Das optimierte Selbst. Szenenbild aus der Videoinstallation „Forever“ von Julika Rudelius. Foto: Transmedialep

Transmediale im Haus der Kulturen der Welt Die Macht des Algorithmus

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Alles erfassen: Die Transmediale im Haus der Kulturen der Welt diskutiert, wohin die totale digitale Überwachung führt.

Schon vor der Eröffnung am Mittwochabend waren die Tagespässe für die Transmediale ausverkauft. So viel Andrang war nie. Berlins Festival der digitalen Kultur, 1988 als Videofestival gegründet, ist einer der wichtigsten Treffpunkte von digitalen Kreativen, Wissenschaftlern, Netzaktivisten und Künstlern – und mittlerweile auch für ein breites Publikums interessant.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Veranstaltung nicht mehr mit der Zukunft des Digitalen, denn in der sind wir längst angekommen. Jetzt diskutiert das Festival aktuelle gesellschaftliche Themen. In diesem Jahr lautet das Motto „Capture all“, was so viel heißt wie „Alles erfassen“. Nach den Terroranschlägen in Paris wird der Sinn des Datenspeicherns noch einmal neu überdacht. Ein anderes Beispiel aus der aktuellen Datensammelpolitik: Facebook ändert zum morgigen Freitag seine Datenschutzrichtlinien und zeichnet dann auch auf, was die Nutzer außerhalb von Facebook tun. „Full take“ sagt man, wenn alles, was der Mensch tut, irgendwo abgespeichert wird.

Der Mensch vermisst und quantifiziert sich selbst

In Konferenzen, Performances, Workshops und zwei Ausstellungen beleuchtet die Transmediale die Datafizierung des Menschen, und zwar aus einer privaten, persönlichen Perspektive. Die staatliche Massenüberwachung durch Regierungsinstitutionen wie die NSA steht jedoch nicht im Zentrum der Diskussion. „Die Angst vor staatlicher Überwachung verstellt den Blick auf das, was ist“, sagt Festivalleiter Kristoffer Gansing. Der Mensch vermisst und quantifiziert sich permanent selbst, und zwar aus freien Stücken: Statusmeldungen bei Facebook, Apps, die Verhaltensdaten und Körperfunktionen aufzeichnen, Smartphones, die tracken, mit wem wir kommunizieren. Die Daten, die Menschen unentgeltlich produzieren, sind ein riesiges Geschäft für einzelne Unternehmen. Nur durch Computeralgorithmen sind diese unstrukturierten Datenmengen überhaupt lesbar.

Die Macht des Algorithmus ist deshalb auch eines der zentralen Themen der Transmediale. In der von Daphne Dragona und Robert Sakrowski kuratierten Ausstellung ist parallel eine unsichtbare, nur als Audioguide existierende Ausstellung zu erleben, die komplett von einem Algorithmus konzipiert wurde. Der Künstler Jonas Lund ließ Bild- und Textdaten vergangener Transmediale-Festivals von einem Computerprogramm auswerten und bekam eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für eine „erfolgreiche Transmediale“ ausgespuckt.

Jeder trägt zum digitalen Totalitarismus bei

„Algorithmen machen im Prinzip nur zwei Dinge: Muster finden und Abweichungen vom Muster aufdecken“, sagt der Philosoph Matteo Pasquinelli, der den noch kaum erforschten Begriff der „algorithmic governance“, der allumfassenden Steuerung des Lebens durch Algorithmen, mit anderen Wissenschaftlern diskutiert.

Wie die massenhafte Speicherung von Daten sich im Alltag auswirkt, wird Byung-Chul Han bei einem seiner raren öffentlichen Auftritte erörtern. Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, ist derzeit einer der kontroversesten Denker des Landes, auch weil ihm nachgesagt wird, dass er extrem kulturpessimistisch auf die Gegenwart schaut. In seiner Lecture wird er sich dem „digitalen Totalitarismus“ zuwenden, zu dem aus Hans Sicht jeder Einzelne durch die eifrige Datenpreisgabe beiträgt.

Energielevel, Spaßfaktor, Status, Follower – der Mensch überträgt die Logik der Alogrithmen auf sich selbst, dabei geht es stets um Effizienz und Evaluation, wie in einem großen Computerspiel. Wie sich Leben, Arbeit und Spiel zunehmend ineinanderblenden, zeigt wunderbar die zweite Ausstellung der Transmediale „Time & Motion“. Darin lassen die Künstler Revital Cohen und Tuur van Balen ein Nonsense-Objekt in einer chinesischen Fabrik produzieren. Nur um die Choreografie der Arbeiter am Fließband auf Video aufzuzeichnen.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Alles 10, Tiergarten, Do-So, 10-21 Uhr. www.transmediale.de

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