Was ist deutsch? Eine Berliner Medientagung fragte nach dem "neuen deutschen Wir". Foto: imago
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Tagung "Das neue deutsche WIR" Lob der Mitte

Christiane Peitz
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Die Civis-Medienstiftung lud zur Tagung in die Berliner Akademie der Künste. Es ging um Leitkultur und Leitbilder in Zeiten der Migration und Globalisierung. Haben die Deutschen einen Zusammenhalt, wenigstens einen kleinsten gemeinsamen Nenner?

Waren das noch Zeiten, als klar war, was deutsch ist. Bürgerliche Tugenden, Tüchtigkeit, Redlichkeit, Ordnungsliebe, Häuslichkeit - auf der jährlichen Konferenz der CIVIS-Medienstiftung für Integration am Donnerstag in der Berliner Akademie der Künste lud der Kulturwissenschaftler Dieter Borchmeyer zur Zeitreise zurück ins 18. und 19. Jahrhundert. Wobei er den Tugendkatalog sogleich soziologisch einordnete, als spezifisch stadtbürgerliche Normen. Hegel sah die "Ruhe im Gemüt" als Angelpunkt der germanischen Nation, die Treue nicht zu vergessen. Was ist deutsch? Eine Sache um ihrer selbst willen tun, glaubte Richard Wagner.

Civis-Geschäftsführer Michael Radix hatte zur Begrüßung der Tagung "Das neue deutsche WIR: Ausbruch aus der Krise?" die aktuelle Lage so knapp wie präzise umrissen: die aufkommenden rechtspopulistischen und reaktionären Kräfte, die Bundestagswahl mit knapp 13 Prozent für die AfD als Zäsur, den bedrohten gesellschaftlichen Zusammenhalt - bei gleichzeitiger Warnung vor falschem Alarmismus: Die alte Ordnung erodiert in Europa, aber die Demokratie ist hierzulande stabil. Das subjektive Gefühl der Bedrohung, zu deren Chiffre die Flüchtlinge geworden seien, ist dennoch da. Auch durch die digitale Transformation, die den Wettbewerb der Menschen untereinander verschärft. Immer mehr fühlen sich ausgegrenzt, die Identitätsfrage droht zum Spaltpilz zu werden.

Da kann es nicht schaden, sich bisherige Antworten auf die Identitätsfrage genauer anzuschauen. In seinem Vortrag weist Borchmeyer auch auf andere Optionen hin als auf die der guten alten Primär- und Sekundärtugenden. Wie bereits in seinem Buch "Was ist deutsch?" zitiert Borchmeyer den in Warschau geborenen Schriftsteller Bogumil Goltz, der den Deutschen im 19. Jahrhundert vor allem Weltbürgerlichkeit zuschrieb. Mangels politischer Einheit erstrebe man das Einende im Anderen, Stichwort "Italiensehnsucht". Nicht in der Politik hätten die Deutschen ihre Tradition, sondern in der Kultur - die mit Bach und Goethe im übrigen lange vor dem Deutschen Reich existierte.

Dieter Borchmeyer zitiert Herfried Münklers "Macht der Mitte"

Auch ein anderer Beobachter von außen, der in Livland geborene Philosoph Hermann Graf von Keyserling, macht Borchmeyer zufolge e die Bedeutung der Deutschen nicht in der Tüchtigkeit aus, sondern in der Geistigkeit. Deutschland sei der prädestinierte Protagonist des Weltfriedensgedankens, schrieb von Keyserling - wenige Jahre, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Der Deutsche als Weltbürger, eine kühne These, die Thomas Mann gerne aufgriff.

Mit anderen Worten: Es gibt verschüttete Traditionsstränge und Wahrnehmungen des deutschen Wesens, die alles andere als tümlich sind. An sie ließe sich anknüpfen in der Leitkultur-Frage, in einer offenen, um Identität ringenden, wahlweise unter Selbststigmatisierung und ultrarechten Parolen leidenden Gesellschaft. Borchmeyer zitiert zuguterletzt auch Herfried Münklers Rede von der "Macht der Mitte". Deutschland als Mittler, als Vermittelnder - auch eine Art Leitkultur?

