pSzczepan Twardochs Roman "Morphin": Die Träume des Herrn Konstanty
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Willemann lässt sich von Widerstandskämpfern dazu überreden, die Wehrmachtsuniform seines schwer versehrten Vaters anzuziehen, nachdem der Totgeglaubte plötzlich im Deutschen Club wieder auftaucht: „Ich bin Konstanty Willemann und bin der Sohn einer Teufelin und eines Leichnams.“ Im Ersten Weltkrieg hatte der Vater bezeichnenderweise einen Großteil seines Gesichts und durch eine Phosphorbombe sein Geschlecht verloren – makabrer geht es kaum. Durch die väterliche Uniform nimmt Konstanty als Agent des polnischen Untergrunds nun offiziell die Perspektive des Deutschen Baldur von Strachwitz ein.
Das ist nicht ohne grimmige Komik, zumal er sich schon zuvor über das bizarre polnische Heldengebaren amüsiert hatte. So unterstellt er seiner Frau Helena, ihn in den Heldentod treiben zu wollen, um endlich Witwe zu werden. Seine Mutter wiederum, die sich glühend zum Polentum bekannt hatte, tritt ihm plötzlich in der Uniform der NS-Frauenschaft entgegen, als Leiterin der Germanisierungsbehörde. Der Übersetzer dichtet ihr eine malerische, aber im Deutschen inexistente „granatblaue“ Uniform an, vom polnischen „granatowy“ für dunkelblau.
Psychotherapie für die Polen
Ganz offensichtlich ist es ein Privileg der jüngeren polnischen Schriftstellergeneration, sich der eigenen Geschichte derart provokant zu nähern. „In einem bestimmten Punkt hat Polen keine Geschichte, sondern nur Mythologie“, sagt Szczepan Twardoch: „Deutschland hat die tiefgreifende Erfahrung machen müssen, sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine völlig neue Identität aufzubauen. Diese Erfahrung haben Polen überhaupt nicht. Die Mehrzahl der Polen braucht meines Erachtens eine Art Psychotherapie, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen – was sie immer noch nicht können. Aber das ist nicht meine Aufgabe!“
pIn seinen stärksten Passagen erreicht „Morphin“ den schneidenden Fatalismus von Curzio Malapartes Antikriegsepos „Kaputt“ (1944), besonders in den gespenstischen Kapiteln über Polen unter der NS-Herrschaft. Kann es mit einem wie Willemann gut ausgehen, der sich als Verschwender, Hurenbock und Morphinist bezeichnet und zugleich die ersten Deportationen von Juden beobachtet? Wohl kaum. Die rätselhafte, offenbar weibliche Erzählerinstanz umkreist den zerrissenen Helden auf knapp 600 Seiten wie ein Insekt, lässt ihn abwechselnd aus der Ich- wie aus der Er-Perspektive versichern, er sei Konstanty Willemann.
Das kann ermüdend wirken, so wie manch andere arabeske Ausschweifung. Der eruptiven Kraft dieses Romans tut es keinen Abbruch. Er bedeutet eine Herausforderung, nicht zuletzt für den Übersetzer. Olaf Kühl hat sich ihr bravourös gestellt. Und: „Morphin“ schreit aufgrund seiner expressiven Bildkraft geradezu nach einer Verfilmung. Diese sei in Vorbereitung, verrät der Autor, schränkt jedoch mit landestypischem Humor ein: „In der polnischen Filmindustrie kann man sich erst dann über einen Film sicher sein, wenn er in die Kinos kommt.“
Szczepan Twardoch: Morphin. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt, Berlin 2014. 592 Seiten, 22,95 €.