Szenischer Hybrid. Auf der Bühne wird Goethes "Faust" gezeigt - mit einer Kombination aus Gesang und Sprechtheater. Foto: Hermann v. Clärchen
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Wiedereröffnung Berliner Staatsoper Wiedersehen macht Freude

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Die sanierte Staatsoper eröffnet mit Goethes „Faust“ und viel deutscher Prominenz. Der Stuck glänzt golden. Und die Akustik? Ist in jeder Hinsicht überraschend. Erste Eindrücke.

Neugier ist wohl die falsche Einstellung, um sich nach sieben Jahren der sanierten Berliner Staatsoper zu nähern. Denn es war ja gerade die Altgier der einflussreichsten Fans des Musiktheaters, die dazu geführt hat, dass Unter den Linden trotz einer Investition von 400 Millionen Euro weiterhin alles so aussieht wie gewohnt. Zumindest in den Bereichen, die den Zuschauern zugänglich sind.

Golden glänzt der Stuck, rubinrot leuchten die Sitzpolster und Wandbespannungen, der Stuckmarmor ist aufpoliert: Im Saal sind die Restauratoren tatsächlich rechtzeitig fertig geworden, und auch die Foyers sehen erstaunlich vollendet aus. Hier und da gähnt ein Lüftungsloch noch schwarz und ohne Gitter, einige lose Kabel hängen aus der Wand, ein paar Fußleisten sind nicht gestrichen. Selbst in der „Konditorei“ im Keller können die Besucher schon flanieren, wenngleich über einen noch nicht aufgearbeiteten Parkettboden.

Vorfreude. Iris Berben und Monika Grütters bei der Eröffnung der Staatsoper. Foto: Bernd Von Jutrczenka/dpa
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Weil die wenigsten Besucher schon wissen, dass es zur Entlastung der Publikumsströme jetzt weitere Treppenhäuser auf Höhe der Proszeniumslogen gibt, kommt es zu jenen Drängeleien beim Auf und Ab in den Etagen, die man von früher noch in unangenehmer Erinnerung hat. Immerhin ermöglicht die Enge Tuchfühlung mit den vielen Prominenten, die zur Eröffnung eingeladen wurden.

Neben den hauptstädtischen Kultur-Granden hat so mancher zugesagt, der normalerweise mit Oper wenig am Hut hat. Fußball-Legende Otto Rehhagel zum Beispiel oder die Deutschrocker Marius Müller-Westernhagen und Herbert Grönemeyer. Das Sprechtheater ist durch Martina Gedeck, Armin Mueller-Stahl und Stefan Kurt repräsentiert, damit die Spitzen der Bundespolitik mitfeiern können, wurde die Anfangszeit des Dreieinhalb-Stunden-Abends sogar extra auf 20 Uhr nach hinten verlegt. Denn sowohl die Kanzlerin wie der Bundespräsident müssen ja erst einmal aus Mainz, wo in diesem Jahr die offizielle Einheitsfeier stattfand, zurück in die Hauptstadt kommen. Am Rhein hat sich auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller blicken lassen müssen, da er als nächster die rotierende Bundesratspräsidentschaft übernimmt. Mit dabei sind am Dienstagabend auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Innenminister Thomas de Maizière, Finanzminister Wolfgang Schäuble und Bauministerin Barbara Henricks.

Der Sound wirkt fast zu knallig

Auch wenn sich die Lindenoper jetzt wieder so präsentiert, wie sie 1954 aus Ruinen auferstanden ist, als Neubau in einem frei nachempfundenen friderizianischen Rokoko, haben sich Generalmusikdirektor Daniel Barenboim und sein Intendant Jürgen Flimm dennoch dagegen entscheiden, zur Wiedereröffnung dasselbe Stück zu wählen wie damals. Keine „Meistersinger von Nürnberg“ also bevölkern die Bühne, sondern Gestalten aus Goethes „Faust“. In einem szenischen Hybrid, bei dem jene Szenen gesungen werden, die Robert Schumann Mitte des 19. Jahrhunderts vertont hat, und Schauspieler die übrigen Schlüsselmomente sprechtheatralisch gestalten.

Die Gretchenfrage lautet dabei: Ist die Akustik tatsächlich besser geworden? Vor der Sanierung musste durch elektronische Tricks massiv nachgeholfen werden, jetzt soll die Anhebung der Decke um 4,5 Meter dafür sorgen, dass der natürliche Nachhall nicht mehr bei 0,9 Sekunden liegt, sondern bei 1,6 Sekunden.

Bis zur Pause um 21.30 Uhr ist der Eindruck in jeder Hinsicht überraschend. Das Orchester entfaltet sich unter Barenboims befeuernder Leitung klangmächtig, gleichzeitig dringen die Sänger problemlos durch. Doch wirkt der Sound fast zu knallig. Was das Wiedersehen mit der Staatsoper betrifft, besteht weiterhin Diskussionsbedarf. Ans Wiederhören werden sich Künstler wie Publikum erst noch gewöhnen müssen.


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