Selbstkritik der Medien: Skandalisierung ist gefährlich

Die Tagung rückte auch die Rolle der Medien beim Erstarken der Rechtspopulisten in den Fokus. WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich stellt klar, dass die AfD statistisch nicht überproportional in den Medien vertreten war und ist, anders als in der gefühlten Wahrnehmung. Alle betonen, es gibt keine Absprachen, schon gar kein Gleichschaltung. Im Gegenteil: Die deutsche Medienvielfalt sucht international Ihresgleichen.

"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer räumt allerdings ein, dass er den Magazin-Titel "AfD überrollt die Großparteien" heute nicht mehr so formulieren würde. Überhaupt wird in den Diskussionsrunden und Keynotes versichert, dass Pauschalisierung, Skandalisierung und Boulevardisierung in einer sich zunehmend polarisierenden Gesellschaft unbedingt zu vermeiden sind. Mikich weist zudem selbstkritisch darauf hin, dass die deutschen Medien bei aller Diversität personell viel zu homogen seien. Warum sitzen fast nur Hochschulabsolventen in den Redaktionen?

Migrationsforscherin Foroutan zur Ausgrenzung: "Ein neues deutsches Ihr"

Auch Migrationsforscherin Naika Foroutan beklagt die fehlende Repräsentanz in der Politik wie den Medien: 22,5 Prozent der Deutschen haben einen Migrationshintergrund, im Bundestag spiegelt sich das ebensowenig wie die seit 1949 per Verfassung verbürgte Gleichstellung von Männern und Frauen. Ausgrenzung ist nicht nur gefühlt, sondern Realität. "Es gibt ein neues deutsches Ihr,", sagt Foroutan, "ihr, die ihr die Diversität bevorzugt, ihr, die ihr unser Land verkauft". Und Wir, die Zukurzgekommenen.

Was also tun, um den Zusammenhalt zu stärken und die Sehnsucht nach Eindeutigkeit zu befriedigen? Da ist zum einen der Habermas'sche Verfassungspatriotismus. Der kleinste gemeinsame Nenner, so Foroutan, könnte das Bewusstsein für die Grundsätze der Verfassung sein, vor allem für den Gleichheits-Grundsatz. Auch der Konfliktforscher Andreas Zick verweist auf die Bedeutung, die das Grundgesetz der Menschenwürde zuschreibt. Es wäre eine positive Identität. Und die ist wichtig, denn wie sollen sich Zuwanderer integrieren, wenn sich nur mit einem pulverisierten alten Wir und einem an sich selbst leidenden, flottilen neuen Wir konfrontiert sehen?

Medienwissenschaftler Pörksen: "Versagen eines verzagten Wir"

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht vom "Versagen eines verzagten Wir". Er meint damit selbstkritisch eine gesellschaftliche Mitte, die sich etwa im Wahlkampf nicht programmatisch positioniert hat. Und der es in den Medien nicht gelungen ist, im Umgang mit den Rechtspopulisten eine flexible, situative Kommunikationsstrategie zu fahren, mal gesprächsbereit, mal konfrontativ, je nach den Argumenten des Gegenübers. Pörksen wirbt zudem für die "Ideale des guten Journalismus": Wahrheitsorientierung, Skepsis, Transparenzbemühen, miteinander Reden, all das müsse zu Elementen der Allgemeinbildung werden. Er wünscht sich den Wechsel von der digitalen zur redaktionellen Gesellschaft.

Aydan Özoguz, Staatministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration, hatte 2017 mit ihren im Tagesspiegel veröffentlichen Thesen zur Leitkultur für Furore gesorgt. Foto: picture alliance / dpa/Sophia Kembowski
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Aydan Özoguz, Staatsministerin für Migration und Integration, ist sich nicht sicher, ob die These von der Revolution von rechts überhaupt zutreffend ist. Antisemitische, fremdenfeindliche oder homophobe Stimmen habe es in Deutschland schon immer gegeben, sie seien nur lauter geworden. Gleichzeitig ist die deutsche Geschichte schon immer auch eine Geschichte der Einwanderung gewesen, das Wesen der Nation sei langfristig immer dadurch gestärkt worden. Auch eine Traditionslinie, ein Leitbild, von dem die Nation sich leiten lassen könnte. Es muss ja nicht gleich das Weltbürgertum sein.

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