Der Berliner Sänger Tim Fischer. Foto: Jim Raketep

Tim Fischer in der Bar jeder Vernunft Sehnsucht, süß und bitterbös

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Ganz großes Gesangskino in der Bar jeder Vernunft. Der Berliner Chansonnier Tim Fischer singt Lieder von Jacques Brel, Hildegard Knef und Sebastian Krämer.

Gerade mal ein paar Sekunden auf der Bühne und schon bricht Mitklatsch-Furor aus. So ist das, wenn einer eine Gemeinde hat. Und Tim Fischer, der von seinen 43 Lebensjahren schon satte 28 Jahre auf der Chansonbühne steht, verfügt über eine besonders eingefleischte. Der vorzüglich sitzende Dreiteiler, der mit dem Lineal gezogene Scheitel, die exaltierte Auftrittsgestik ebenso wie die demütige Konzentration auf das nächste Chanson – alles bietet Grund für Ahs und Ohs, Bravos und Handküsse.

Sie können es aber auch, der Fischer und sein Bielfeldt. Der Pianist, Rainer mit Vornamen, ist seit Jahrzehnten die feste musikalische Burg des Sängers und auch am Premierenabend des gleichzeitig als Album erschienenen Programms „Absolut“ ein Wunder an Professionalität, Pointiertheit und Präzision. Auch den Eröffnungssong, die gleichnamige munter rumpelnde Kabarettnummer, hat er komponiert und viele weitere im Laufe des Abends erklingende Lieder, darunter die wunderschön wehe Ballade „Schau sie schläft“ über eine verwehte Liebe. Und so gilt ein guter Teil der vom Publikum reichlich verströmten Liebe in der Bar jeder Vernunft auch immer ihm, was für den notorisch übersehenen Berufsstand des Begleiters eine schöne Genugtuung ist.

Sebastian Krämer gehört zu den besten Schreibern der Zunft

„Absolut“ versammelt viele Farben Fischers. Auf Deutsch gesungene Klassiker von Jacques Brel wie „Ne me quitte pas“ oder „J’aimais“, bei denen sich gepflegte Chanson-Langeweile in Ohr und Gemüt schleicht. Viel mehr berühren „Wieviel Menschen waren glücklich, dass du gelebt“ und „Ich bin den weiten Weg gegangen“, zwei Standards von Hildegard Knef, der er ebenso wie Zarah Leander oder Georg Kreisler längst eigene Programme gewidmet hat. Aber auch knallkomische, mit schnarrender Stimme interpretierte Nummern von Thomas Pigor wie „Don’t look“ und „Hitler“. Und – das ist das Tollste an diesem kurzweiligen Liederschreiber-Raten, dass sich im Kopf bei jedem neuen Intro, bei jeder ersten Verszeile einstellt – gleich mehrere Lieder von Sebastian Krämer. Der Berliner Klavierkabarettist gehört zu den besten Schreibern der Zunft. Und eine, mit einem süß perlenden Pianoparlando eingeleitete, aber bitterbös getextete Nummer wie „Sehnsucht ist gemein“ ist für einen Könner wie Tim Fischer ganz großes Gesangskino.

Bar jeder Vernunft, bis 30. Oktober, 20 Uhr, So 19 Uhr

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