Böse Einflüsterung: Die personifizierte Sorge (Katharina Kammerloher) bedrängt Faust (Roman Trekel). Foto: Hermann und Clärchen Bausp

Wiedereröffnung der Berliner Staatsoper Vorspiel und Nachhall

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Wie klingt sie denn nun, die wiedereröffnete Berliner Staatsoper? Eindrücke bei der Premiere von Schumanns „Faust-Szenen“.

Wer gesehen hat, in welchem Zustand sich die Umgänge im Parkett und in den Rängen der Staatsoper noch vor 14 Tagen befanden, von der Eingangshalle und der „Konditorei“ ganz zu schweigen, der zieht am Dienstag beeindruckt den Hut. Es ist wirklich und wahrhaftig fast alles fertig geworden bei dieser Renaissance des Retro-Rokoko Unter den Linden.

Wer genau hinschaut an diesem Gala- Abend der Wiedereröffnung, der sieht, was sich im Detail verändert hat. Die Wandbespannungen in den Fluren präsentieren sich nun auf jeder Etage wieder in einer anderen Farbe, so wie es ursprünglich war, als die Lindenoper 1955 aus Ruinen auferstand. Dezent in Nischen eingefügt sind die Fahrstühle für den barrierefreien Zugang in alle Etagen, es gibt zwei zusätzliche, kühl-modern gestaltete Treppenhäuser sowie neue Toiletten, in verstörend spartanischer Ausstattung.

Die Innovationen im Zuschauersaal betreffen vor allem die Materialien, die jetzt feuerfest sind. Weniger Schall als vorher schlucken die Wandbespannungen, das Parkett ist frisch verlegt, mit einer modernen Lüftungsanlage darunter. Fragt sich nur, warum es in den Umgängen weiterhin so heiß und stickig sein muss, wie man es von früher in unangenehmer Erinnerung hat.

Keiner erwähnt die Leistung Bauleute und Restauratoren

Schon seltsam, dass keiner der staatstragenden Grußwortsprecher auf die Idee kommt, den Architekten HG Merz zu erwähnen oder gar die Leistungen der Bauleute und Restauratoren, die sich krummgelegt haben, damit die Lindenoper auch wirklich am Tag der Deutschen Einheit in altem Glanz erstrahlen kann.

Um so mehr würdigen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Kulturstaatsministerin Monika Grütters stattdessen Generalmusikdirektor Daniel Barenboim – der mit seinen guten Beziehungen ins Kanzleramt die hälftig vom Bund finanzierte Sanierung erst möglich gemacht hat –, den scheidenden Intendanten Jürgen Flimm und seinen Nachfolger Matthias Schulz. Immerhin fassen alle sich kurz. „Wenn dem Berliner etwas zu lange dauert“, erklärt Steinmeier gleich zu Beginn, „sagt er: Quatsch keene Opern!“

Monika Grütters verweist auf die verbesserte Nachhallzeit, die der Saal dem neuen Akustikgitter verdankt. 4,5 Meter hoch wölbt es sich zwischen drittem Rang und Decke, als Sichtblende vor der Nachhall-Galerie. Der ungenutzte Platz unterm Dach wurde dem Raumvolumen des Saals zugeschlagen, damit Stimmen und Instrumente weiter abstrahlen, vielfältiger reflektiert werden können.

Optisch hat sich HG Merz von einem Ornament inspirieren lassen, das sich in der Decken-Rosette wiederfindet, die ihrerseits Motive aus Schloss Sanssouci zitiert. Dennoch bleibt das Gitter ein Fremdkörper inmitten des goldglänzenden Stucks, erinnert trotz seiner filigranen Fiberglasstruktur an jene Rankhilfen aus dem Baumarkt, wie sie Schrebergärtner gern verwenden. Nur eben ins Riesenhafte aufgeblasen.

Die Gemälde stammen von Markus Lüpertz

Lange dauert es, bis endlich Musik erklingt. Nach den drei Politikern tritt Jürgen Flimm ans Rednerpult, findet mit Goethe zwar schnell, der Worte seien nun genug gewechselt, und gibt mit drei dumpfen Schlägen auf den Eisernen Vorhang das Zeichen, dass es nun losgehen kann mit Robert Schumanns „Faust-Szenen“. Doch vor dem bühnenhohen Gemälde von Markus Lüpertz, das seine bekannten, sehr fleischigen Menschenleiber zeigt sowie massige Pferdekörper, wartet eine ältere Dame auf ihren Einsatz, um mit starkem Akzent die „Zueignung“ aus dem „Faust“ zu rezitieren.

Es handelt sich um Anna Tomowa-Sintow. Der Auftritt ist eigentlich als Huldigung an die bulgarische Sopranistin gedacht, die 1972 ins Ensemble der Staatsoper kam, schnell zur Haus-Diva wurde, aber auch im kapitalistischen Ausland Karriere machte. Aber das funktioniert nicht, weil niemand dem Publikum zuvor verraten hat, wer hier spricht. So denkt mancher gar, es müsse sich wohl um eine Geflüchtete handeln, die das Haus als Zeichen seiner Willkommenskultur eingeladen hat.

