Die Höchste Eisenbahn Foto: Sonja Stadelmaier / Tapetep

Studiobesuch bei Die Höchste Eisenbahn Wirbel im Kopf

Yasmin Polat
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Sie machen verträumten Indie-Pop, mischen Melancholie und Humor. Gerade sind Die Höchste Eisenbahn mit ihrem zweiten Album auf Tour. Ein Studiobesuch.

Der Himmel hängt grau über diesem Mittwochvormittag. Francesco Wilking hastet mit seinem Sohn quer über einen Hinterhof in Prenzlauer Berg. Durch eine Tür dringt leise Gitarrenmusik: „Moritz ist schon da“, sagt Wilking, während er die Tür öffnet, sich eine Zigarette ansteckt und die Musik lauter wird.

Moritz Krämer sitzt mit einer Gitarre vor einem Computer im gemeinsamen Aufnahmestudio und spielt parallel zur Musik, die aus den Computer-Lautsprechern dringt. Die beiden Musiker begrüßen sich und fangen direkt an, über die Arbeit zu reden: „Da muss der Gesang noch reduziert werden“, kommentiert Krämer das eben Gehörte. „Die drei Akkorde schaukeln da so hin und her“. Wilking stimmt zu, sein Blick fällt auf seinen Sohn, der es sich auf dem braunen Sofa des Studios gemütlich gemacht hat.

Aktuelles Album im August erschienen

In diesem Tonstudio entstehen die Lieder von Krämers und Wilkings Band Die Höchste Eisenbahn, zu der auch Schlagzeuger Max Schröder und Bassist Felix Weigt gehören. Der kleine Raum ist voller Instrumente, auf dem Fensterbrett liegen Bücher, im Nebenraum steht ein Klavier, das gerade gestimmt wird, immer wieder erklingt derselbe Ton.

An den oberen Teilen der Fenster zum Nebenraum kleben schwarze Tafel-Folien, auf denen in bunter Kreide „Die Höchste Eisenbahn“ und „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen“ geschrieben steht. Letzteres ist der Titel des aktuellen Albums, das im August erschienen ist. Damit tourt die Band derzeit durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. „Davor ist immer noch einiges zu tun“, sagt Wilking, der kürzlich seinen 42. Geburtstag feierte. „Aber nichts, was mit der Tour zu tun hat, Rechnungen schreiben zum Beispiel.“ Krämer stimmt zu: „Ja, man denkt immer, auf Tour käme man dazu, Dinge zu erledigen, aber man hat dann doch wenig Zeit und in der schläft man meistens.“

Krämer und Wilking, die beide singen und Gitarre spielen bei der Höchsten Eisenbahn, kommen beide aus dem Süden Deutschlands. Krämer ist in Schönenberg, einem Dorf bei Schönau im Schwarzwald aufgewachsen, Wilking kommt ursprünglich aus Lörrach. Seit 2001 sind beide in Berlin. Erst zehn Jahre später lernten sie sich kennen, nachdem Krämers Booker vorschlug, dass die beiden Songwriter auf einem kleinen Festival in Dresden zusammenspielen. Krämer hatte vorher solo Musik veröffentlicht, Wilking war zudem noch mit seiner Band Tele unterwegs. „Dann habe ich bei Francescos Liedern mitgespielt und Francesco bei meinen“, erinnert sich der 36-Jährige. Seither machen sie gemeinsam Musik.

Fünf Jahre, zwei Alben und zwei EPs später haben sie noch immer Spaß mit dem, was sie tun: „Eigentlich ist gar nichts anstrengend an unserem Beruf“, sagt Krämer und wärmt seine Hände am Teeglas. „Wenn, macht man es sich selber anstrengend, weil man im Kopf irgendwelche Wirbel hat und denkt ‚das ist zu wenig’ oder ‚ich bin zu langsam’ oder ‚ich kann keinen einzigen Text mehr schreiben’. Das ist alles im Kopf.“

Große und kleine Probleme des Lebens

Bei der aktuellen Platte haben sie die Musik zu viert komponiert und die Texte zu zweit geschrieben. „Da entstehen eben diese vielen Wirbel im Kopf, weil wir nicht immer alle das Gleiche schön, lustig, traurig oder leise finden.“ Das kommt nicht von ungefähr, auch weil die vier außerhalb der Band sehr umtriebig sind. Moritz Krämer studiert Regie an der dffb und arbeitet gerade an seinem Abschlussfilm, Drummer Max Schröder war unter anderem mit Der Hund Marie mit Olli Schulz unterwegs, Felix Weigt bei Kid Kopphausen und Francesco Wilking hat neben seiner Band Tele schon Soundtracks für „Stromberg – Der Film“ oder den „Tatort“ komponiert. Das sind viele Talente und viele Meinungen.

