Max Frisch 1958 bei Proben zu "Biedermann und die Brandstifter" (mit Oskar Wäterlin). Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_M07-0074-0001 / CC BY-SA 4.0
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Vor 70 Jahren im Tagesspiegel Max Frisch: Wahrhaftig oder höflich?

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Notizen von Max Frisch, erschienen vor siebzig Jahren im Tagesspiegel - und mit Blick auf teils rüde heutige Debatten weiterhin spannend.

Wenn wir die Geduld verlieren, wenn wir unhöflich werden und bemerken, daß der andere zusammenzuckt, berufen wir uns mit Vorliebe darauf, daß wir halt ehrlich sind, wie man so gern sagt: "Offen gestanden: -"

Und dann, wenn es heraus ist, sind wir zufrieden, denn wir sind ehrlich gewesen, das ist die Hauptsache, und im weiteren überlassen wir es dem anderen, was er mit den Ohrfeigen anfängt, die ihm unsere Tugend versetzte. Was ist damit getan?

Der Wahrhaftige, der nicht höflich sein kann oder will, darf sich jedenfalls nicht wundern, wenn die menschliche Gesellschaft ihn ausschließt. Er darf sich nicht einmal damit brüsten, wie es zwar üblich ist, je mehr er nämlich unter seinem Außenseitertum leidet. Er trägt eine Gloriole, die ihm nicht zukommt. Er übt eine Wahrhaftigkeit, die stets auf Kosten der anderen geht.

Das Höfliche, oft als leere Fratze verachtet, offenbart sich als eine Gabe der Weisen. Ohne das Höfliche nämlich, das nicht im Gegensatz zum Wahrhaftigen steht, sondern eine liebevolle Form für das Wahrhaftige ist, können wir nicht wahrhaftig sein und zugleich in menschlicher Gesellschaft leben, die wiederum allein auf der Wahrhaftigkeit bestehen kann - also auf der Höflichkeit.

Höflichkeit natürlich nicht als eine Summe von Regeln, die man drillt, sondern als eine innere Haltung, eine Bereitschaft, die sich von Fall zu Fall bewähren muß. Man hat sie nicht ein für allemal.

Wesentlich, scheint mir, geht es darum, daß wir uns vorstellen können, wie sich ein Wort oder eine Handlung, die unseren eigenen Umständen entspringt, für den anderen ausnimmt. Man macht, obschon es vielleicht unserer eigenen Laune entspräche, keinen Witz über Leichen, wenn der andere gerade seine Mutter verloren hat, und das setzt voraus, daß man an den anderen denkt. Man bringt Blumen: als äußeren und sichtbaren Beweis, daß man an die anderen gedacht hat, und auch alle weiteren Gebärden zeigen genau, worum es geht. Man hilft dem anderen, wenn er den Mantel anzieht. Natürlich sind es meistens bloße Faxen, immerhin erinnern sie uns, worin das Höfliche bestünde, das wirkliche, wenn es einmal nicht als Geste vorkommt, sondern als Tat, als lebendiges Gelingen.

Man begnügt sich zum Beispiel nicht damit, daß man dem anderen einfach seine Meinung sagt; man bemüht sich zugleich um ein Maß, damit sie den anderen nicht umwirft, sondern ihm hilft; wohl hält man ihm die Wahrheit hin, aber so, daß er hineinschlüpfen kann.

Warum so viel Erkenntnis, die in der Welt ist, meistens unfruchtbar bleibt, weil sie sich selber genügt und selten auch noch die Kraft hat, sich auf die anderen einzustellen.

Die Kraft: die Liebe.

Der Weise, der wirklich Höfliche, ist stets ein Liebender; er liebt den Menschen, den er erkennt, nicht seine Erkenntnis.

Nicht der Kluge, nur der Weise hilft.

"Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist."

Ein gräßliches Wort, wenn einer es als Auszeichnung nimmt, es wäre das Bekenntnis eines Menschen, der kein Maß hat, der nicht mehr echt ist, wenn er Maß hält, und somit unerträglich für die anderen, sobald er echt ist.

Mephisto liefert übrigens die Antwort schon in dem Augenblick, da er das Stichwort gibt, das bekannte: "Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist." Wichtig ist nicht, daß er grob ist. Dafür genügt der Nebensatz. Wichtig ist vor allem daß er es nicht weiß, und das heißt, daß er sich nicht auf die anderen beziehen kann.

Er empfindet es selber als Lüge, wenn er, aus Höflichkeit, nach unserem Befinden fragt. Das ist ein ehrliches Bekenntnis, gewiß! Nur ist es wieder jenes Poltern mit einer Tugend, die auf Kosten der anderen geht und nicht genügt, da sie nur ihm genügt.

Unsere Schablone vom Künstler: daß ein Mensch, der innerlich ist, nicht höflich sein kann oder darf; das Innerliche und das Höfliche als unvereinbare Gegensätze, das Unbändige als Zeichen eines echten Menschen, der Künstler als Außenseiter - und zwar nicht darum, weil er eine andere Art von menschlicher Gesellschaft erstrebt, sondern einfach darum, weil ihn die menschliche Gesellschaft nichts angeht, und zwar auf keinen Fall, so daß er sie auch nicht verändern muß.

Es fragt sich, ob diese romantische Schablone jemals stimmte, ob sie für einzelne Völker stimmte, beispielsweise das deutsche, ob sie für uns und unsere Zukunft stimmt.

Jedenfalls stimmt sie nicht für den griechischen Künstler, der sich seiner Polis verpflichtet wußte, nicht für Dante, den die Verbannung traf, nicht für Goethe, nicht für Gottfried Keller, der Staatschreiber wurde und seine Mandate zum eidgenössischen Bettag schrieb, nicht für Gotthelf, nicht für moderne Franzosen, die Dichter bleiben, auch wenn sie staatliche Ämter bekleiden.

Ziel ist eine Gesellschaft, die den Geist nicht zum Außenseiter macht, nicht zum Märtyrer und nicht zum Hofnarren, und nur darum müssen wir Außenseiter unserer Gesellschaft sein, insofern es keine ist.

Höflich zum Menschen. Aber nicht zum Geld. Verpflichtet an eine Gesellschaft der Zukunft - wobei es für die Verpflichtung belanglos ist, ob wir selber diese Gesellschaft noch erreichen, ob sie überhaupt jemals erreicht wird, Nähe oder Ferne eines Zieles, solange es uns als solches erscheint, ändern nichts an unserer Richtung.

Dieser Text des Schweizer Schriftstellers Max Frisch erschien am 22. Mai 1947 im Tagesspiegel.

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