Nachdem Frau Tomowa-Sintow unter schütterem Applaus abgetreten ist, setzt das Orchester ein. Jetzt gilt es: Wird die Musik in der altneuen Staatsoper besser ans Ohr dringen als zuvor? „Das Objektive in der Musik ist die Ausdauer des Klangs, sein Gewicht“, betonte Barenboim kurz vor der Eröffnung. „Wenn ich den Ton nicht halte, erlischt er. Diese Frage von Leben und Tod des Klangs ist eine zentrale Dimension der Musik.“ Woraus der Maestro schlussfolgert: „Der Nachhall ist die Chance, dass Musik länger leben kann.“

Der Klang ist enorm klar und vital

Und er ist tatsächlich enorm vital, der Klang. Klar, präsent, durchhörbar. Wer am Eröffnungsabend oben im dritten Rang sitzt, kann jede instrumentale Linie mühelos nachvollziehen – aber er vermisst den gewohnten, berühmten Charakter der Staatskapelle. Warm und samtig, dicht und intensiv, das sind die Adjektive, die sich aufdrängen, wenn man den Klang des traditionsbewussten Ensembles beschreiben möchte. Nun wirkt alles viel offener, geradezu übersteuert, mit einer Tendenz ins Grelle.

Sehr schnell wird es sehr laut unterm Dach, auch die Sänger dringen mühelos hinauf, jeder Choreinsatz entfaltet massive Wucht. Und man denkt sich: Wenn schon bei Robert Schumann diese Phonstärken erreicht werden, wie soll es dann erst im ganz groß besetzten Repertoire werden, bei den beiden Richards beispielsweise, Wagner und Strauss, die Barenboim so gut und gerne dirigiert?

Akustiker sagen, dass sich die Künstler erst einmal an einen Saal gewöhnen müssen. Ein, zwei Jahre Praxiserfahrung würden bei zunächst vermeintlich problematischen Sälen wahre Wunder wirken. Auf den ersten Klangeindruck also soll man sich nicht verlassen – zumal es nach dieser „Präludium“-Woche ja erst im Dezember mit dem regulären Opernbetrieb weitergeht.

Die erste Sitzprobe hingegen bestätigt die allerschlimmsten Befürchtungen: Im Parkett wurde der Abstand zwischen den Sitzen zwar um zwei Zentimeter vergrößert, in der ersten Reihe des dritten Rangs aber wird der Sessel zum Folterstuhl: Wenn Mann nämlich die Durchschnittsgröße seiner Geschlechtsgenossen nur um sieben Prozent überschreitet, gelingt es ihm nicht mehr, so Platz zu nehmen, dass er seine Beine rechtwinklig aufstellen kann.

Dass es rund 200 Plätze mit massiver Sichtbehinderung auf die Bühne gibt, ist bekannt. Wer sich ein Ticket kaufen will, wird im Saalplan allerdings nicht explizit darauf hingewiesen. Ebenso wenig auf Plätze, die große Menschen nur in Toter-HahnPosition einnehmen können. Das wäre aber angemessen, zumal es sich etwa bei den mittigen Sitzen in der ersten Reihe des dritten Rangs um Plätze im gehobenen Preissegment handelt, die bei Premieren stolze 105 Euro kosten.

Das eigene Ensemble ist der Star

„Zum Augenblicke sagen: Verweile doch!“ lautet der Titel des Abends, denn Jürgen Flimm hat Schumanns „Faust-Szenen“ zu einem musikalisch-theatralischen Hybrid ausgebaut. Der Komponist vertonte ab 1844 zwar Originaltexte aus den beiden Teilen des Dramas, doch nur als lose Nummernfolge. Drei Schauspieler wurden also engagiert, um der Handlung mit zusätzlichen gesprochenen Passagen den roten Faden zurückzugeben. Allerdings leiern André Jung, Sven-Eric Bechtolf und Meike Droste ihre Texte streckenweise so demonstrativ unrhythmisch herunter, als wollten sie die Klassiker-Aufführung einer Laiengruppe persiflieren.

Großes Zaubertheater ist wohl das, was Flimm bei seinem szenisches Arrangement vorschwebt, changierend zwischen diversen Epochen, wie auch Ursula Kudrnas Kostüme, mit hohem commedia dell’arte-Anteil, als Verweis auf die barock-volkstümliche Puppenspieltradition des Faust-Stoffes. So gesehen passen Flimms stilisierte Faust-, Gretchen- und Mephisto-Typen durchaus in die Bildwelt von Markus Lüpertz – der ja eh die Meinung vertritt, auf seinen Bühnen seien die Darsteller nur zu Gast zwischen Riesenskulpturen und knallfarbigen Bildern.

Die sympathische Entscheidung der Staatsopernleitung, zur Wiedereröffnung keine singenden Jetsetter einzufliegen, sondern das eigene Ensemble zum Star zu erklären, lösen die hauseigenen Solistinnen und Solisten aufs Schönste ein: Neben dem seit 1988 unverzichtbaren Roman Trekel, der den Titelhelden mit der Nuancierungskunst des erfahrenen Liedsängers gestaltet, strahlt der frische, wunderbar mädchenhafte Sopran von Elsa Dreisig, die 2015 im Opernstudio angefangen hat. René Pape gibt den Mephisto angemessen poltrig, Stephan Rügamer ist ein betörender Ariel, Gyula Orendt ein klangsinnlicher Pater Seraphicus, klangprächtig verströmt sich der von Martin Wright vorbereitete Chor.

Noch einmal am Freitag sowie am 14. und 17. 12. Der Vorverkauf für die gesamte Staatsopern-Saison beginnt am 7. 10.

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