Kommt nach Berlin. „Animal/Vegetal/Mineral“ von Michael Clark. Foto: Hugo Glendinning
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Tanz und Theater beim Kampnagel-Sommerfest in Hamburg Die Ausnahme ist die Regel

Katrin Ullmann
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Andras Siebold setzt als Leiter des Kampnagel-Sommerfestivals in Hamburg auf Heterogenität und Vermischung der Genres. Seine „Popularisierung der Avantgarde“ funktioniert - unter anderem mit einem umjubelten Auftritt des Pianisten Chilly Gonzales.

Eine schwangere Teenagerin, ein halb nackter Märchenerzähler mit einem kleinen Mädchen auf dem Schoß, ein schaukelnder Transsexueller: Szenen in einer gläsernen Vitrine mitten in der Hamburger Fußgängerzone. Dort zeigt Dries Verhoeven zehn Tage lang unterschiedliche Tableaux Vivants, zeigt „Zehn Ausnahmen von der Regel“. Der niederländische Künstler rückt in Anlehnung an Freakshows vergangener Jahrhunderte Menschen von den Randbereichen der Gesellschaft in den Fokus. Zwischen Installation und Theater, Performance und Provokation schafft er Irritation und meist auch Diskussionen unter den Passanten. Unauffällig und subtil ist diese Installation im „glass cube“ eine der effektvollsten Arbeiten während des dreiwöchigen Sommerfestivals auf Kampnagel.

Andras Siebold hat zum zweiten Mal die künstlerische Leitung inne. Im Gegensatz zu Matthias von Hartz – seinem Vorgänger und nun Leiter der „Foreign Affairs“ in Berlin – schreibt er kein gesellschaftspolitisches Anliegen auf die magentafarbenen Fahnen. Er bleibt ein bisschen dichter dran an der Kunst, setzt auf Heterogenität und Vermischung der Genres. Er versucht die „Popularisierung der Avantgarde“, will ein Festival zeigen für neue Formen und Themen. In seiner Eröffnungsrede sprach er von Komplizenschaft und Kollaborationen, noch lieber von Pop und Performance. Sein diesjähriges Sommerfestival reicht von Musik, Theater, Installationen, Orchesterkaraoke, Tanz und einer Konferenz über Sexarbeit bis zum O X O, einem Aktionsraum in zwei Meter Höhe, in den man allabendlich hineinwippen kann.

Den Auftakt machte eine unglückliche Korrelation aus Musik, Theater und Stummfilm. Auch im Stummfilm war natürlich mal die Avantgarde zu Hause. Doch wenn man die Ausdrucksmittel dieses Mediums ungebrochen auf die Bühne überträgt wie in der Inszenierung „The Shadow“ des umjubelten Pianisten Chilly Gonzales und des Regisseurs und Filmemachers Adam Traynor geschehen, treffen einfallslose Retroästhetik, Illusionstheater und angestrengt expressionistisch agierende Darsteller des Schauspiels Köln sinnleer aufeinander. Im benachbarten „Kanalspielhaus Flora“ gibt Jan Plewka einige Coverversionen zum Besten. Er singt und trinkt „flüssige Liebe“, die er mit so viel Bio-Basilikum verfeinert, dass der von Menschen saunagleich aufgeheizte Sperrholzkasten der Künstlergruppe Baltic Raw – ein Kommentar zu den jüngsten Querelen ums autonome Kulturzentrum „Rote Flora“ – für einen kurzen Augenblick ein erträgliches Raumklima erlebt.

Die Arbeit „Monument 0: Haunted by Wars (1913–2013)“ der Choreografin Eszter Salamon wiederum ist so intensiv wie absolut. Nicht weniger als 100 Jahre globaler Kriegsgeschichte hat sie aufbereitet. Entstanden ist eine archaische, sakrale, bedrohliche Arbeit mit sechs maskierten Tänzern, die im mystischen Halbdunkel zwei Stunden einen hochenergetischen Totentanz zelebrieren. Ähnliche Faszination und noch größere Tiefe erreicht „Timeloss“ der iranischen Mehr Theatre Group. Mit großem Geschick lotet Amir Reza Koohestani die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aus.

Alte Bekannte wie Rimini Protokoll sind in Hamburg dabei, aber auch die Compagnie des Choreografen Michael Clark, die mit „Animal/Vegetal/Mineral“ am Dienstag und Mittwoch beim „Tanz im August“ in Berlin gastiert. So läuft der Festivalzirkus, in dem es immer schwieriger wird, eigene Programme auf die Beine zu stellen. Die Leiter und Kuratoren suchen bloß nach neuen Labels. Auch wenn Siebold den Begriff „Avantgarde“ noch so oft benutzt: Bei der Festivalgestaltung geht es ihm offenbar mehr um eine ausgewogene Mischung aus Zumutbarkeit, Gefälligkeit und Must-Sees. Ein bisschen Provokation ist auch dabei.

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