte Ausstellung liegt sieben Jahre zurück, ein furioser Auftritt in der Neuen Nationalgalerie. Unter dem Titel „Intolerance“ vereinte der Künstler 18 Gemälde des auf Vogelbilder spezialisierten niederländischen Malers Melchior d’Hondecoeter aus dem 17. Jahrhundert mit hawaiianischen Federobjekten des 18. und 19. Jahrhunderts. Beides Insignien der Macht, nur aus verschiedenen kulturellen Sphären.

Die Assemblage, zu der außerdem ein mehrbändiger Katalog gehörte, das erste Werkverzeichnis zu den Federobjekten und die erste Monografie zu d’Hondecoeter, eröffnete völlig neue Räume. Aus Stil- wurde Sozialgeschichte, schließlich eine Abhandlung über Fragen des Kolonialismus und der Aneignung. Die Werke kamen unter anderem aus der Berliner Gemäldegalerie und dem Ethnologischen Museum in Dahlem. Die Macher des damals noch fernen Humboldt-Forums erhielten auf diese Weise eine Lehrstunde der besonderen Art.

In den Kunst-Werken wird Willem de Rooij, der 1969 in Beverwijk geboren wurde, wieder verschiedene Elemente zusammenführen. Er wird ihnen jeweils einen eigenen Rahmen schaffen und doch die Beziehung unter ihnen zum Thema machen. Der Bogen ist erneut weit gespannt, diesmal auch biografisch. Den Ausgangspunkt bildet eine gemeinsame Filmarbeit mit Jeroen de Rijke aus dem Jahr 1997. Die beiden hatten sich an ihrem ersten Hochschultag in der Rietveld Akademie in Amsterdam kennengelernt und sich sofort angefreundet.

Was mit gegenseitiger Hilfe bei den Arbeiten des jeweils anderen begann, entwickelte sich zu einer festen künstlerischen Partnerschaft, die mit de Rijkes überraschendem Tod auf einer Afrika-Reise 2006 jäh endete. Im Jahr zuvor hatten die beiden auf der Biennale in Venedig noch den niederländischen Pavillon mit elegischen Filmbildern zum Thema Migration bespielt; in Berlin kannte man sie aus der Flick-Collection mit einem faszinierenden Sonnenaufgang über einer Müllhalde in Jakarta. Für das Daad-Stipendium hatten sie sich noch gemeinsam beworben, de Rooij musste alleine anreisen und konnte hier Kraft für einen Neuanfang schöpfen.

Einen Monat lang drehte das Duo in der Bucht von Ilulissat einen Eisberg

„Whiteout“, so der Ausstellungstitel in den Kunst-Werken, knüpft an die Anfänge der künstlerischen Zusammenarbeit an. 1997 war das Duo nach West-Grönland gereist, wo in der Bucht von Ilulissat 300 Kilometer nördlich des Polarkreises die Gletscher kalben und gigantische Eisberge im Wasser treiben. Einen Monat lang filmten die beiden jeden Tag ein solch schwimmendes Gebirge, immer von einem anderen Standort aus, immer wieder neu die wechselnden Formen und Farben, die Reflexionen auf Wasser und Eis.

Das Ergebnis ist ein 15-minütiger Film, dem Willem de Rooij nun ein neues Werk gegenüberstellt, ebenfalls 15 Minuten lang und ebenfalls in Ilulissat entstanden. Bei seinem ersten Besuch noch mit de Rijke hatte ihn in dem 4000-Seelen-Ort das Heulen der Schlittenhunde fasziniert, von denen es weit mehr gab als Menschen. Auf jeden Haushalt kam eine Hundefamilie. Als er 17 Jahre später zurückkehrte, brachte er einen Rekorder mit, um Töne aufzunehmen, wieder einen Monat lang. Die allabendliche Kommunikation der Hunde erinnerte ihn an einen Chor, ja an ein Parlament.

Das Hin und Her der Hundestimmen hat etwas vom Schuss und Gegenschuss jener handgewebten Textilien, die de Rooij ebenfalls in den Kunst-Werken präsentiert. Sie entstanden in Geltow, nördlich von Berlin, in Zusammenarbeit mit einer Weberin. „Blau zu Blau“ lautet der Titel des fast drei Meter breiten Werks. Je nach Standort und Lichteinfall – ähnlich wie bei den Eisbergen – kommen die Blautöne höchst unterschiedlich zur Geltung.

Ob Hundestimmen oder farbige Fäden, für de Rooij sind es Metaphern dafür, wie sich Individuen zusammenschließen können, wie Gesellschaften funktionieren. Als Künstler sieht er sich keinesfalls abseits, nur als Beobachter, sondern in der Verantwortung. Wie ernst er seinen Anteil sieht, zeigt sich in dem 2016 gemeinsam mit Angela Bulloch und Simon Denny gegründeten Berlin Program for Artists für Akademieabsolventen, um ihnen den Start ins Berufsleben zu erleichtern. Hier lernen sie, zum richtigen Zeitpunkt „Ja“ zu sagen.

Kunst Werke. Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69, bis 17. 12.; Mi bis Mo 11 – 19 Uhr, Do 11 – 21 Uhr. Eröffnung 13. 9., 19 – 22 Uhr. Performance von Nina Könnemann am 17. 9. um 20 Uhr.

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