Das Beste, was Jazz zu bieten hat: The Sun Ra Arkestra aus Philadelphia Foto: Festsaal Kreuzbergp

Sun Ra Arkestra im Festsaal KreuzbergImmer noch galaktisch

Von Volker Lüke0 Kommentare

Diszipliniertes Chaos: Beim Konzert des Sun Ra Arkestra im Festsaal Kreuzberg schwebt der Geist des einstigen Bandgründers über dem Weltraumorchester.

Auch mit 93 kann man sich noch das Hirn rausblasen! Mit leuchtenden Augen strahlt der kleine alte Mann ins Publikum, pumpt die Backen auf und glänzt mit einem beherzten Knattersolo am Altsaxofon. Später funkt er mit einem durch Atemluft gesteuerten EWI-Synthesizer sphärische Signale in den Saal, wackelt zum Rhythmus der Musik über die Bühne und spornt seine in bunt schillernde Glitzerkostüme gekleideten Mitspieler zu neuen Höchstleistungen an.

Da ist er: Marshall Allen, der Methusalem des kosmischen Space-Jazz, der 1957 dem Sun Ra Arkestra beigetreten ist und 36 Jahre lang neben dem Piano des Mannes gestanden hat, der sich Sun Ra nannte und mit seiner intergalaktischen Weltraumphilosophie bis heute großen Einfluss auf zahlreiche Künstler hat. Nachdem der sensationelle Bandleader am 30. Mai 1993 den Planeten verlassen hatte und ihm zwei Jahre später auch noch der Tenorsaxofonist John Gilmore folgte, übernahm Allen das Kommando und wertet seitdem mit dem Arkestra den sagenhaften Tondokumente-Schatz aus, der vom Sonnengott zurückgelassen wurde. Einen Tag nach der Weltpremiere der digitalen Fassung des afrofuturistischen Sun-Ra-Films „Space Is The Place“ von 1974 im Babylon Kino liefert das Sun Ra Arkestra im rappelvollen Festsaal Kreuzberg einen Auftritt ab, der zum Anrührendsten und Wunderbarsten gehört, was einem unter der Bezeichnung Jazz vorgeführt werden kann.

Choreografie gewordene Ekstase

Pflichtbewusst lenkt Allen das 12-köpfige Ensemble aus Philadelphia durch ein diszipliniertes Chaos aus traditionellem Swing und wildem Freistil-Getöse. Locker gehäkelte Klanggebilde werden von rollenden Hardbop-Grooves abgelöst, schwüle Exotica-Beats mit verkappten Broadway-Melodien und eingängigen Blues-Figuren verbunden und in die surrealen Ebenen der Poesie und des Humors übersetzt. Im Mittelpunkt stehen die improvisatorischen Ausflüge des quicklebendigen Allen, der den spirituellen Brennstoff lässig in die Nähe von Grenzwerten dirigiert.

Und wenn bei Stücken wie „Rocket Number Nine“ oder „Angels & Demons at Play“ die Choreografie gewordene Ekstase über den Bühnenrand schwappt, schwebt auch der Geist des einstigen Bandgründers über dem Weltraumorchester, das seit über 60 Jahren mit wechselnder Besatzung unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erkunden, die nie ein Mensch zuvor gehört hat. In dieser Klangwelt liegt ein humaner Charme, der nach zwei Stunden Spielzeit fast so etwas wie Glückseligkeit hinterlässt.