Werke ohne Material. Der in Berlin lebende Tino Sehgal kommt vom Tanz, außerdem studierte er Wirtschaft. Seine Arbeit darf prinzipiell nicht fotografiert werden. Foto: Thilo Rückeis p

Tino-Sehgal-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau Die Kunst der Begegnung

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Er will keine Werte schaffen, seine Werke bleiben immateriell – und verkaufen sich sehr gut. Der Martin-Gropius-Bau widmet dem mysteriösen Künstler Tino Sehgal die erste Werkschau in Berlin.

So viel Sehgal war nie. Zumindest nicht in Berlin, der Heimatstadt des Künstlers. Tino Sehgal hat seine immateriellen Kunstwerke, die tanzenden Museumwärter, die küssenden Paare, die plaudernden Kinder, mit denen er im internationalen Kunstbetrieb in kurzer Zeit eine steile Karriere hinlegte, mittlerweile auf allen Kontinenten präsentiert.

Seine Interventionen waren im MoMA, im Guggenheim Museum, in der Tate Modern in London. Bei der Venedig Biennale 2013 zeichnete ihn die Jury mit dem Goldenen Löwen als besten Künstler aus. In Berlin hat Sehgal zwar auch schon viele seiner Arbeiten gezeigt, zuletzt im Mai während des Gallery Weekends im Garten der Johnen Galerie. Doch im großen Stil waren sie hier noch nicht zu sehen. Nun widmet der Martin-Gropius-Bau dem Künstler eine große Werkschau, und zwar parallel zum Festival Foreign Affairs, wo im Festspielhaus ebenfalls eine seiner Arbeiten aufgeführt wird. Und genau hier entspinnt sich auch die Diskussion um Sehgals Werk – zwischen Museum und Theater.

Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit und Umrisse von Körpern werden sichtbar

Im Martin-Gropius-Bau sind im Lichthof und in den Erdgeschossräumen fünf „Situationen“, wie Sehgal sie nennt, zu erleben. Eigentlich sind es fünfeinhalb Arbeiten, erklärt Sehgal, obwohl er sich eigentlich eher weigert, seine Arbeiten zu kommentieren. Die fünf Interventionen ergeben eine Art Reigen. Das heißt, die Schauspieler und Tänzer, die der Künstler engagiert hat – insgesamt sind es rund 80 Menschen, die im Schichtbetrieb im Museum auftreten – kommen aus den Ausstellungssälen. Sie versammeln sich im Lichthof des Museums, und kehren nach einem gemeinsamen Intermezzo, zum Beispiel einem A-Cappella-Gesang, zur nächsten Runde in die Räume zurück.

In den großen Räumen wird das ganze Universum des Sehgal’schen Interventionsrepertoires durchdekliniert. Eine Arbeit kennt man von der Documenta 2012. Auch im Gropius-Bau betritt man einen dunklen Raum, tastend arbeitet der Besucher sich vor, Stimmen erheben sich, Rhythmusgeräusche wie beim Beatboxen erklingen dicht neben dem Ohr. Sind tatsächlich andere Menschen im Raum? Oder kommt der Gesang vom Band? Zunächst ist das schwer auszumachen, dann gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, Umrisse von Körpern werden sichtbar, die Sicherheit kehrt zurück. Es ist trotzdem angenehm, so umsungen zu werden. Das ist es auch, was einige Kritiker an Sehgals Kunst stört. Sie tut gut. Sie macht wohlige Gefühle. Einige Zweifler fragen sich auch, ob Sehgals Botschaften wirklich so frisch sind.

Er will der Welt keine neuen Objekte hinzufügen

Sehgal, der in Essen an der Folkwangschule Volkswirtschaft und Tanz studiert hat, besteht seit Jahren konsequent darauf, der Welt keine neuen Objekte hinzufügen zu wollen. Er hat seine Logik auf vielen Podien, bei Biennalen und zuletzt in Basel bei der Kunstmesse erläuert: Die permanente Produktion von Waren hält die Marktwirtschaft am Laufen, zerstört aber die Umwelt und verhindert schließlich weiteren Fortschritt. Produktion ist kein Zukunftsmodell, lautet sein Credo. Sehgal schafft stattdessen Wertschöpfung ohne bleibende Produkte. Er kreiert Begegnungen zwischen Menschen, Erlebnisse. Und er hat bewiesen, dass sich das ziemlich gut verkauft. Sehgals Kunst passt perfekt zu den postmaterialistischen Bewegungen unserer Zeit, vom Ökolifestyle bis zum „Weniger ist mehr“.

Deshalb scheint es auch konsequent, dass er seine Arbeiten immer wieder recycelt, vielen begegnet man immer wieder – und auch jetzt in seiner ersten großen Ausstellung in Berlin, bleibt Tino Sehgal ohne Scheu beim Bewährten.

Mit „The Kiss“ zeigt er einen seiner Klassiker. Mehrere Paare, jeweils ein Mann und eine Frau, rollen in Freizeitklamotten über den Boden des Museums und stellen berühmte Küsse der Kunstgeschichte nach. Die Intervention stammt von 2002, Sehgal präsentierte sie unter anderem vor einigen Jahren bei der Berlin Biennale in Clärchens Ballhaus. Damals konnte er die Besucher damit noch verwirren. „The Kiss“, so immateriell die Arbeit auch ist, gehört mittlerweile dem MoMa in New York. Sehgals Kunst wird ge- und verkauft wie konventionelle materielle Kunstobjekte, und sie geht in museale und private Sammlungen ein. Auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz besitzt eine Arbeit von Sehgal. Es ist eine Dauerleihgabe des Berliner Sammlers Axel Haubrok, der als einer der einer der ersten eine Arbeit von Tino Sehgal kaufte. Gerne wird erzählt, wie Museumsdirektoren und Sammler monatelang mit Notaren verhandeln müssen, weil Sehgal weder Kauverträge noch Unterschriften zulässt, dafür aber sehr genaue Regeln aufstellt, wie und wo seine Werke aufgeführt werden dürfen. Das alles gehört zum Spiel.

Kein Ausstellungskatalog, keine Werbeplakate – der Künstler will es so

Nichtsdestotrotz wird dem 39-Jährigen gerne eine gewisse Exzentrik unterstellt. Seine Kunst darf man nicht fotografieren, sie wird nicht dokumentiert. Auch der Gropius-Bau durfte keine Werbeplakate aufhängen, es gibt keinen Ausstellungskatalog. Die mediale Unzugänglichkeit ist ein wichtiger Teil von Sehgals Erfolg. Seiner Kunst muss man begegnen, sie ist nicht überall verfügbar, das macht sie kostbar.

Sehgal, der selbst als Tänzer begann, ging sehr schnell dazu über, seine Interventionen nicht für die Bühne, sondern explizit für das Museum zu konzipieren. Die Realität soll nicht dargestellt werden, wie im Theater, sie soll sich ereignen. Sehgal hat sich viel mit Museumsgeschichte auseinandergesetzt.

Im Museum wird Verhalten eingeübt, sagt er im Gropius-Bau vor der Presse. Zumindest früher sei das so gewesen. Einen etwas merkwürdigen Beigeschmack hinerlässt das schon, wenn man sich vorstellt, dass wir Kommunikation und den Austausch von Argumenten im Museum einüben müssen. Und was sich zwischen den Menschen ereignet, wird zum Ausstellungsstück.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str.7, 28. Juni - 8. August, Mi - Mo 10 - 19 Uhr.

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