Kyoko und Kaito, von Jun Yoshinaga und Nijiro Murakami gespielt. Foto: Film Kino Textp

"Still the Water" von Naomi Kawase In deinem Element

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Stille Bilder, wortkarge Metaphorik: „Still the Water“ von Naomi Kawase beschäftigt sich mit der Faszination Tod - und dem Übertritt von der realen in die spirituelle Welt.

Gewaltig braust und wogt die See in der Eingangssequenz. Eine menschenverschlingende Kraft, die der Junge Kaito mehr als alles andere fürchtet. Und zugleich kann einen dieses entgrenzende und erneuernde Element geradezu umschmeicheln. So sehr liebt das Mädchen Kyoko das Meer, dass sie am liebsten in ihrer Schuluniform hineinspringt. Unbändig wirft sie sich in die Wogen wie in das Leben.

Kyoko und Kaito sind das schöne, scheue Liebespaar in Naomi Kawases Coming-of-Age-Drama „Still the Water“, das im vergangenen Jahr in Cannes Premiere feierte. Dort ist die japanische Regisseurin Stammgast. 2007 gewann sie mit dem Altenheim-Drama „Der Wald der Trauer“ den Großen Preis der Jury. 2011 zeigte sie die tragische Dreiecksgeschichte „Hanezu no tsuki“. Beides sind bildmächtige, meditative Epen, in denen die Natur in Gestalt von Wald und Bergen zur Seelenlandschaft der Protagonisten wird.

Faszination Tod

Gleiches geschieht nun auf Amami-Oshima: Die Insel ist ein wenig besiedeltes, subtropisches Idyll, das so golden in der Sonne aufglüht, wie es bleigrau im Taifun verdüstert. Ein visuell nicht ästhetisiertes, sondern in naturalistischen Handkamerabildern eingefangenes und trotzdem traumschönes Eiland. Ländlich-warmes Gegenbild zum urban-kalten Tokyo, in dem Kaitos Vater lebt. Ja, ein Paradies – und doch ein Ort, an dem gewaltsam gestorben wird: Gleich zu Beginn dümpelt ein tätowierter Toter bei Vollmond im Wasser, und in dickem Strahl bluten Lämmer und Ziegen aus.

Kyoko und Kaito, von Jun Yoshinaga und Nijiro Murakami so sensibel wie überzeugend gespielt, sind vom Tod fasziniert. Als Kyokos Freund, der weise Fischer, die Ziege schlachtet, schaut sie genau hin. Auch das von traditionellen Gesängen begleitete Sterben von Kyokos Mutter, der Schamanin des Dorfes, erleben beide selbstverständlich mit. Die in stille Bilder von flirrendem Sonnenlicht, verschlungenen Luftwurzeln und Blättergeraschel gekleidete Metapher des Entschwindens aus der realen und Eintretens in die spirituelle Welt gehört zum Unerklärlichen, das in Naomi Kawases wortkargem Film wundersam greifbar Gestalt annimmt.

Reinigung durch Naturgewalten

Wobei die Regisseurin darüber die eine Wahrnehmungsebene näher liegenden, körperlich greifbaren Konflikte nicht vergisst. Etwa, wenn Kyoko Kaito ihr sexuelles Begehren gesteht und ihn kurzerhand küsst. Oder wenn Kaito der vom Vater getrennt lebenden Mutter seine Verachtung für ihre wechselnden Liebschaften entgegengiftet und dann im Taifun vor Angst wie ein Kleinkind nach Mama schreit. Ein bisschen simpel übrigens dient der Kontrast zwischen idealer und dysfunktionaler Familie dazu, das unterschiedliche Wesen der Jugendlichen zu erklären – ähnlich auch die Metapher vom alles zuspitzenden, alles reinigenden Sturm. Oder die vom Ozean als Befreier und Verwandler.

Immerhin: Nach dem Tosen der Naturgewalten erscheint das Meerespanorama in Cinemascope noch atemberaubender. Die Liebenden können die Welt und einander annehmen. Sogar ins Wasser traut Kaito sich an der Hand von Kyoko. Die Angst aufzugeben ist der erste Schritt, der Mut zur Hingabe, zum Treiben im fremden Element der zweite. Die Unterwasserbilder der Schwimmenden, archetypisch harmonisch, zeigen Natur und Mensch bruchlos vereint, wie vor dem Sündenfall. Zwei Liebende, rein und bloß in der blauen Unendlichkeit. Das Leben steht ihnen offen.

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