Stefan Zweig. Vor 75 Jahren starb der deutsche Schriftsteller im brasilianischen Exil. Foto: dpap

Stefan Zweigs letzte Jahre Warten auf die Morgenröte

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Vor 75 Jahren starb er im brasilianischen Exil. Eine neue Biografie, die letzten Briefe und eine Faksimilie-Ausgabe seines Adressbuches zeigen, warum der Weg in den Suizid ihm folgerichtig erschien.

Selbst sein Abschied wurde noch zum Auftritt. Bevor Stefan Zweig eine Überdosis Veronal schluckte und sich aufs Sterbebett legte, richtete er ein letztes Mal die Frisur, knöpfte sein Hemd zu und zog die Krawatte gerade. Auf den Polizeifotos scheinen der Schriftsteller und seine Ehefrau Lotte, die mit ihm in den Tod ging, zu schlafen. Lotte trägt einen eleganten Kimono, ihr Kopf liegt auf seiner Schulter. Das Bild einer Liebe, die über das Leben hinausreicht. Das Ehepaar, das seit fast zehn Jahren auf einer rastlosen Flucht vor den Nationalsozialisten war, starb vor 75 Jahren, in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942, im brasilianischen Exil.

Erschöpft von Jahren des Wanderns

Seine Kräfte seien „durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“, schreibt Stefan Zweig im Abschiedsbrief. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Seine Frau Lotte neigt weniger zu Pathos, ihrer Schwägerin teilt sie lakonisch mit: „Glaube mir, so wie wir das jetzt machen, ist es das Beste.“ Aber wollten sie tatsächlich gemeinsam sterben? Der amerikanische Literaturwissenschaftler George Prochnik weist in seiner Biografie „Das unmögliche Exil“ auf Ungereimtheiten hin. So erwähnt Zweig seine Ehefrau im Abschiedsschreiben mit keinem Wort, er spricht nur von sich. Anders als seiner war ihr Körper noch warm, als die Leichen entdeckt wurden. Sie muss das Gift später eingenommen haben. Weil eigentlich nur er sich umbringen wollte?

Nach Brasilien waren Stefan und Lotte Zweig voller Zuversicht aufgebrochen. Schon auf dem Schiff, das sie von New York nach Rio brachte, hatten sie begonnen, Portugiesisch zu lernen. Begrüßt wurde der Schriftsteller, so Prochnik, „wie ein Superstar“. Am Pier wurde er vom Außenminister empfangen, das Ehepaar schritt im Blitzlichtgewitter die Gangway herab. Zweig glaubte, in einem postrassischen Paradies angekommen zu sein. Brasilien sei, schrieb er, „der einzige Ort, wo es keine Rassenfrage gibt, Neger und Weiße und Indianer, die herrlichsten Mulattinnen und Kreolinnen, Juden und Christen leben in einem Frieden zusammen, den man nicht schildern kann“.

Das war Wunschdenken, die herrschende Klasse setzte sich auch in Brasilien aus den Nachfahren der weißen Eroberer zusammen, und an der Staatsspitze stand mit Diktator Getúlio Vargas ein Antisemit, der Zweig nur deshalb Asyl gewährte, weil er weltberühmt war. Als kurz nach der Ankunft des Schriftstellers im August 1941 sein auf frühere Besuche zurückgehendes Buch „Brasilien. Ein Land der Zukunft“ erschien, waren viele einheimische Intellektuelle enttäuscht. Denn Zweig feierte den Diktator dafür, dass sein Land „weniger Vergangenheit und mehr Zukunft“ besitze als Europa. Seine Dynamik habe der „Estado Novo“ Vargas zu verdanken. Naivität in politischen Dingen gehörte zu Zweigs Charakterzügen.

Europa wollte er vergessen

Zweig kam nach Brasilien, weil er sich Abstand erhoffte von der Politik, von Europa und dem Krieg. In New York war er von Bittstellern geradezu belagert worden, gegenüber dem Schriftstellerfreund Romain Rolland klagte er über eine „Flüchtlingslawine“. Zweig war durchaus bereit, sich zu engagieren. Vielen Exilanten, die bei ihm vorsprachen, half er mit Geld und Ratschlägen, und als sich im Mai 1941 der „European P.E.N. in America“ gründete, entschuldigte er sich für „die Schandtaten im Namen Deutschlands“. Aber um überhaupt noch arbeiten zu können, zog er aus New York fünfzig Kilometer raus in das Städtchen Ossining.

„Wenn es nur gelingt, hier Europa zu vergessen, allen Besitz, als verloren zu betrachten, gleichgiltig gegen alles an ,Ruhm’ und Erfolg zu sein und nur dankbar, dass man in einer göttlichen Landschaft leben darf, während Europa Hunger und Elend verheert, will ich zufrieden sein“, schreibt Zweig an seine Exfrau Friderike, mit der er auch noch nach der Scheidung befreundet ist. Mit der „göttliche Landschaft“ meint er die tropische Umgebung von Petrópolis, einem Erholungsort im Hinterland von Rio de Janeiro, wo sich Kaiser Dom Pedro II. einst seine Sommerresidenz hatte bauen lassen. Dort mietet das Ehepaar einen Bungalow für ein halbes Jahr, nimmt einen Hund auf, unternimmt ausgedehnte Wanderungen. Zweig findet zu alter Produktivität zurück, überarbeitet seine Autobiografie „Die Welt von Gestern“ und schreibt die „Schachnovelle“, die bis heute ein Bestseller ist.

