Sven Ratzke im Tipi bei der Premiere von "Homme Fatale". Foto: Britta Pedersen/dpa
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Sven Ratzke im Tipi Mephisto, wo bist du?

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Sven Ratzke gibt im Tipi am Kanzleramt den "Homme Fatal" - mit Coverversionen, neuen Liedern und abgedrehten Fantasie-Geschichten.

Am Rosenthaler Platz stand doch vor 25 Jahren immer dieser Straßenmusiker Harry. Abgeranzter Bademantel, nur eine Saite auf der Gitarre und eine Stimme wie Udo Lindenberg. Immer zu viel Alk im Blut und zu viele Geschichten am Start. Da schleichst du sich lieber schnell vorbei. Doch was ist das? Er nimmt die Sonnenbrille ab, schaut dich mit seinen Wolfsaugen direkt an und du begreifst: Da steht der Teufel, verkleidet als Freak-Musikus.

Es ist eine dieser typischen überkandidelten Fantasie-Anekdoten, die Sven Ratzke zwischen den Songs seiner Shows erzählt. Sie ergeben keinen Rahmen, haben auch nicht immer Pointen, aber sie sind in der Regel kurzweilig und laufen dann doch irgendwie auf die Lieder zu.

Rufus Wainwright schrieb einen Song für Ratzke

Mit der Harry-Story leitet der 40-jährige Entertainer, der neuerdings auch als Late-Night-Talker bei ARD zu sehen ist, den Song „Mephisto“ ein, den er zusammen mit seinem Pianisten Christian Pabst geschrieben hat. Er groovt so schön über die funky Quietschorgel, dass die etwas banalen Reime – „There is a fire, auweia“, „Mephisto, wo bist du?“ – gar nicht groß auffallen. Der Song ist die stärkste eigene Nummer dieses „Homme Fatal“-Programms im Tipi am Kanzleramt (wieder 19.10., 20 Uhr), das ansonsten auf eine Mischung aus Coverversionen und eigens für Ratzke geschriebenen Lieder setzt. Von Rufus Wainwright stammt etwa „Arachne“, in dessen Drama-Refrain Ratzkes Bariton mit den Scheinwerfern um die Wette leuchtet.

Ein starkes David-Bowie-Cover

Es folgt eine wenig originelle Version von Lou Reeds „Satellite Of Love“, bei der sich der deutsch-niederländische Sänger mit den wild abstehenden Haaren mit einem kräftigen Ruck von den schwarzen Anzugshose befreit und zwei spektakuläre oberschenkelhohe Lederstiefel zu enthüllen (Kostüme: Manfred Thierry Mugler) – passend zu Reeds Transformer- Phase. Und eine gute Überleitung zu David Bowie. Ratzkes anmutige Version von „The Man Who Sold The World“, die wie eine Zugabe zu seinem „Starman“-Programm von 2015 wirkt, ist ein Höhepunkt der Show. Da das Begleit-Trio ohne Gitarre auskommt, entfällt das sägende Leitmotiv des Originals.

Auch sonst gehen die Arrangements sparsam mit den offensichtlichen Reizen der Hits um: Den markanten Motown-Beat von Iggy Pops „Lust For Life“ singt die Band, statt ihn vom Drummer spielen zu lassen, sie gibt dem Stück dann einen hübschen Jazz-Touch. Bei Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“ weht die bekannte Keyboard-Hook nur ganz am Ende einmal durch das Zelt. Wie Ratzke dieses von ihm als „Liebe uns zerreißt“ übersetzte Lied mit geschlossenen Augen und viel Gefühl interpretiert ohne kitschig zu werden, ist beeindruckend und ein neuer Blick auf einen überstrapazierten Popklassiker. Augen auf – Jubel.

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