„Chromatische Scheiben“ von Ernst Wilhelm Nay (1960) Foto: Grisebach / VG Bildkunst, Bonn 2017
p

Vorschau bei Grisebach Der Wind dreht

Angela Hohmann
0 Kommentare

Nie nie gab es im Auktionshaus Grisebach so viel zeitgenössische Kunst wie zur Herbstversteigerung.

Der Blick streift entschlossen und selbstbewusst am Betrachter vorbei. Die Frau trägt ein Kleid von intensivem Blau, ihre großen Hände ruhen auf den Knien. Das ausdrucksstarke Bildnis Helene Weigels von Rudolf Schlichter aus dem Jahr 1928 zeigt die geballte Präsenz der passionierten Bühnenschauspielerin – eine junge, tatkräftige Frau, die durch und durch modern wirkt. Zwei Jahre zuvor hatte der neusachliche Maler bereits ihren Lebensgefährten Bertolt Brecht porträtiert, der dagegen fast blass erscheint. Sein Bildnis hängt heute im Lenbachhaus in München, das ihre galt lange als verschollen und soll bei Grisebach nun zwischen 200 000 und 300 000 Euro kosten.

Es ist Teil der Abendauktionen mit „Ausgewählten Werken“ im Berliner Auktionshaus Grisebach, das in diesem Herbst an vier Tagen in mehreren Versteigerungen mit rund 1600 Werken Kunst zu einem mittleren Schätzwert von 24,2 Millionen Euro unter den Hammer bringt – eine deutliche Steigerung gegenüber dem Frühjahr, wo der mittlere Schätzwert bei 16 Millionen Euro lag. Den Bärenanteil davon, diesmal rund zehn Millionen Euro, soll wie stets die Abendauktion einspielen. Das Spitzenlos, das in diesem Jahr über die Millionengrenze steigen könnte, ist ein melancholisches Strandbild von Max Beckmann, das der Künstler 1941 im niederländischen Exil malte. In sieben Jahren schuf er dort ein Drittel seines Werkes, 280 Bilder, darunter auch dieses (1,2–1,5 Millionen Euro).

Rekordverdächtig: "Chromatische Scheiben" von Ernst Wilhelm Nay

Ebenfalls rekordverdächtig sind die „Chromatischen Scheiben“ von Ernst Wilhelm Nay aus dem Jahr 1960. Das auf 800 000 Euro taxierte Bild befand sich lange im Besitz der Karstadt AG und wurde 2011, als diese Insolvenz anmelden musste, von Grisebach schon einmal für 750 000 Euro an eine Schweizer Privatsammlung versteigert. Neben Werken von Gabriele Münter, Alexej von Jawlensky, Karl Schmidt-Rottluff und Emil Nolde bietet die Abendauktion diesmal auch etliche Gemälde des Berliner Impressionisten Max Liebermann aus unterschiedlichsten Schaffensphasen an, darunter das Bild eines Reiters am Strand vor blauen, mit weißer Gischt bekrönten Meereswogen, das 1900 entstand (250 000–350 000 Euro).

In diesem Herbst macht Grisebach nun Ernst mit der Ankündigung, die Zeitgenossen neben der klassischen Moderne als zweite wichtigste Säule zu etablieren. Das offenbart schon der ungewöhnlich dicke Katalog mit über 200 Losen. „Der Anteil der zeitgenössischen Kunst am erwarteten Gesamterlös ist mit einem mittleren Schätzwert von 5,33 Millionen Euro signifikant gestiegen“, sagt Micaela Kapitzky als geschäftsführende Mitgesellschafterin des Auktionshauses. Im Frühjahr lag der mittlere Schätzwert der aktuellen Kunst noch bei 3,07 Millionen Euro.

30 Werke werden zugunsten syrischer Kinder versteigert

Dabei setzt das Haus mit Nagelbildern von Günther Uecker wie „Fluß“ von 1984 (Taxe: 400 000 Euro) und Kissenbildern von Gotthard Graubner aus demselben Jahr (Taxe: 50 000 Euro) vor allem auf bereits klassische Nachkriegskunst. Skizzenbücher von Sigmar Polke (200 000 Euro) und A. R. Penck (50 000 Euro), die Einblicke in das Schaffen der beiden Künstler geben, stehen hier ebenso zur Versteigerung wie die ironisch-provokante Assemblage „Erdtelephon“ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1968 (Taxe: 100 000 Euro). Auf Initiative der Galerie Max Hetzler findet außerdem eine Benefizauktion mit 30 Werken von Gegenwartskünstlern zugunsten der Kayany Foundation statt, von der man sich rund 800 000 Euro für die Schulbildung von syrischen Kindern in Flüchtlingscamps verspricht. Auf allein 200 000 bis 300 000 Euro ist dabei eine von dem chinesischen Künstler Ai Weiwei gestiftete Holzskulptur taxiert.

Einen weiteren Höhepunkt bilden die 60 Lose aus dem verschollen geglaubten Nachlass des Goldschmieds Emil Lettré aus dem Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre in der Orangerie-Auktion. In Lettrés Geschäft Unter den Linden traf sich die Berliner High Society und deckte sich mit Schmuck und Tafelsilber ein.

„Small is Beautiful“ ist das Motto einer Auktion mit Kunstwerken im kleinen Format. „Mit solchen Sonderauktionen zu wechselnden Themen wollen wir künftig weiter expandieren“, verrät Micaela Kapitzky und freut sich besonders auf die Versteigerung der drei seltenen Postkarten mit Tierdarstellungen, die Franz Marc 1913 für seinen Künstlerfreund Ernst Heckel malte (je 100 000 Euro).

Grisebach, Fasanenstr. 25, 27 & 73; Vorbesichtigung: bis 28.11., Sa–Mo 10–18 Uhr, Di 10–15 Uhr, Auktionen: 29.11.–2.12.

Zur Startseite