Verkehrt. Unter dem Titel „Er nahm das Kopftuch“ entstand 2016 dieses Gemälde von Katrin Plavcak. Die Künstlerin forderte so Solidarität mit Frauen. Foto: © VG Bild-Kunst Bonn 2017, courtesy Galerie Mezzanin, Genfp

Vorbild Jeanne Mammen Schwestern im Geiste

Birgit Rieger
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Malerinnen wie Jeanne Mammen machten die Kunstgeschichte bunter und vollständiger – ihr Werk ist auch für die jüngere Kunstszene Berlins ein Thema

Bereits vor 20 Jahren richtete die Berlinische Galerie eine Retrospektive für Jeanne Mammen aus. Die feministische Zeitschrift „Emma“ sprach damals von einer „Wiederauferstehung“. Mammen galt als Vergessene, die mit ihrem kritischen Blick auf die Welt zu Unrecht in der Versenkung verschwunden war. Gewünscht hat Jeanne Mammen sich diese Auferstehung nicht. Die Berliner Künstlerin verweigerte die Aufbereitung ihrer Bilder für die Nachwelt. „Ist mir höchst piepe!“, soll sie 1975, ein Jahr vor ihrem Tod, in einem Interview gesagt haben. Inzwischen gehört sie für etliche Künstlerinnen und Künstler der jüngeren Generation zum Kanon der Malereigeschichte. So auch für die Künstlerin Katrin Plavcak. Dass Mammen auf Ellenbogenmentalität und Selbstdarstellung pfiff und trotzdem viel Selbstbewusstsein ausstrahlte, spielt dabei sicher eine Rolle.

Plavcak, Jahrgang 1970, verarbeitet in ihren Gemälden, Zeichnungen und Objekten aktuelle Themen der Gegenwart, mit sozialkritisch-feministischem Blick. Ob Syrienkrieg, Muslim-Brüder, Chelsea Manning oder Weltraumfantasien, Plavcak malt, was die Gesellschaft verstört, genauso wie es Jeanne Mammen für ihre Zeit getan hat. Was bei beiden mitschwingt, ist eine Kritik am ungebändigten Kapitalismus und seinen hierarchischen Strukturen. Vom starren Blick aufs Geld und von aalglatten Börsianern hat auch Mammen in den 1920er Jahren in ihren Bildern erzählt.

Wenn man fragt, was die jüngere Generation mit der Vorgängerin verbindet, geht es aber nicht vorrangig um ähnliche Bildmotive. Es ist Mammens Gespür für die Absurditäten und Widersprüche des Alltags und ihr Vermögen, diese in einer Mischung aus Belustigung und Resignation auf die Leinwand zu bringen, die bei jüngeren Malerinnen auf Resonanz stößt; etwa auch bei der jungen amerikanischen Malerin Grace Weaver, Jahrgang 1989. In ihren meist quietschbunten Porträts Smartphone-verrückter Girls fängt sie die verwirrten Gemütszustände weiblicher Millennials ein und beobachtet dabei ähnlich scharf wie Jeanne Mammen.

Plavcaks Beschäftigung mit Mammen begann 2013. Die Kuratorin Eva Scharrer hatte entdeckt, dass einige jüngere Malerinnen offenbar im Geiste Mammens arbeiteten – allerdings ohne sie zu kennen. Im Rahmen der Kunstwoche „Berlin Art Week“, die damals unter dem Motto „Painting Forever“ eine Bestandsaufnahme der zeitgenössischen Malerei versuchte, brachte Scharrer Mammens bis dato unbekanntes Spätwerk mit den Werken dreier Berliner Malerinnen zusammen: Giovanna Sarti, Antje Majewski und Katrin Plavcak. Keine der drei hatte sich bis dato bewusst auf Mammens Werk bezogen, die Verbindung zwischen ihnen vollzog sich wie von Geisterhand.

In Giovanna Sartis Gemälden kommt eher die spirituelle Seite der Malerei zum Tragen, die sich auch in Mammens abstraktem Spätwerk zeigt. Mammen hatte teils Bonbonpapiere in ihren Bildern verwendet. Auch Sarti nutzt Glitzer, Lack und Metallstaub, um Schicht für Schicht ihre abstrakten Bildräume aufzubauen. Bei Antje Majewski, die sich zuvor bereits mit der Alchemie der Dinge beschäftigt hatte, war es das Interesse für Objekte, das sie mit der Älteren verband. Majewski besuchte damals Jeanne Mammens Atelier am Kurfürstendamm 29, das fast im Originalzustand erhalten geblieben ist und in dem sich Bilder, Zeichnungen und Gesammeltes befinden. Majewski porträtierte einige der Fundstücke aus Mammens Atelier, Muscheln oder durchlöcherte Schneckenhäuser, malte aber auch kleine selbst gemachte Gegenstände, die die Insassinnen des früheren Konzentrationslagers Ravensbrück sich gegenseitig geschenkt hatten. In ihren Gemälden stellt sie bestehende Wertsysteme infrage, ganz im Sinne Mammens.

Sie sei ein großer Bewunderer von Otto Dix und George Grosz, die mit beißendem Humor und Satire die Gesellschaft der 20er Jahre abbildeten. „Seit 2013 gehört Jeanne Mammen für mich in eine Reihe mit ihnen“, sagt Plavcak. Dass im Kunstgeschichtskanon viele Malerinnen fehlen, war Plavcak und Majewski, die beide der feministischen Künstlerinnengruppe „ff“ angehören, bereits vor der Ausstellung in der Kunsthalle der Deutschen Bank ein Dorn im Auge. Beide organisierten damals mit weiteren Künstlerinnen einen Protestmarsch von dieser Kunsthalle zur Alten Nationalgalerie, wo die Namen vergessener Malerinnen auf Schilder geschrieben und in die Erde gerammt wurden. Namen wie Paula Modersohn-Becker waren da zu lesen, Frauen die zu Lebzeiten oft sehr bekannt waren, deren Positionen später aber marginalisiert und als weniger wichtig dargestellt wurden.

Heute betreibt Plavcak zusammen mit den Künstlerinnen Caro Bittermann und Claudia Zweifel das Online-Archiv „the history of painting revisited“. Auf der Webseite werden Texte zu Malerinnen der vergangenen Jahrhunderte veröffentlicht, meist von Künstlerinnen geschrieben. „Wenn man die Geschichte umschreiben, will, muss man sich auch selbst umstellen. Man muss lernen, ein paar Namen von Malerinnen parat zu haben, am besten mehrere für jedes Jahrhundert“, sagt Plavcak.

Mammens Name wird künftig wohl dank der Retrospektive in der Berlinischen Galerie für mehr Menschen präsent sein. Das hat die aufrechte Künstlerin in jedem Fall verdient.

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