Die Welt von Gestern, das weiß der Autor, als er sein von Pathos und Nostalgie durchtränktes Buch schreibt, wird er nicht wiedersehen. „Ich musste wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei“, schreibt er in einer Mischung aus Trotz und Resignation. Seine Geburtsstadt Wien habe er „wie ein Verbrecher verlassen müssen“. Als sein Haus in Salzburg 1934 nach einer Denunziation von austrofaschistischen Polizisten durchsucht wird, setzt sich der Pazifist, Humanist und Freigeist zwei Tage später im Zug nach London ab. Sein erstes großes Exilbuch „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“, die Geschichte eines redlichen, aber wenig entschlusskräftigen Gelehrten, ist auch ein Selbstporträt.

Die Juden Europas sah er in "Geiselhaft"

Lange weigert sich Zweig, die Nationalsozialisten offen zu kritisieren. Schließlich seien die Juden in ihrer „Geiselhaft“. Der Schriftsteller kämpft seit Jahren mit Depressionen, aber in Brasilien erlebt er Momente der Euphorie. Der Karneval, zu dem er mit seiner Frau nach Rio fährt, begeistert ihn: „Wie sehr hätte man es früher genossen, eine ganze Stadt vier Tage lang tanzen, umherziehen, singen zu sehen, ohne Polizei, ohne Kommerz – eine Menschenmenge, nur durch die Freude vereint!“ Aber die Zeilen klingen bereits nach Abschied. Der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 hatte ihn bedrückt, nun berichteten Nachrichten vom Vordringen der Wehrmacht in Nordafrika. Dem Kollegen Berthold Viertel schrieb er: „Diejenigen von uns, die still ein Ende machten, waren vielleicht die weisesten; sie hatten ein abgerundetes Leben, während wir noch an dem Schatten unserer selbst weiter hängen.“

Stefan Zweig gehörte mit Thomas Mann und Lion Feuchtwanger zu den prominentesten deutschsprachigen Exilanten. Aber eine moralische Instanz wollte er nicht sein. „Der Intellektuelle sollte nah bei seinen Büchern bleiben“, sagte er. Nur widerwillig äußerte er sich zu politischen Themen. Wie eng Zweig mit anderen Emigranten vernetzt war, das zeigt sein letztes Adressbuch, das gerade in einer kommentierten Faksimile-Ausgabe herausgekommen ist. Das schmale „Telephone Book“, das er ab 1940 führte, versammelt 158 Namen, darunter viele Schriftsteller, Musiker und Journalisten.

Ein Leben aus Angst, Pessimismus, Apathie

Oft sind die Adressen durchgestrichen und aktualisiert worden. Ebenso wie Zweig selbst waren auch seine Freunde und Bekannte Flüchtlinge ohne bleibenden Wohnsitz. Von vielen europäischen Freunden hatte Zweig sich getrennt. Hans Carossa fehlt im Adressbuch genauso wie Richard Strauss. Beide, von Zweig einst bewundert, waren in Deutschland geblieben und setzten ihre Karriere unter den Nationalsozialisten fort.

Am Ende seines Lebens war Zweig von Angst, Pessimismus und Apathie erfüllt. Seine Briefe aus den letzten zwanzig Monaten, die jetzt in einer vorbildlichen Edition erscheinen, erzählen von einer langen Reise in die Ausweglosigkeit. Von einem „Zusammenbruch mit schwarzen Gedanken“ spricht er im November 1941, im Januar 1942 gesteht er: „Ich bin ständig über den ewigen Krieg deprimiert.“ Und im Abschiedsbrief an seinen Schwager bilanziert er: „Auch konnte ich mit meinen sechzig Jahren nicht mehr den Gedanken ertragen, noch ein paar Jahre in diesem schrecklichen Zeitalter auszuharren.“ Zum Suizid sah er keine Alternative mehr.

- George Prochnik: Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C.H. Beck, München 2016. 397 S., 29,95 €.

- Stefan Zweig und sein Freundeskreis. Sein letztes Adressbuch 1940–1942. Hg. von Alberto Dines, Israel Beloch und Kristina Michahelles. Aus dem brasil. Portugiesisch von Stephan Krier. Hentrich & Hentrich, Berlin 2016. 240 S., 27,90 €.

- Stefan und Lotte Zweigs südamerikanische Briefe. Hg. von Darién J. Davis und Oliver Marshall. Aus dem Englischen von Karin Hanta. Hentrich & Hentrich, Berlin 2017. 336 S., 27,90 €.

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