Sie konnten sich aber einigen. Die 13 Songs des neuen Albums haben Namen wie „Gierig“ oder „Lisbeth“ und erzählen oft szenisch von den großen und kleinen Problemen des Lebens. Die wabernden, sphärischen Melodien sind auf eine sanfte Art direkt, die Texte melancholisch und gleichzeitig von Humor getragen. „Unsere Liebe wird aufgehen wie eine Blume“, heißt es etwa im Refrain von „Blume“, das um ein sonniges Gitarrenmotiv herumgebaut ist. Die Höchste Eisenbahn erinnert an Gisbert zu Knyphausen, Dota Kehr oder Judith Holofernes – Indie-Pop-Musiker/innen, die übrigens alle schon mit Wilking und Krämer auf der Bühne standen.

Einige Konzerte der Eisenbahn-Tour waren schnell ausverkauft, Zusatz-Konzerte mussten her, die Hörerschaft der Band wird langsam größer. Macht das manchmal Angst? „Nein“, meint Wilking, „Ich glaube, dass es Angst vorm Erfolg nicht gibt, weil die Leute ja nicht wissen, was das ist, bis man Erfolg hat.“ Und selbst dann nehme man es nicht so wahr: „Das ist ja auch kein Über-Nacht-Ding. Es sei denn, du bist 17 und hast ,The Voice of Germany’ gewonnen.“ Die Vorstellungen von Erfolg, sagt Wilking, seien ja oft solche Dinge, dass man auf der Straße erkannt oder auf die Hochzeit von James Bond eingeladen werde. Beides sei noch nicht so oft passiert. „Wir haben eben eher ein Arbeitsgefühl und freuen uns, dass Leute auf die Tour kommen.“

Eine Band, denen fast nur Liebe entgegengebracht wird

Die Arbeit, die Musik, der Klang – das steht bei der Höchsten Eisenbahn im Vordergrund. Also zurück dazu. Wie würde Wilking den Sound seiner Band beschreiben? „Verwaschen und verträumt“, sagt er. Und etwas Traumartiges sei auch dabei. Verwaschen meine er in dem Sinne, dass es eben nicht die neue Hose, nicht die ganz weißen Tennisschuhe seien. „Shabby-Chic oder wie?“ fragt Krämer lachend, Wilking stimmt zu.

Bisher kommt dieser Chic gut an, von negativem Feedback sei die Gruppe größtenteils verschont geblieben. „Wenn man Indie-Musik macht und sich in einer Nische befindet, bekommen es ja meist nur Leute mit, die sowieso darauf Bock haben. Zumindest stelle ich mir das so vor“, sagt Moritz Krämer. Scherzhaft fügt er hinzu: „Klar, mit dem Erfolg kommen die Hater“. Ihm fällt dazu eine Geschichte ein: Vor Kurzem habe ihn per Facebook eine Nachricht von jemandem erreicht, der beim Release-Konzert im Astra Kulturhaus war. „Der hat so richtig abgeledert, wie schlecht wir wären. Da meinte ich zu Francesco: ‚Guck mal, eine Hater-Nachricht, das heißt, jetzt haben wir Erfolg.’ Und dann meinte der: ‚Nee, nee du hast vergessen, dass Felix bei dem Konzert gesagt hat, dass derjenige das nächste Mal umsonst ins Astra kommt, der die geilste Hater-Nachricht schreibt.’“ Eine Band, der fast nur Liebe und ein bisschen gefälschter Hass entgegengebracht wird – man könnte es Erfolg nennen.

„Wer bringt mich jetzt zu den Anderen“ ist bei Tapete-Records erschienen. Konzert: Astra Kulturhaus, 13.11. (ausverkauft). Zusatztermin: 15.2.

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